Sechstagerennen : Andreas Müller: "Der Partycharakter hat abgenommen"

Andreas Müller über sein 100. Sechstagerennen, die Gefahren des Radrennsports – und die alten Zeiten auf der Berliner Bahn.

Andreas Müller (vorne im Bild) , 39, tritt dieses Jahr zum 19. Mal beim Berliner Sechstagerennen an. 2014 gewann er mit dem Belgier Kenny de Ketele.
Andreas Müller (vorne im Bild) , 39, tritt dieses Jahr zum 19. Mal beim Berliner Sechstagerennen an. 2014 gewann er mit dem...Foto: imago/Bernd König

Herr Müller, hundert Sechstagerennen, hundert Mal mehrere hunderte Male im Kreis fahren. Ist das nicht irgendwann langweilig?

Nein, es macht mir sogar seit zwei Jahren wieder richtig Spaß. Zuvor war es teilweise zur Routine geworden. Aber ich fahre inzwischen weniger Sechstagerennen, früher waren es doppelt so viele. Ich bin daher wieder richtig frisch, mit 39 Jahren.

Müssen Sie gegen Ihr Alter ankämpfen?

Ich würde mich selbst belügen, würde ich behaupten, dass es nichts ausmacht. Die Physis nimmt ab, das ist nun einmal so. Wahrscheinlich bei mir schon seit zehn Jahren. Aber es ist ein fließender Prozess und den physischen Leistungsabfall bekomme ich gar nicht richtig mit.

Warum nicht?

Weil ich mehr Erfahrung habe und damit bedingt eine größere taktische Bandbreite besitze. Dadurch kann ich vieles wettmachen – im Rennen und auch, was die Vorbereitung auf die Rennen betrifft. Ich will und kann auch in meinem Alter mit meinem Teamkollegen Andreas Graf am Ende noch auf dem Podium stehen.

Es ist – noch so eine unglaubliche Zahl – Ihr 19. Start beim Berliner Sechstagerennen. Was hat sich in diesen 19 Jahren verändert?

Vieles. Als ich das erste Mal hier gefahren bin, wurde noch geraucht. Wir konnten wenig sehen durch den Nebel und viele von uns haben Bronchitis bekommen. Eine Katastrophe. Ich glaube, Deutschland war eines der letzten Länder, in denen in den großen Sporthallen noch geraucht wurde. Bin ich froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Überhaupt hat der Kneipen- oder Partycharakter der Berliner Sixdays abgenommen. Das Programm ist gestrafft worden, der Sport steht immer mehr im Vordergrund.

Inwieweit haben sich konkret die Rennen verändert?

Es wird viel schneller gefahren, weil eine neue Generation von Fahrern da ist und weil sich das Material enorm verbessert hat – nicht nur die Räder, sondern auch die Aerodynamik etwa bei Helmen oder Anzügen.

Was bedeutet das für die Taktik?

Dass es sehr viel schwieriger geworden ist für Ausreißer. Der Windschatten spielt eine größere Rolle, je schneller gefahren wird. Um Attacken zu fahren, braucht man schon mehr Mut als früher. Die Erfolgsquote ist geringer und die Ausreißversuche rauben viel Energie.

Mehr Geschwindigkeit kann auch mehr Gefahr bedeuten. Kristina Vogel zog sich im vergangenen Sommer eine schwere Wirbelverletzung zu und ist seitdem querschnittgelähmt. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Natürlich trifft einen das. Das ist eine schwere persönliche Tragödie. Auf der anderen Seite bin ich ein sehr rationaler Typ. Wir alle wissen, dass Stürze Teil des Radsports sind und dass diese schlimme Folgen haben können. Man versucht als Fahrer, das auszublenden. Das ist reiner Selbstschutz, denn sonst könnte man gar nicht auf den Sattel steigen. Ich hatte schlicht Glück in meiner Karriere. Letztlich muss es immer das Ziel sein, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Aber ein Restrisiko bleibt natürlich immer. Was Kristina angeht, schätze ich sie so ein, dass sie das Beste aus ihrer Situation macht. Das sieht man ja jetzt schon, sie geht sehr offen damit um. Kristina wird ein Vorbild für viele sein, die ein schweres Schicksal erleiden mussten.

Welche Rolle spielt es, ob Sie in Berlin oder beispielsweise in Bremen fahren?

Wenn der Startschuss fällt, gibt es keinen Unterschied. Dann habe ich 250 Meter Holz vor mir. Aber vor und nach dem Rennen gibt es für mich als gebürtigen Berliner einen großen Unterschied. Ich bekomme mehr Aufmerksamkeit hier und dann sind mehr Freunde und auch meine Familie da.

Apropos Aufmerksamkeit: Kriegt der Radsport davon zu wenig ab?

Es gab vor ein paar Jahren eine Talsohle im Bahnradsport, die war heftig. Aber jetzt geht es wieder bergauf.

Woran machen Sie das fest?

An den Zuschauerzahlen bei den Rennen, die auch mein Gefühl bestätigen. Das gestiegene Interesse hat wiederum damit zu tun, dass sich für das Fahrrad generell immer mehr Menschen interessieren – gerade in einer Stadt wie Berlin. Ich habe den Eindruck, dass das Thema Radwege hier erst seit dem vergangenen Jahr richtig Fahrt aufgenommen hat. Das Fahrrad ist sehr positiv besetzt. Das alles bleibt nicht folgenlos für den Rad-Spitzensport.

Das Gespräch führte Martin Einsiedler.

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