Kolumne: So läuft es : Mitleser, hört auf mitzulesen!

Wenn Läufer ihre Bestzeiten in den Sozialen Netzwerken posten, kann das Nicht-Läufer entmutigen. Also hören Sie auf zu lesen – und laufen Sie!

Nicht viel nachdenken, einfach loslaufen.
Nicht viel nachdenken, einfach loslaufen.Foto: REUTERS/Heinz-Peter Bader

Ich habe neulich einen Artikel gelesen über die stillen Mitleser. Sie lesen bei Facebook einfach mit, beteiligen sich aber nicht an Diskussionen. Sie sind da, aber man sieht sie nicht. Sie sind interessiert, aber sie sagen es nicht. Es gibt sicher auch die, die einfach nur diese Kolumne immer wieder lesen, ohne einen Leserbrief zu schreiben, ohne online zu kommentieren, sie lesen einfach nur. Und denken sich ihren Teil.

Ich fragte mich neulich: Wie ist das eigentlich für all die Mitleser, die gerne laufen würden? Es aber nicht tun. Weil sie vielleicht erschlagen sind von dem, was sie so lesen. Weil sie das nicht motiviert, sondern frustriert. In den Sozialen Netzwerken sehen sie, wie Menschen ihre Bestzeiten posten, die enormen Strecken, die sie laufen. Überall. Sie lesen über und von Läufern, die 42 Kilometer laufen. Oder gar 100 Kilometer hinter sich bringen.

Für jemanden, der noch nicht einmal drei Kilometer gelaufen ist – wie fühlen sich solche Posts wohl an? Einige Mitleser wird es vielleicht motivieren. Andere – und es könnten viele sein – wird es eher einschüchtern. Wie fühlt es sich für die nichtlaufenden Mitleser an, wenn sich Läufer über die perfekte Laufernährung unterhalten, wenn sie sich über Trainingspläne austauschen, wenn sie gemeinsam laufen gehen, locker einen Halbmarathon als Trainingslauf absolvieren. Wie fühlt sich das für einen Mitleser an, der zunächst einmal nur ein riesiges Problem hat: den Schweinehund das erste Mal zu überwinden. Um den ersten Schritt von der Couch in den Wald zu machen. Und dann stehen sie von der Couch auf und lesen, dass gerade jemand barfuß einen Ultramarathon gelaufen ist. Weil er es kann. Auf den nackten Füßen. Danach beschreibt ein anderer, dass er die Alpen in mehreren Tagen überquert hat.

Die ersten Laufmomente sind unglaublich wichtig

Und dann denke ich so: Wir alle haben einmal angefangen. Mit der ersten kurzen Laufrunde. Ich glaube, irgendwie waren wir alle einmal Mitleser. Irgendwann. Zu selten lese ich etwas über die ersten Schritte in den Sozialen Netzwerken. Oder in Magazinen. Und gerade diese ersten Laufmomente sind so unglaublich wichtig. Sie entscheiden darüber, ob wir weiterlaufen oder nicht. Ich erinnere mich jedenfalls gut an meine Zeit als Mitleser. Ich dachte mir oft: Himmel, das schaffe ich doch nie. Worüber reden die? Worüber schreiben die? Ich wollte gerne laufen, aber es fühlte sich nicht gut an zu lesen, dass es sich praktisch gar nicht lohnt, die Laufschuhe zu binden, wenn man nicht gleich zehn Kilometer läuft. Es fühlte sich klein an, als ich vor Jahren meine ersten fünf Kilometer lief. Ich schämte mich beinahe dafür, nicht mehr zu schaffen. Und ich lief dort, wo mich niemand sehen konnte. Und ich las auch nur mit. Und kommentierte nirgendwo und nichts.

Sollten Sie gerade mitlesen, dann glauben Sie mir: Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen. Lesen Sie einfach erstmal nirgendwo mehr mit. Laufen Sie einfach. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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