Sechs Bundesliga-Spiele ohne Sieg : Warum Eintracht Frankfurt in der Krise steckt

Eintracht Frankfurt war das Überraschungsteam der vergangenen Saison. Doch jetzt droht den Hessen der Abstiegskampf. Das hat mehrere Gründe.

Stephan Reich
Das war nichts: Sechs Mal in Folge konnten Makoto Hasebe (l.) und Frankfurt zuletzt nicht gewinnen.
Das war nichts: Sechs Mal in Folge konnten Makoto Hasebe (l.) und Frankfurt zuletzt nicht gewinnen.Foto: Thomas Frey/dpa

Makoto Hasebe ist ein cleverer Kopf, der seine Worte mit Bedacht wählt; nicht umsonst hat der Mann in seiner japanischen Heimat ein Buch geschrieben. Wenn sich also einer wie Hasebe, Führungsspieler und Ersatzkapitän von Eintracht Frankfurt, nach einem Fußballspiel vor die Kameras stellt und sagt: „Uns fehlen Kraft und Leidenschaft. Wenn wir weiter solche Leistungen zeigen, wird das ein Abstiegskampf“, dann sollte man das durchaus so verstehen, wie es Hasebe meint. Als Alarmsignal.

Hasebe sprach diese Worte in ein amtliches Pfeifkonzert der Fans hinein, nachdem Eintracht Frankfurt in spektakulär blutleerer Manier eine 2:0-Führung gegen ihrerseits biedere Kölner aus der Hand gegeben und 2:4 verloren hatte. Es war das sechste Bundesligaspiel in Folge, das die Hessen nicht gewinnen konnten. Geht am Sonntag auch noch das Spiel beim SC Paderborn (18 Uhr) daneben, steckt die Eintracht in einer echten Krise.

Eintracht Frankfurt steckt im Abstiegskampf

Es ist ein erstaunlicher Abwärtstrend, denn es ist noch gar nicht so lange her, da galt Eintracht Frankfurt als Überraschungsmannschaft der Liga. Ein lange darbender Traditionsklub, wachgeküsst durch clevere Arbeit und einen schicksalhaften Pokalsieg – und drauf und dran, nach einem 5:1-Sieg gegen Bayern München an die Champions-League-Plätze anzudocken. Und nun? Heißt die Realität in Frankfurt mal wieder Abstiegskampf.

Dabei war Eintracht Frankfurt in den letzten Jahren ein leuchtendes Beispiel dafür, wie schnell sich eine Dynamik in und um einen Klub entwickeln kann, wenn man beim Personal ein geschicktes Händchen beweist. Die Trainer Niko Kovac und Adi Hütter erwiesen sich als Glücksgriffe, Spieler wie Luka Jovic oder Sebastien Haller kamen als günstige Nobodys und gingen als teure Stars.

Die Transfererlöse investierte Eintracht-Vorstand Fredi Bobic vor der laufenden Saison dann eher in die Breite des Kaders, auch um den Klub für die vielen englischen Wochen zu wappnen. „Wir sind fußballerisch weiter, sind feiner als im letzten Jahr“, so Bobic vor der Saison. „Wir haben aber etwas Dynamik verloren durch unsere Abgänge. Trotzdem haben wir eine tolle Mannschaft, die uns viele Variationsmöglichkeiten lässt.“

Das Offensivspiel von Eintracht Frankfurt lahmt

Womit er leider nicht ganz richtiglag. Der Kader mag breit sein, darüber vergaßen die Verantwortlichen aber die Spitze. Vor allem die drei Stürmer Jovic, Haller und Ante Rebic, im Vorjahr gemeinsam verantwortlich für sagenhafte 57 Pflichtspieltore, wurden nicht adäquat ersetzt, weshalb das Offensivspiel der Eintracht bedenklich lahmt.

Goncalo Paciencia, letzte Saison noch Stürmer Nummer vier, ist bei allem Potenzial noch zu inkonstant. Stoßstürmer Bas Dost fällt regelmäßig wegen gesundheitlicher Probleme aus. Und der im Tausch mit Ante Rebic gekommene André Silva zeigte zwar zuerst gute Ansätze, steckt aber mittlerweile in einer bitterbösen Formkrise. Und sonst? Kamen Spieler wie Dominik Kohr oder Djibril Sow, die aktuell nur Mitläufer sind.

Läuft nicht: Neuverpflichtung Bas Dost tut sich in Frankfurt noch schwer.
Läuft nicht: Neuverpflichtung Bas Dost tut sich in Frankfurt noch schwer.Foto: Ina Fassbender/AFP

Hinzu kommt, dass die Gegner die Spielidee von Hütter entschlüsselt zu haben scheinen. Kein Bundesligist schlägt so viele Flanken (280), allein Filip Kostic drosch den Ball 95 Mal in den Sechzehner, was ligaweit Spitze ist. Auf Platz zwei liegt sein Pendant auf rechts, Danny Da Costa. Was zu Beginn der Saison noch ein Erfolgsrezept war, macht die Mannschaft nun arg ausrechenbar.

Als der VfL Wolfsburg in Frankfurt gewann, sagte VfL-Trainer Oliver Glasner nach der Partie: „Wir waren gut vorbereitet auf ihre Flanken.“ Auch Hütter bemängelte nach dem Spiel, seine Spieler hätten nicht oft genug versucht, „flach hinter die Abwehr zu kommen“. Die taktische Ausrichtung hat er seither dennoch nicht erkennbar geändert. Mal davon abgesehen, dass den aktuellen Stürmern sowieso die Dynamik für Steilpässe abgeht.

Eintracht Frankfurt hat bereits viel Kraft gelassen

Was aber, angesichts des unglaublichen Pensums der Mannschaft, beinahe für jeden Frankfurter gilt. Keine Mannschaft der Liga hat im Kalenderjahr 2019 mehr Spiele gemacht als die Hessen. Der Kräfteverschleiß durch den Sturmlauf bis ins Halbfinale der Europa League machte sich bereit im Endspurt der vergangenen Saison bemerkbar, als sich die Eintracht saft- und kraftlos in die Europa-League-Quali rettete.

Dort begann die Saison der Hessen dann einen vollen Monat vor allen anderen Teams, weshalb die SGE nun „ausgequetscht wie eine Zitrone ist“, sagte Hütter. „Wir müssen noch einmal die letzten Reserven mobilisieren und die nötige geistige Frische an den Tag legen“, hofft er vor der Partie in Paderborn. Nur wie?

Das Buch Hasebes trägt übrigens den Titel „Die Ordnung der Seele – 56 Gewohnheiten, um den Sieg zu erringen“. Am Sonntag vor dem Spiel in Paderborn wäre ein geeigneter Zeitpunkt für den Japaner und seine Kollegen, noch einmal einen Blick reinzuwerfen.

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