Jürgen Klopp im Jahr 2003 : „Vielleicht platzt noch eine kleine Bombe“

Mit Mainz war es wie mit Liverpool: Auch da klappte es für Jürgen Klopp erst im dritten Anlauf. Erinnerungen an ein Gespräch mit dem jungen Trainer.

Bitterer Moment. Jürgen Klopp nach dem Spiel in Braunschweig im Mai 2003.
Bitterer Moment. Jürgen Klopp nach dem Spiel in Braunschweig im Mai 2003.Foto: dpa/pa

Die Aufgabe an sich erschien nicht dankbar zu sein. Mal eben den jungen Trainer eines eher grauen Zweitligisten anrufen, der wieder einmal und diesmal knapper als knapp am Aufstieg vorbeigeschrammt war. Ich sollte den Trainer fragen, wie so etwas passieren konnte, wenige Stunden nach so einer Enttäuschung würde der bestimmt ausgeruht auskunftsfreudig sein.

25. Mai 2003, Stadion von Eintracht Braunschweig:  Mainz 05 führt am letzten Spieltag war aufgestiegen, weil es bei Konkurrent Eintracht Frankfurt nur 3:3 stand. Auf der Bank des ewigen Zweitligisten wurde schon der Aufstieg gefeiert, nur einer ist noch vorsichtig: der junge Trainer Jürgen Klopp. Zu Recht, denn am Ende steigen die Mainzer wieder nicht auf. Am nächsten Tag nun meldet sich der junge Trainer gleich beim ersten Durchklingeln. „Geht schon“, sagt er. „Klar können wir reden.“ Seine Stimme ist geknickt, sein Ton aber entschlossen.

Nach 80 Spielminuten hatte Mainz 05 schon 4:0 geführt. Klopp sagte: „Wir hatten es geschafft, uns vom anderen Ergebnis unabhängig zu machen, übten Druck auf Frankfurt aus, hatten drei Tore mehr als die. Unsere Fans feierten schon den Aufstieg.“ Aber er habe versucht, gar nichts zu glauben. „Und spätestens nach dem vierten Frankfurter Tor hatte ich da so eine Befürchtung. . . Die erwies sich als berechtigt.“

Als das Spiel längst vorbei war, lief in Frankfurt die Nachspielzeit. Alle Mainzer Spieler versammelten sich auf dem Rasen, dann kam die Kunde vom sechsten Frankfurter Tor. „Ich habe noch nicht geweint, dafür unseren Fans applaudiert. Es war eine große Saison“, sagte Klopp. „Mit tragischem Ende. Sicher. Vielleicht wird bei mir doch noch innerlich eine kleine Bombe platzen. Kann sein, dass es mir dann mal ein oder zwei Tage richtig schlecht geht.“

„Das darf uns nicht interessieren“, sagte Klopp über Stigmata

Das 5:3 für Frankfurt gegen den SSV Reutlingen fiel in der 90. Minute, das 6:3 in der Nachspielzeit – und unhaltbar schien es nicht. Mainz, schließlich 4:1-Sieger in Braunschweig, fehlte ein Tor zum Aufstieg und die Karriere des erst 35 Jahren alten Trainers hatte einen zweiten kleinen Knick bekommen. Im Jahr zuvor hatte Mainz den Aufstieg am allerletzten Spieltag durch ein 1:3 beim 1. FC Union verpasst. Klopp sagte, das sei nun mal so.  „Uns fehlte ein Tor zum Aufstieg, in der Leichtathletik fehlt manchmal eine Hundertstelsekunde zum Sieg. Knappe Entscheidungen machen Sport interessant. Ich werde einen Teufel tun und in das Spiel der Frankfurter etwas hineininterpretieren.“

Ob er nicht Angst habe, dass seine Mainzer nun mit dem Stigma der Unaufsteigbarkeit leben müssten, fragte ich Jürgen Klopp. Stigmata bekomme man aufgedrückt, sagte er. „Also darf uns das nicht interessieren. Man hat uns schon letztes Jahr totgesagt, trotzdem sind wir zurückgekommen. Wir werden uns wieder der Situation stellen.“

Auf der Heimfahrt nach Braunschweig habe ihn die Haltung seiner Spieler überzeugt. „Da musste ich wenig Trost spenden. Meine Spieler haben sich nicht mit ihrem Frust beschäftigt, sondern den Aufstieg von Mainz 05 in die Bundesliga gefeiert. Der findet im Jahr 2004 statt. Wir haben uns geschworen, dass wir das schaffen.“

Ich hielt das natürlich für eine Durchhalteparole, aber für einen zweispaltigen Eckenbrüller hatte der freundliche und eloquente junge Trainer aus Mainz schon genug gesagt. Nach einer knappen halben Stunde wünschte ich Jürgen Klopp alles Gute. „Vielleicht hört man sich ja mal wieder“, sagte er. Ich dachte: Nun, wer weiß das schon. In der Zweiten Liga kann ja viel passieren. Zum Abschied sagte mir Jürgen Klopp: „Allein, dass Sie mich als Mitarbeiter einer großen Berliner Zeitung angerufen haben, zeigt mir doch schon, dass wir als Verein gewachsen sind.“ In Berlin hätte sich doch sonst kaum jemand für seinen Klub interessiert. Insofern habe er sich über den Anruf gefreut.

Ein Jahr später steigt Mainz dann in die Bundesliga auf: Jürgen Klopp hat diesen Aufstieg vor dem Triumph mit dem FC Liverpool im Champions-League-Finale von Madrid mal als den größten Erfolg seiner Karriere bezeichnet. Zumindest hat er damals vor 16 Jahren wohl viel in Sachen Hartnäckigkeit gelernt. Den Titel in der Champions League hat er ja auch erst im dritten Anlauf gewonnen. Und ich habe gelernt, dass ein Journalist das Talent junger, sympathischer Zweitligatrainer nie unterschätzen sollte. Die Überschrift über dem Interview mit Jürgen Klopp lautete übrigens: „Eine kleine Bombe platzt noch.“

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