Kolumne "Losgelaufen" : Wenn die Zeit davon läuft

Ein Problem, das wohl viele Läufer kennen: Der Wettkampf rückt näher, aber Berufs- und Sozialleben nehmen keine Rücksicht. Was hilft? Zeitmanagement.

Zeitmanagement ist Prioritätenmanagement: Ein Credo, das Läufer beherzigen sollten.
Zeitmanagement ist Prioritätenmanagement: Ein Credo, das Läufer beherzigen sollten.Foto: Friedrich Stark/epd

Der Wecker reißt mich aus meinen Träumen: 5:35 Uhr. Es ist Dienstagmorgen, eigentlich Dienstagnacht, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es gab Tage, wäre ich da aus Versehen um diese Uhrzeit aufgewacht, hätte ich mich gefreut und noch mal umgedreht, für zwei Stunden vielleicht. Aber umdrehen ist jetzt nicht. Auf dem Programm steht Tempotraining. Zehn Kilometer. So schnell wie nur möglich schlüpfe ich in die bereitgelegten Sportklamotten und Laufschuhe. Noch ein kurzer Schluck aus der Wasserflasche. Es geht los. In die Dämmerung, die Stille der Stadt, in den Nieselregen. Mit schweren Beinen, kiloweise Schlafsand in den Augen und dem Kopfkissenabdruck noch auf der Backe.

An der Backe habe ich zurzeit so einiges. Die Tage sind voll mit Terminen, fürs Laufen verzichte ich auf Schlaf. Ein Problem, das wohl viele Läufer kennen. Der Wettkampf rückt näher und der Trainingsumfang steigt, aber Berufs- und Sozialleben sind immer noch da und nehmen keine Rücksicht. Viermal wöchentlich soll ich laufen gehen, oft länger als eine Stunde. So steht es zumindest in meiner Bibel, dem Trainingsplan. Freunde und Familie interessiert das nur am Rande, genauso wenig meine Chefs – die wollen nur rechtzeitig die nächste Kolumne!

Anruf bei Lothar Seiwert. Der 66-jährige Heidelberger gilt als Deutschlands führender Zeitmanagement-Experte, seine Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt und verkauften sich mehr als fünf Millionen Mal. Wer kann mir jetzt helfen, wenn nicht er? „Es gibt keine Tricks, um mehr Zeit zu generieren. Die Zeit verrinnt, ob wir es wollen oder nicht“, sagt er zu Beginn unseres Telefonats und ich überlege, ob ich mir die Zeit für unser restliches Gespräch besser sparen sollte. Dann sagt er, man könne sich seine Zeit nur besser einteilen. „Zeitmanagement ist eigentlich Prioritätenmanagement.“

Vielleicht für die nächsten sechs Wochen einfach von Freunden und Familie verabschieden? Nein, sagt Seiwert. Wichtiger sei, fokussiert durch den Tag zu kommen. Er hat ein paar Vorschläge parat: „Man sollte sich abends eine To-do-Liste für den kommenden Tag schreiben.“ Bis zu einer Stunde könne man damit täglich sparen, ist er sicher. Entscheidend sei, zwischen wichtig und dringend zu unterscheiden. „Das Dringende ist selten wichtig und das Wichtige selten dringend“, sagt er und nennt als Beispiel unbeantwortete Mails oder Telefonate. „Da muss man auch mal ein Stück egoistisch sein und Nein sagen.“

Zeitmanagement-Experte empfiehlt Powernaps

Eine Unterscheidung, die man manchmal ganz automatisch treffe. Am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub etwa. „Nie ist man produktiver als vor dieser Deadline“, sagt Seiwert. Er empfiehlt noch eine „stille Stunde“ am Tag, in der man nicht erreichbar ist, alle mobilen und potenziell ablenkenden Geräte abschaltet und konzentriert arbeiten kann. Doch was, wenn der Körper auch mal Ruhe und Regeneration braucht? Wer um 5:35 Uhr aufsteht, ist bis 21 Uhr nicht voll leistungsfähig. „Ich rate zum Kurzschlaf – nennt man heute Powernap“, sagt Seiwert.

Erfolgreiche Sportler wie der siebenmalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher hätten vor jedem Rennen 20 Minuten geschlafen, um maximal fokussiert zu sein. Nun bin ich nicht Michael Schumacher. Was meine Chefs wohl sagen, wenn ich mich zur Siesta verabschiede? Lothar Seiwert sieht das entspannt. „Wir müssen unseren natürlichen Bedürfnissen nachgehen.“

Zum Abschied will ich noch seinen persönlichen Rat wissen. Seiwert selbst ist vor einigen Jahren Halbmarathon in Karlsruhe gelaufen. Wie hat er das damals geschafft? „Mit einer Personal Trainerin“, sagt er. Die habe ihn immer motiviert und außerdem habe er sich so nicht groß in Trainingslehre oder Ernährungsberatung einarbeiten müssen. „Das spart auch Zeit.“ Von der Personal Trainerin kann ich wohl nur träumen – zumindest bis der Wecker klingelt. Noch 44 Tage bis zum Marathon.

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