• Kolumne „Auslaufen mit Lüdecke“ : Hertha auf Platz vier – nach „Spektakel-Quotient“

Kolumne „Auslaufen mit Lüdecke“ : Hertha auf Platz vier – nach „Spektakel-Quotient“

Millioneninvestitionen, neues Stadion, Jürgen Klinsmann – Hertha will groß rauskommen. Unserem Kolumnisten würde etwas mehr Demut besser gefallen.

Frank Lüdecke
Sprich zu der Hand: Bei Dedryck Boyata und Hertha BSC ist die Stimmung derzeit nicht besonders positiv.
Sprich zu der Hand: Bei Dedryck Boyata und Hertha BSC ist die Stimmung derzeit nicht besonders positiv.Foto: Andreas Gora/dpa

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke ist Chef der „Stachelschweine“ und schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

Ja, ja! Es war eine Ungerechtigkeit. Natürlich! Ein Leipziger Abwehrspieler berührte den Ball im Strafraum mit der Hand und brach dann anschließend seinem Berliner Gegenspieler auch noch das Nasenbein. Und während alle rätselten, ob es jetzt Hand- oder Foulelfmeter für Hertha gibt, entschied sich der Schiedsrichter für: Abstoß Leipzig! Und im Videokeller in Köln war gerade Gleitzeit. Das passt in die Saison von Hertha BSC.

Mal fehlt es an einem taktischen Konzept, dann stimmt die Einstellung nicht. Und wenn beides mal zu erkennen ist, haben die Schiedsrichter einen schwarzen Tag. Man kann anerkennen, dass bei Spielen von Hertha inzwischen richtig viele Tore fallen. In meiner Privattabelle des „Spektakel-Quotienten“ steht Hertha auf Platz vier! Ich addiere hier die erzielten und erhaltenen Tore. Nur Mannschaften wie der FC Bayern oder RB Leipzig stehen vor uns. Leider ist der Anteil der Gegentreffer bei uns etwas hoch. Schade.

Das Hauptproblem aber, das Hertha BSC derzeit hat, wurde vom Sportlyriker Friedrich Hölderlin gut auf den Punkt gebracht, als er schieb: „Die Deutschen sind tatenarm und gedankenvoll.“ Auch von Hertha liest man derzeit sehr viel Theoretisches, Geplantes, Gedachtes, in die Zukunft Gerichtetes. Man liest vom „Big City Club“, von Millioneninvestitionen, einem neuen Stadion, von Jürgen Klinsmann, der Champions League, und, und, und.

Faktisch aber steht das derzeit „spannendste Fußball-Projekt Europas“ (Hertha-Aufsichtsratsmitglied Jürgen K.) auf Platz zwölf der Bundesliga, punktgleich mit Fortuna Düsseldorf. Und bereits zwei Zähler hinter dem Konkurrenten aus Köpenick. Tendenz fallend. Wenn das so weitergeht, wird das Projekt seine Spannung daraus beziehen, wie es verhindern kann, sich in Liga zwei neu sortieren zu müssen. Was mich hier zunehmend irritiert, ist der fulminante Widerspruch zwischen Anspruch und Geleistetem.

Herthas Fallhöhe ist schmerzhaft

Als Hertha-Fan kennt man das ja, aber die Sache bekommt gerade eine neue Qualität. Vielleicht sollte man die großen Planungen medial nicht ganz so ins Scheinwerferlicht rücken, solange die Ergebnisse derart überschaubar sind. Denn die Fallhöhe ist doch richtig schmerzhaft.

In diesen Tagen gibt Uli Hoeneß das Präsidentenamt von Bayern München auf. Auch kein Freund der leisen Worte, aber seiner sprachlichen Großspurigkeit folgten nicht selten entsprechende Taten. Muss man neidlos anerkennen. Leider hat er auch gesagt: „Wenn Klinsmann Obama ist, dann bin ich Mutter Theresa.“ Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen.

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