Zum Tod von Hans Tilkowski : Mehr als kein Tor

Das Finale von Wembley erlebte unser Autor als Siebenjähriger. Hier erinnert er sich an den großen Torwart Hans Tilkowski.

Etwas Ungeheuerliches, Historisches. Zum „Tor des Jahrhunderts“ machte man jenes dritte Tor von Wembley beim WM-Endspiel von 1966, das der russische Linienrichter Bachramow (unten rechts) hinter der Linie gesehen haben wollte.Fotos: dpa
Etwas Ungeheuerliches, Historisches. Zum „Tor des Jahrhunderts“ machte man jenes dritte Tor von Wembley beim WM-Endspiel von 1966,...Foto: picture-alliance / dpa

Dass Idole eines Tages für immer abtreten, weiß ein siebenjähriger Fußballfan noch nicht. Aber wie bitter eine Niederlage schmecken kann – das schon. Sommer 1966. WM-Finale in Wembley. Deutschland verliert gegen England durch ein Tor, das keines war. Unterkante Latte usw. Der Videobeweis war noch nicht einmal Zukunftsmusik, aber nur drei Jahre später gab es schon die Mondlandung.

Die Deutschen mit Held, Emmerich Haller, Seeler und im Tor Tilkowski wurden betrogen, und ich weinte wie verrückt. Hielt das verzweifelte Schweigen, die lautstarke Empörung der Erwachsenen im Fernsehraum unserer Urlaubsunterkunft nicht aus. An das „Wembley-Tor“ an sich erinnere ich mich nicht. Aber daran, dass etwas Ungeheuerliches, Historisches geschehen war.

Das Gegenteil von Radenkovic

Wenn wir auf dem großen Platz auf ein Tor spielten, mochte keiner in den Kasten. „Siggi Held“ eben oder „Emma“, aber wenn man „Tilkowski“ sein konnte, war es nicht so schlimm, ins Tor zu müssen, vielmehr eine Ehre. Hauptsache Borussia Dortmund. Denn dieser Spieler war elegant, strahlte unglaubliche Ruhe aus – das Gegenteil von Radenkovic, dem Spaßmacher von 1860 München in jenen Jahren.

Tilkowski, gebürtiger Dortmunder, spielte bis 1967 beim BVB in der jungen Bundesliga. Kurz vor der Wembley-Katastrophe hatten die Schwarzgelben den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, im Finale gegen den FC Liverpool durch eine Bogenlampe von Libuda.

Die aktive Karriere von Tilkowski klang schnell aus

Tilkowski war 1965 Fußballer des Jahres in der Bundesrepublik, als erster Torhüter. Er sei mit Paul Newman verglichen worden, schreibt Felix Meininghaus in dem Bildband „Helden in Schwarz-Gelb“, aber „tatsächlich war es in Dortmund nie eine Frage, wer von den beiden Herren wirklich besser aussah“. Das Idolhafte an Tilkowski bestand meiner Meinung nach – da war ich dann schon älter – in der Verbindung seines makellosen Auftretens und eines feinen Charakters. Keine Ahnung, wie man auf so etwas kommt.

Seine aktive Karriere klang dann schnell aus, er spielte bis 1967 beim BVB und bis 1970 bei Eintracht Frankfurt, kam auf 39 Länderspiele. Als Trainer in Bremen, Nürnberg, Saarbrücken und bei 1860 war er nicht sonderlich erfolgreich, auch in Athen gab es nur ein kurzes Gastspiel auf der Bank – obwohl man sich einen besonnenen Typen wie Tilkowski als Trainer sehr gut vorstellen konnte.

Hans Tilkowski sei mit Paul Newman verglichen worden, heißt es.
Hans Tilkowski sei mit Paul Newman verglichen worden, heißt es.Foto: dpa,dpa

In Herne gibt es seit gut zehn Jahren eine Hans-Tilkowski-Schule, was sein gesellschaftliches Engagement auf vielen Feldern widerspiegelt. Im Fußball fühlte er sich schon lange nicht mehr wohl. Zu kommerziell, zu verlogen, so schrieb er über das Murmeltier in seiner Autobiografie „Und ewig fällt das Wembley-Tor. Die Geschichte meines Lebens“.

Am Sonntag ist Hans Tilkowski mit 84 Jahren gestorben. Mit ihm verbindet sich ein menschliches Grundversprechen. Halten, was zu halten ist.

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