Rugby-Nationalspielerin : "Auf dem Feld bin ich im Kampfmodus"

Vivian Bahlmann vom Rugby Klub Berlin 03 tritt als einzige Berlinerin im Rugby-Nationalteam im Länderspiel gegen Tschechien an.

Drang nach vorne. Vivian Bahlmann (rechts) setzt sich oft durch.
Drang nach vorne. Vivian Bahlmann (rechts) setzt sich oft durch.Foto: Rugby Klub 03 Berlin

Regen und Wind können Vivian Bahlmann nicht aufhalten. „Ich bin ab 18 Uhr beim Kicktraining, ab 19 Uhr geht dann das Training mit den Männern los“, schreibt sie kurz vor ihrer Dienstagseinheit. Warum sie freiwillig früher antritt, sogar noch Extra-Einheiten bei den Männern einlegt? „Ich nehme den Sport schon sehr ernst, aber vor so einem Länderspiel trainiere ich natürlich noch intensiver““, sagt die 27-Jährige. Am Sonntag wird Bahlmann dann wissen, ob sich all das Training gelohnt hat: Zum ersten Mal seit sieben Jahren steht sie gegen Tschechien (14 Uhr, Stadion an der Buschallee) wieder im Kader der deutschen Rugby-Nationalmannschaft der Frauen, zum ersten Mal in der 15er-Version des Spiels.

Das ist ungewöhnlich für eine Berliner Spielerin, gibt es in der ganzen Stadt doch nur weibliche Rugby-Teams, die in der 7er-Variante spielen – so auch bei Bahlmanns Heimatverein, dem Rugby Klub 03 Berlin in Weißensee. Deshalb spielen die Frauen auch nur in der Nord-Ost-Liga, nicht in der bundesweiten 15-er Liga. „Es gibt viele, die das beklagen“, sagt die Soziologiestudentin. „Aber der Vorteil des 7er-Spiels ist eben, dass man nicht so viele Frauen braucht.“ Kürzer und spektakulärer ist diese Variante ebenfalls, weswegen sie 2016 olympisch wurde. Nur zwei mal sieben Minuten dauert das Spiel, oft spielen die Teams mehrere Matches am Tag, im Gegensatz zu den Spielen beim Rugby Union, wie die 15er-Variante auch genannt wird. Hier kämpfen 15 Spieler pro Mannschaft 80 Minuten lang um Punkte, mehr als ein Match pro Woche ist in der Regeln nicht drin.

„Rugby ist ein Universitätssport und wenn man erst mit 20 Jahren damit anfängt, ist 15er-Rugby nur schwer beizubringen“, erklärt Bahlmann. Sie selbst lernte den Sport schon viel früher kennen, als Elfjährige durch ein Grundschul-Werbeprogramm. „Damals war ich nicht wirklich sportlich, aber im Rugby finden alle einen Platz: Große, Kleine, Dicke, Dünne.“ Bis zu ihrem 16. Geburtstag trainierte sie zusammen mit den Jungen – eine gute Schule. „Bei den Jungs wurde ich oft erst in den letzten fünf Minuten aus Mitleid aufs Feld geschickt“, erzählt Bahlmann. „Aber bei den Frauen merkte ich dann: Da geht was, jetzt kann ich mich als Sportlerin bezeichnen.“ Mit 18 stand sie dann im 7er-Nationalkader. Einen weiteren Entwicklungsschub holte sie sich während ihrer Studienzeit in Köln, wo sie beim RSV im 15er-Team spielte. Ihr Erweckungserlebnis aber hatte sie während ihres Auslandssemesters in England, dem Mutterland des Rugby: „Das war total das Paradies“, erzählt sie begeistert. In Cheltenham spielte sie gleichzeitig für das lokale und das Universitätsteam, bestritt oft zwei Spiele pro Woche und holte sich so die Spielübersicht und Ausdauer, die sie jetzt in den Nationalkader brachten.

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Abgesehen von der Fitness nimmt sie aber noch mehr aus dem Sport mit. „Wenn ich auf dem Feld stehe, bin ich im Kampfmodus, dann habe ich gar keine Angst davor, was passieren könnte“, beschreibt sie den Effekt der vielen Jahre Fall- und Tackletraining. Sie sehe diesen Effekt auch häufig bei neuen Spielerinnen, die nach langsamen Tackles im Training schnell aus sich heraus kommen. „Wenn es einem Spaß macht, auf dem Feld rumzuraufen, dann legt man die Angst ganz schnell ab.“ Diesen Modus will sie am Sonntag wieder abrufen.

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