Nach 2:0 gegen Ingolstadt : Der 1. FC Union zwischen Druck und Anreiz

Die Chancen auf den Aufstieg sind beim 1. FC Union besser als vor der Saison erwartet – doch das scheint die Mannschaft auch zu hemmen.

Christopher Lenz im Laufduell mit Ingolstadts Paulo Otavio, Akaki Gogia unterstützt ihn vom Boden aus.
Christopher Lenz im Laufduell mit Ingolstadts Paulo Otavio, Akaki Gogia unterstützt ihn vom Boden aus.Foto: Andreas Gora/dpa

In einem Punkt ist sich Oliver Ruhnert ganz sicher. „Für Schalke ist es unvorstellbar, in die Relegation zu gehen. Das kann und wird nicht passieren“, sagt der Manager des 1. FC Union über die schwierige Situation seines alten Arbeitgebers in der Fußball-Bundesliga. Bei den Aussichten seines aktuellen Klubs eine Liga tiefer wird Ruhnert weit weniger konkret. „Wenn du neun Spieltage vor Schluss auf Platz drei oder zwei stehst, kann ich nicht sagen, die Relegation ist unvorstellbar. Das wäre Quatsch.“ Ansonsten bleiben die Berliner aber bei ihrer Devise: Das Wort Aufstieg steht bei den Verantwortlichen weiter auf dem Index.

Dass die sportliche Situation und die guten Chancen auf den erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga die Union-Profis nicht so kalt lassen, wie sie es meist behaupten, wurde aber schon nach dem schmeichelhaften 2:0 am Freitagabend gegen Ingolstadt um den früheren Trainer Jens Keller deutlich. Urs Fischer bezeichnete seine Mannschaft als gehemmt und führte dies auch auf den Druck zurück. „Wir wollen versuchen, bis zuletzt ein Wörtchen mitzureden und die Spiele werden weniger, somit wird der Druck nicht kleiner“, sagte Fischer. „Das ist ein Thema, mit dem wir uns auseinander setzen müssen.“

Auch Ruhnert spricht am Tag darauf von Druck, glaubt aber nicht, dass die Tabellensituation dessen Ursache ist. „Auf den Spieltag bezogen, kannst du natürlich etwas verlieren, aber auf die Saison gesehen, können wir nur gewinnen“, sagt Ruhnert. Die Mannschaft sei auf dem Weg, mehr zu erreichen, als ihr die meisten nach der schwierigen Vorsaison und dem Umbruch zugetraut hätten. „Druck kann man nur verspüren, wenn man am Ende Dinge nicht erreicht, die man sich vorgenommen hat.“

Das Ziel, das vor der Spielzeit ausgegeben wurde, hat Union fast erreicht. Besser als in der Vorsaison wollten die Berliner abschneiden und mit 47 Zählern haben sie die damalige Punktausbeute bereits neun Spieltage vor Schluss egalisiert. Es müsste schon sehr viel schiefgehen, um sich nicht auch tabellarisch (Platz neun 2017/18) zu steigern.

Am kommenden Freitag spielt Union auswärts in Heidenheim

So weit zu den offiziellen Vorgaben. Dass die Ansprüche bei einigen Spielern nach einer Hinrunde ohne Niederlage und der aktuell sehr guten Ausgangsposition aber gestiegen sind, ist auch klar. „Wir spielen nicht, um Vierter, Fünfter, Sechster oder Siebter zu werden“, sagte Akaki Gogia, der das Spiel gegen Ingolstadt mit seinem Tor zum 2:0 entschied. Dass die Mannschaft durch die Tabellensituation gehemmt sein könnte, glaubt er nicht, sondern sieht sie eher als Anreiz. „Wir wollen dran bleiben und deshalb ist jedes Spiel ein Finale, das nächste in Heidenheim.“

Dort muss sich Union spielerisch steigern, denn trotz der drei Punkte war die Leistung gegen Ingolstadt vor allem in der ersten Hälfte nicht gut. „Wir waren zu hektisch und haben nicht Fußball gespielt, sondern nur lange Bälle geschlagen“, sagte Torwart Rafal Gikiewicz. „Aber das ist nicht die Bundesliga, hier hilft dir kein Tiki-Taka. Am Ende zählen die Punkte.“

Dennoch ist es schwer zu erklären, wieso Union in einer Woche bei einem direkten Konkurrenten sehr reif und souverän auftritt und in der nächsten zu Hause 45 Minuten überhaupt nicht ins Spiel findet. „Wir leben vom Kollektiv", sagt Ruhnert. „Und wenn einige Spieler nicht ihren besten Tag erwischen, bekommst du so einen guten Auftritt wie in Kiel nicht hin.“

Abgesehen von den schwierigen Platzverhältnissen fehlten den Berlinern der Zugriff im Pressing und die Ruhe sowie die Bewegung ohne Ball im Spielaufbau. Christopher Trimmel führte die Probleme vor allem auf einen mentalen Zwiespalt zurück. „Wir wollen ruhig hinten herausspielen, aber früh im Spiel willst du auch kein Risiko eingehen“, sagte der Kapitän. „Es bringt nichts, wenn du direkt spielst und dann verspringt der Ball und du bekommst ein Gegentor. Wenn du das Selbstvertrauen hast, geht das alles einfacher.“

Dass Union dieses trotz der starken Saison nicht immer hat – schon in der zweiten Hälfte gegen Bielefeld tat sich Union sehr schwer – verwundert auch Fischer. „Es kommt mir vor, als täten wir uns momentan auswärts leichter.“ Demnach müsste dem Schweizer das Auswärtsspiel beim 1. FC Heidenheim am Freitag eigentlich recht kommen. Die personelle Situation könnte aber besser sein. Neben den gesperrten Grischa Prömel und Nicolai Rapp (jeweils fünfte Gelbe Karte) droht auch Carlos Mané auszufallen. Der Portugiese war gegen Ingolstadt unglücklich auf die Schulter gefallen und musste zur Halbzeit ausgewechselt werden. Am Sonntag oder Montag erwartet Union eine genaue Diagnose. Ruhnert ist trotzdem zuversichtlich: „Die Jungs, die reingekommen sind, haben immer einen guten Job gemacht.“

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