Warum spielt Uruguay eine so große Rolle im Weltfußball?

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WM 2014 : Fußball-Land Uruguay: Himmelblau jauchzend

Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt kein Volk, das sich so geschlossen für den Fußball begeistert wie die Uruguayer. An Montevideos Magistrale, der Avenida 18 de Julio, versammeln sich alle paar Meter Männer und Frauen an kleinen Holztischen, sie verkaufen und tauschen Figuritas, wie hier die Panini-Sammelbildchen zur WM heißen. Überall werden himmelblaue Trikots angeboten und Poster mit der Aufschrift: „In den Träumen von drei Millionen wird eins immer bleiben: Maracana 1950 – Maracana 2014.“

Ach, Maracana ... Das entscheidende Spiel bei der ersten WM in Brasilien. Vor 200.000 Zuschauern in Rio de Janeiro gab es dieses sagenumwobene 2:1 über die schon als Weltmeister ausgerufenen Brasilianer. Alcides Ghiggia schoss das Siegtor und sprach später den schönen Satz, der in diesen Tagen immer wieder zitiert wird: „Ich bin neben dem Papst und Frank Sinatra der einzige Mensch, der das Maracana zum Schweigen gebracht hat.“

Alcides Ghiggia steht vor seinem 88. Geburtstag und ist als einziger der Helden von 1950 noch am Leben. Die Nation hat ihm eine Briefmarke gewidmet und einen Stern auf dem Paseo Cultural, einem Walk of Fame in der Altstadt von Montevideo. Vor zwei Jahren ist er bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden, hat sich aber so weit erholt, dass er die Celeste als Ehrengast nach Brasilien begleiten kann. „So eine Weltmeisterschaft ist immer etwas Besonderes“, hat Ghiggia in einem seiner raren Interviews gesagt. „Und jedes Mal frage ich mich, wie Tabárez das macht, dass wir so gut mitspielen. Wahrscheinlich, weil er immer wieder neue Talente hochzieht.“

Oscar Washington Tabárez ist der Vater des überraschenden vierten Platzes bei der WM 2010 in Südafrika, als erst die Niederländer den Uruguayern den Weg ins Finale versperrten. Er hat es still genossen und doch sofort als Verpflichtung begriffen für ein Da Capo in diesem Sommer. So viele Talente hat er seitdem nicht dazugeholt, aber da sind immer noch Forlán, Cavani und Suárez, wenn er denn rechtzeitig fit wird. Forlán wurde 2010 zum besten Spieler gewählt, Cavani und Suárez zählen zu den begehrtesten Stürmern der Welt. Und alle zusammen stehen sie für das kleine Wunder am Rio de la Plata. Für den großen Erfolg diesiger winzigen Nation mit drei Millionen Einwohnern, mit 200.000 Fußballspielern in 1000 Klubs. Warum nur spielt Uruguay seit Jahrzehnten eine so große Rolle im Weltfußball?

Wer Antworten sucht, sollte sich auf den Weg machen zum Complejo Celeste, ins Trainingszentrum des uruguayischen Fußball-Verbandes. Fünf Fußballplätze und alles, was sonst noch dazugehört, nur ein paar Autominuten entfernt von Montevideos internationalem Flughafen Carrasco. Der Complejo ist Oscar Washington Tabárez’ zweite Heimat, nicht nur während der WM-Vorbereitung. Er ist auch sonst so gut wie jede Woche da und mischt sich ins Tagesgeschäft ein.

Weil die Uruguayer nicht viele Fußballspieler haben, müssen sie die wenigen sehr guten möglichst früh und gut ausbilden. Da passt es gut, dass sich alles für den Fußball Relevante in einer einzigen Stadt abspielt. 14 von 16 Klubs der Primera Division kommen aus Montevideo. Vereine und Verband haben vereinbart, dass die größten Talente dreimal in der Woche gemeinsam im Complejo Celeste trainieren.

Auch Forlán und Cavani sind hier groß geworden. Bei der Abschiedszeremonie gegen Slowenien sind die beiden mal wieder die Auffälligsten in einem nicht besonders guten Spiel. Der Platz ist ein ziemlicher Acker und beschert dem Ball seltsame Wege. Egal, jede halbwegs gelungene Aktion wird mit frenetischem Jubel bedacht. Uruguay spielt nie besonders schön, aber immer sehr effektiv, oft reicht ein besonderer Moment zur Herbeiführung der Entscheidung. Nach einer halben Stunde flankt Forlán von links, Cavani hält den Kopf hin, und schon liegt Uruguay vorn. Kurz vor Schluss dasselbe Spielchen von der rechten Seite. Diesmal wird Cavanis Versuch abgeblockt, aber Cristian Stuani setzt nach und macht das Tor zum 2:0-Endstand. Der Rest geht unter in Sprechchören: „Vamos Uruguay!“, „Olé!“ und „Campeones!“

Forlán sagt, das sei ein schöner Abschied gewesen. Er reise jetzt mit einem guten Gefühl nach Brasilien, denn „wir haben ein ganzes Land hinter uns und wollen auf unserem höchsten Niveau spielen, um dieses Land glücklich zu machen“.

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