Sechstagerennen in Berlin : Strampeln für die Zukunft

Auf den Rängen wird an die Zukunft gedacht – auf der Bahn auch: Wie das Berliner Sechstagerennen mehr junges Publikum anlocken will.

Nils Weispfennig (rechts) und Dik Calvin sind das jüngste Team.
Nils Weispfennig (rechts) und Dik Calvin sind das jüngste Team.Foto: imago/Adriano Coco

Vor der Kleinen Jagd am Sonntagmittag werden die Fahrer noch einmal vorgestellt. Alle rollen auf Fahrrädern rein, nur einer wählt ein kleineres Gefährt. Der Berliner Theo Reinhardt, gemeinsam mit Partner Roger Kluge Favorit auf den Gesamtsieg, kommt mit einem Laufrad für Kleinkinder. Es fällt Reinhardt nicht leicht, seine 177 Zentimeter Körpergröße dort vernünftig unterzubringen, aber es ist ja nur ein Gag. Danach nimmt der 28-Jährige sein eigentliches Arbeitsgerät entgegen. Der kurze Tausch passt zum vierten Tag des Berliner Sechstagerennens. Der Sonntag ist immer Familientag – inklusive eines Laufradrennens am Nachmittag für Zwei- bis Dreijährige. „Der Sonntag ist für uns ein ganz wichtiger Tag“, sagt Valts Miltovics, der Geschäftsführer der Veranstaltung. „Wir wollen junges Publikum gewinnen, ohne ältere Zuschauer zu verlieren.“

Es ist die größte Herausforderung für das Sechstagerennen. Diejenigen, die die Sechstage-Fans von morgen werden sollen, bekommen einiges geboten. Direkt hinter dem Arbeitsplatz von DJ Noppe im Innenraum gibt es eine Hüpfburg, Bogenschießen ist im Angebot, an den Verpflegungsständen werden verbilligte Kinderportionen angeboten, zwischendurch flitzen die Maskottchen der Berliner Profivereine um die Bahn. Auch die Anfangszeit ist kindgerecht: elf Uhr.

Auf den Rängen wird an die Zukunft gedacht – auf der Bahn auch. Mehr als ein Drittel der Fahrer ist höchstens 21 Jahre alt. „So jung war das Sechstagerennen noch nie“, sagt der Sportliche Leiter Dieter Stein. Am jüngsten ist es in der ersten Kabine rechts im Fahrerlager. Dort ist die Mannschaft mit der Startnummer 19 untergebracht: Calvin Dik und Nils Weispfennig, beide 18 Jahre alt, für beide ist es das erste Sechstagerennen bei den Männern. „Als der Vorschlag kam, dass wir mitfahren, dachten wir: Oh, das könnte hart werden“, erinnert sich Weispfennig. Dik/Weispfennig haben bei den Junioren Erfolge eingefahren, sind Deutsche Meister und Vize-Europameister im Madison.

Seit 2016 bilden Dik/Weispfennig ein Duo

In Berlin hielt sich das Nachwuchs-Duo in den ersten Tagen zurück. Mitfahren, Fehler vermeiden, Erfahrungen sammeln. „Aber natürlich macht es Riesenspaß“, sagt Weispfennig. Vor allem am Samstagabend. Ausverkauftes Haus! „Es war so laut, da hast du fast Ohrenschmerzen bekommen“, sagt Dik. Der Berliner und sein Partner aus Kirrlach in Baden-Württemberg zeigen sich am Sonntag bei der Kleinen Jagd erstmals öfter. Sie gewinnen Runden, werden beim Sieg der niederländisch-belgischen Kombination Melvin van Zijl/Jules Hesters Achte. Später, bei der Großen Jagd, kommen sie auf den zehnten Rang. In der Gesamtwertung sind sie 15. von 16 Teams. Das Ziel – mindestens Vorletzter werden – sollte möglich sein. Die Gesamtführung nehmen nach dem vierten Tag die Dänen Marc Hester/Jesper Morkov ein. Als der Hallensprecher über Dik und Weispfennig spricht, wendet er sich an die vielen Kinder im Publikum: „Denen könnt ihr nacheifern.“ Einige Kinder stehen in der Kurve direkt oberhalb der Balustrade und beobachten fasziniert, wie die Fahrer an ihnen vorbeirauschen. Die kleinsten Gäste schlummern auf Mamas Arm – mit einem dicken Kopfhörer gegen die Geräuschkulisse geschützt – oder knabbern Kekse.

Dik und Weispfennig waren in einem Fußballverein. Bis Dik mit seinem Vater an einem Fahrradladen stand und dieser sagte: „Das Rennrad kaufe ich dir, wenn du mit Radsport beginnst.“ Da war Dik keine zehn Jahre alt. Weispfennig spielte noch einige Jahre parallel Fußball, entschied sich dann für Radsport. Sein Vater Erik war 2000 Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren und ist jetzt Chef des Bremer Sechstagerennens. Seit 2016 bilden Dik/Weispfennig ein Duo. Sie wollen künftig mehr auf der Straße fahren. Ihr Debüt in Berlin sei auch eine „große Hilfe für die Zukunft“, sagt Weispfennig. Da ist es wieder, das Zauberwort des Sechstagerennens.

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