Spitzensportreform : Fördern und nicht nur fordern!

Sportler brauchen klare Rahmenbedingungen. Diese sind in der Spitzensportreform aber nicht gegeben. Ein Kommentar.

Im Dienst der Sache. Athletensprecherin Silke Kassner (hier im Aktuellen Sportstudio) hat sich Sportausschuss kritisch zur Spitzensportreform geäußert. 
Im Dienst der Sache. Athletensprecherin Silke Kassner (hier im Aktuellen Sportstudio) hat sich Sportausschuss kritisch zur...Foto: Imago/Martin Hoffmann

Eine tolle Idee war das mit der Spitzensportreform. Potenziale fördern, Strukturen und Sportler stärken, Erfolge feiern. So war der Plan. Alles irgendwie besser machen als bisher. Stattdessen herrscht nun Unsicherheit wie nie zuvor. Das machten Athletenvertreter diese Woche im Sportausschuss des Bundestages aus ihrer Sicht deutlich. Athletensprecherin Silke Kassner äußerte sich kritisch zum Stand der Spitzensportreform.

Die Potenzialanalyse hat für den Wintersport erste Ergebnisse gebracht – keiner weiß, was damit nun anzufangen ist. Ob Empfehlungen verbindlich sind. Wie Gelder verteilt werden und so weiter. Dazu das Hin und Her mit den Stützpunkten. Die sollten zentralisiert werden. Jetzt machte Sportminister Horst Seehofer die Streichung der Standorte rückgängig – weil der auch für Heimat verantwortliche plötzlich regionale Strukturen für wichtig erachtet. Er bringt damit nebenbei einen wichtigen Punkt der Reform in Gefahr. Der Bundesrechnungshof hatte mehr Geld für den Sport ausgeschlossen, wenn nicht zu hohe Stützpunkt- und Kaderzahlen angegangen werden. Aber mehr Geld war überhaupt erst der Anreiz, dass der Sport die Reform auf den Weg brachte. Also wie nun?

In der Realität sieht die anvisierte optimale Olympiavorbereitung dann also so aus: Sportler packen Umzugskartons, schreiben sich neu in Universitäten ein und dann heißt es plötzlich Rolle rückwärts. Bleibt alles beim Alten – also, vielleicht. Genau weiß man es immer noch nicht. Auf Training und Wettkämpfe kann sich so kein Mensch konzentrieren. Kein Wunder, dass die Athletenvertreter den Stand der Reform diese Woche als überhaupt nicht zufriedenstellend bezeichneten.

Positiv ist bislang nur, dass die Bundeswehr ihr Sportförderkonzept überdenkt

Die Einbindung in Prozesse ist kaum gegeben und die Kommunikation frustrierend: Athleten erfahren offenbar nach wie vor aus der Zeitung von den Entscheidungen, die ihre ganze Lebensplanung betreffen. Positiv ist bislang nur, dass die Bundeswehr ihr Sportförderkonzept überdenkt. Das versprochene Geld ist bei der Sporthilfe noch nicht angekommen. Die Trainingsbedingungen werden nicht besser. Durch die Streitereien zwischen Sport und Politik können Vereine und Verbände ihre Trainer kaum beschäftigen. Geschweige denn halten, wenn finanziell lukrativere Angebote aus dem Ausland kommen. Ohne gute Trainer können selbst Athleten mit dem staatlich bescheinigten Potenzial dieses nicht ausschöpfen. Die Idee des Erfolgs verkehrt sich gerade ins Gegenteil.

Natürlich würden die Sportler von professionelleren Strukturen profitieren. Deshalb haben sie der Sportreform zugestimmt. Der Sport ist ohnehin schon von genug Unwägbarkeiten geprägt: Konkurrenz, Verletzungen, Karriereende, all das ist nicht vorhersehbar. Wenn Politik und Sportfunktionäre Medaillen fordern, brauchen die Sportler wenigstens klare Rahmenbedingungen. Bislang ist in der Reform der „Athlet im Mittelpunkt“ nur einer im Zentrum des Leidens.

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