Leichtahletik-WM in Doha : Die Hitze macht die Läufer fertig

Bei der WM in Doha gibt es dramatische Szenen: Die Siegerin im Marathon bricht nach dem Lauf zusammen, 28 Läuferinnen kommen wegen der Hitze nicht ins Ziel.

Endlich Wasser. Die Kanadierin Maria Bernard-Galea erfährt beim 3000-Meter-Hindernislauf eine nicht beabsichtige Erfrischung.
Endlich Wasser. Die Kanadierin Maria Bernard-Galea erfährt beim 3000-Meter-Hindernislauf eine nicht beabsichtige Erfrischung.Foto: Imago Images/Xinhua

 

Beim letzten Interview 20 Minuten nach dem Zieleinlauf kippte Ruth Chepngetich plötzlich nach vorne. Ein Offizieller packte die neue Marathon-Weltmeisterin gerade noch am Arm. Die 25 Jahre alte Kenianerin triumphierte beim ersten Mitternachts-Lauf der WM-Geschichte in Doha, aber: Was für eine Tortur! 

Auch bei anderen Läufen hatten die Sportler und Sportlerinnen Probleme mit der Hitze. Beim 5000-Meter-Vorlauf der Männer schleppte sich ein Läufer von einem anderen Läufer gestützt ins Ziel, beim 3000-Meter-Hindernislauf der Frauen machten die Temperaturen den Teilnehmerinnen ebenfalls zu schaffen. 

Als Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, das Staatsoberhaupt des Emirats, um Mitternacht den Startschuss gegeben hatte, wurden 32,7 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 73,3 Prozent gemessen. Die gefühlte Temperatur lag bei über 40 Grad.

Die 25-jährige Chepngetich setzte sich nach 42,195 Kilometern in 2:32:43 Stunden durch. Es war die langsamste Siegeszeit der WM-Geschichte. Nur 40 der 68 gestarteten Teilnehmerinnen kamen in Katars Hauptstadt ins Ziel. „Es war ein hartes Rennen. Ich bin sehr glücklich über den Sieg und darüber, Gold nach Kenia zu bringen“, sagte Chepngetich in ihrem ersten Interview und formulierte auch gleich Medaillenwünsche für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Auf dem Kurs über sechs Runden à 7 Kilometer an der Strandpromenade Corniche hatte Chepngetich bei einer Verpflegungsstation nach 35 Kilometern entscheidend das Tempo verschärft und sich abgesetzt. Ihre Konkurrentinnen waren noch auf ihre Trinkflaschen konzentriert. Silber ging an Bahrain und Titelverteidigerin Rose Chelimo: Die gebürtige Kenianerin kam nach 2:33:46 Stunden ins Ziel vor Helalia Johannes aus Namibia (2:34:15)

„Es war sehr heiß, die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch“, sagte Johannes später, während ihr Sturzbäche von Schweiß über den Körper liefen. Eine deutsche Teilnehmerin war nicht am Start.

Die Szenerie hatte trotz der beleuchteten Strecke zunehmend etwas Gespenstisches: Nur am Anfang standen noch zahlreiche Zuschauer an der Strecke. „Die Fans haben nach den ersten Runden das Interesse verloren“, sagte die amerikanische Läuferin Carrie Dimoff. „Aber die Organisation war richtig gut.“ Das befürchtete Szenario der Veranstalter, dass eine Athletin vor den Fernsehkameras zusammenbricht und diese Wüsten-WM mit ihren schwierigen Bedingungen weiter ad absurdum führt, blieb aus.

Jubel war bei Chepngetichs Zieleinlauf vor einem kleinen Publikum kaum zu hören. Immerhin bekam die Siegerin ein Küsschen von Weltverbandspräsident Sebastian Coe, ehe sie weitergereicht wurde und ihr dann irgendwann endgültig die Kräfte schwanden.

Die Kenianerin hatte sich mit ihrem Streckenrekord beim Dubai-Marathon Ende Januar als Favoritin für die Leichtathletik-WM empfohlen. Damals gewann sie in 2:17:08 Stunden - die drittbeste je gelaufene Zeit. Nur Weltrekordlerin Paula Radcliffe (Großbritannien/2:15:25) und Afrika-Rekordlerin Mary Keitany (Kenia/2:17:01) waren schneller. An solche Zeiten war in Doha nicht zu denken.

Im Zielraum stand jedoch auch die 41 Jahre alte Roberta Groner aus den USA. Sie bildet im Hauptberuf Krankenschwestern aus und ist Mutter von drei Kindern. Nach 2:38:44 Stunden kam sie als sagenhafte Sechste ins Ziel - und hatte noch Luft für jede Menge Interviews. „Ich weiß meine Zeit nicht, aber ich bin absolut zufrieden“, sagte sie und redete und lachte und hörte gar nicht mehr auf damit. (dpa)
 

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