"Du und ich, wir lassen den Fußball von morgen spielen. Hansi!"

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WM 2014: Deutschland - Frankreich : Die geheime Taktik des Joachim Löw
Joachim Löw und sein Co-Trainer Hand-Dieter Flick.
Joachim Löw und sein Co-Trainer Hand-Dieter Flick.Foto: dpa

Klose wartet, aber Löw blickt weiter aus dem Fenster, im Halbdunkel scheinen sich die Lippen des Bundestrainers zu bewegen. Bevor Klose zurück auf seinen Platz geht, schickt er einen flehenden Blick zu Hansi Flick, der keine Miene verzieht. Danach sitzen Trainer und Co-Trainer eine Weile schweigend nebeneinander, Löw lächelt vor sich hin, Flick rutscht unruhig auf seinem Platz hin und her.

FLICK: Jogi, ich hab auch noch eine Idee, wegen der Freistöße ...

LÖW (gut gelaunt): Gut, dass du mich darauf ansprichst. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich denke, die Antwort ist sechs.

FLICK (öffnet den Mund, schließt ihn dann aber wieder).

LÖW: Sieh mal, bisher springen bei unseren Freistößen immer drei oder vier Spieler über den Ball, bevor wir schießen. Das klappt einfach nicht, zu wenig innovativ. Wenn das aber sechs Spieler machen – damit rechnet keiner. Erst Kroos, dann Müller, Özil, Götze, Schweinsteiger und Lahm, dann kommt Kroos noch mal und haut das Ding rein. Oder in die Mauer, is ja egal. Die vier Innenverteidiger bleiben hinten und sichern ab.

FLICK: Klose könnte uns bei Freistößen aber auch vorne helfen, er hat da schon einige Tore ...

LÖW: ... den Stürmer Miroslav Klose gibt es nicht mehr. Vergiss ihn. Genauso wie Deutschland den Außenverteidiger Philipp Lahm vergessen muss. Die Doppelsechs, 4-5-1, direkt getretene Freistöße, Anführer, Halbzeitansprachen, Ecken, Fouls, Einwürfe – alles Quatsch, Fußball von gestern. Du und ich, wir lassen den Fußball von morgen spielen. Hansi! Die Leute verstehen es nur noch nicht. Es ist wie mit Galileo! Und Darwin! Hansi! Wir sind unserer Zeit voraus! Sollen sie uns dafür doch auf den Scheiterhaufen werfen!

FLICK (halblaut): Das werden sie auch. Das werden sie auch ...

LÖW (hört nicht zu): Noch eine Idee: Vielleicht spielen wir gegen Frankreich nur mit zehn Mann!? Damit bringen wir mehr Platz ins Mittelfeld ... die Nahtstellen, Hansi, vergiss nicht die Nahtstellen! Und auf den Flügeln schaffen wir Unterzahlsituationen! Eins gegen drei! Zwei gegen fünf! Das traut sich nicht mal Guardiola, das ist die Zukunft! Der Deschamps wird schön blöde gucken! (kichert und reibt sich die Hände, wird dann aber wieder ernst) Überzahlsituationen kann jeder. Die Unterzahl von heute ist die Überzahl von morgen! Oh, das ist gut, das schreib’ ich mir auf, für die nächste Pressekonferenz: „Die Unterzahl von heute ist die Überzahl von morgen.“ Die Typen von der „Sport Bild“ verstehen das nie. Hast Du einen Stift?

FLICK (schiebt seine Aktentasche unauffällig mit dem Fuß unter den Sitz): Leider nein. Du Jogi, guck mal, wir sind zu Hause. Es wird schon hell.

Der Bus hält vor dem Campo Bahia, der Fahrer stellt den Motor ab, die Klimaanlage verstummt. Löw und Flick klettern langsam aus dem Bus und strecken vorsichtig ihre Beine. Der Horizont hinter den Wipfeln der Palmen färbt sich in einem blassen Rot, die Wellen am Strand vor dem WM-Quartier rauschen, irgendwo schreit ein exotischer Vogel.

FLICK: Lass uns morgen weiterreden, Jogi. Das Spiel war sehr anstrengend, du musst dich ausruhen.

LÖW: Du hast recht. Dann denken wir über das Halbfinale gegen Brasilien nach. Du Hansi, ich glaub, ich hab mich bei Hummels angesteckt. Fieber. Fühl mal.

FLICK (legt eine Hand auf Löws Stirn): Nein, fühlt sich eigentlich an wie immer.

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