Kolumne "Auslaufen mit Lüdecke" : Von Jürgen Klinsmann und Helmut Kohl

Unser Kolumnist bewundert Jürgen Klinsmanns Motivationskünste nach dem Spiel. Am Inhalt hat er aber seine Zweifel.

Frank Lüdecke
Mit voller Power. Jürgen Klinsmann bejubelt Herthas Anschlusstreffer zum 1:2 gegen Borussia Dortmund.
Mit voller Power. Jürgen Klinsmann bejubelt Herthas Anschlusstreffer zum 1:2 gegen Borussia Dortmund.Foto: AFP

Endlich! Es tut sich einiges bei Hertha! Die Spiele werden zwar weiter verloren, aber jetzt doch mit wesentlich mehr Optimismus. Und Charme! Also wenn Jürgen Klinsmann da so erfrischend analysiert, warum es wieder nicht geklappt hat, da habe ich sofort beste Laune. Und wenn er nur fünf Minuten weitergeredet hätte, wär ich davon ausgegangen, das Spiel sei gewonnen worden. Das ist die Stärke Klinsmanns! Er ist ein echter Motivator. Er kann nicht nur die Spieler vor dem Spiel pushen, sondern sogar die Zuschauer danach!

„Wir hätten mehr verdient gehabt“, trompetete er gut gelaunt in die Mikrofone. Und da trifft der fleißige Schwabe zweifelsohne einen Nerv. Viele Menschen sind ja heute der Ansicht, dass sie eigentlich mehr verdient hätten, als sie realiter bekommen. „Leistung muss sich wieder lohnen“, hieß es in den 80ern bei Helmut Kohl. Und Jürgen Klinsmann zum Beispiel leistete einiges in diesen Jahren.

Klinsmanns Rhetorik ist kreativer als Herthas Spiel

Worin aber bestand eigentlich die nicht entlohnte Leistung von Hertha BSC vom Samstag? Außer, dass sie mehr verdient gehabt hätten? In 45 Minuten gegen eine in Unterzahl agierende Mannschaft so gut wie keine Torchance zu erspielen, ist eigentlich eine Leistung, die sich im Ergebnis ganz gut widerspiegelt.

Wenn sie wenigstens keine Lust gehabt hätten. Hatten Sie aber. Sie waren richtig engagiert. Ich glaube, auf dieses Engagement bezog sich auch Klinsmanns Aussage. Aber Engagement alleine reicht nicht. Es ist die notwendige Voraussetzung für irgendetwas. Da kann der Bäcker noch so fleißig sein – wenn ihm sämtliche Brötchen verkohlen, nützt ihm sein Fleiß auch nichts.

Im spielgestaltendenden Mittelfeld sieht es bei Hertha derzeit aus wie in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns. Das ist kein Leben, da regt sich nichts. Es ist so schade, dass Marko Grujic nach dem Sommerurlaub seinen Zwillingsbruder zu Hertha geschickt hat, um sich selbst, glaube ich, auf Wohnungssuche in Liverpool zu begeben. Sein Bruder, der ihm verblüffend ähnlich sieht, ist leider viel behäbiger und auch dem Fußballspiel nicht so zugetan, wie er selbst.

Gibt es eigentlich den Spieler Duda noch? Er ist der Einzige im Kader, der die Rolle des offensiven Zehners ausfüllen kann. Ich habe ihn vor langer Zeit bei Hertha mal gesehen und fand ihn richtig prima. Könnte man nicht mal nachgucken, ob er inzwischen wieder zu seiner Form zurückgefunden hat?

Sorge habe ich für die nächsten Wochen trotzdem keine. Ich bin mir sicher, dass uns Jürgen Klinsmanns Rhetorik mit jener Kreativität versorgen wird, die wir auf dem Platz leider etwas vermissen.
Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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