• DGB feiert seinen 70. Geburtstag: Wie die Einheitsgewerkschaft gegen die Populisten kämpfen will

DGB feiert seinen 70. Geburtstag : Wie die Einheitsgewerkschaft gegen die Populisten kämpfen will

Gemeinsam stark, lautet das Credo des DGB. Vor allem auf kommunaler Ebene will die Gewerkschaft mit Themen wie bezahlbarem Wohnen und Tarifbindung punkten.

DGB-Chef Reiner Hoffmann ist bis 2022 gewählt.
DGB-Chef Reiner Hoffmann ist bis 2022 gewählt.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

In den vergangenen Wochen hatte Reiner Hoffmann mehrfach Gelegenheit, um an Wilhelm Leuschner zu erinnern. Die IG Metall und Verdi veranstalteten ihre Bundeskongresse und am 29. September gedachte der DGB-Vorsitzende anlässlich des 75. Todestages des großen Gewerkschafters.

Am 13. Oktober 1949 wurde der DGB in München gegründet

Die Nazis hatten Leuschner, vormals hessischer Innenminister und Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Hitler in Berlin-Plötzensee ermordet. Einen Tag vor der Hinrichtung gab er seinen Mitstreitern in den Gewerkschaften einen eindrücklichen Rat mit auf den Weg, den diese nach dem Ende der Nazizeit befolgten und der bis heute nachwirkt. „Morgen werde ich gehängt, schafft die Einheit!“

Am 21. Oktober, wenn der DGB seinen 70. Geburtstag feiert, wird Hoffmann wieder auf Leuschner und dessen Vermächtnis zu sprechen kommen. „Populisten wollen das Land spalten“, sagt Hoffmann mit Blick auf die AfD, „wir setzen die Einheitsgewerkschaft dagegen.“

Die Grundlage des Dachverbandes der Gewerkschaften, dem heute acht Einzelorganisationen angehören, ist das Prinzip der Einheitsgewerkschaft. Freie und demokratische Arbeitnehmervertretungen sind nur stark, indem sie zusammenstehen, lautet das Mantra jedes DGB-Funktionärs. Wenn sich Gewerkschaften in konfessionelle oder politische Richtungsgewerkschaften aufspalten, sich wechselseitig Konkurrenz machen und Mitglieder abjagen, nutzt das nur den Arbeitgebern.

In der Weimarer Republik gab es sozialdemokratische, christliche, kommunistische, liberale und berufsständische Arbeitnehmerorganisationen, die sich teilweise erbittert bekämpften. Mit der Gründung des DGB am 13. Oktober 1949 in München wurde das anders.

Sechs Millionen Mitglieder in acht Gewerkschaften

Knapp sechs Millionen Mitglieder hat der Bund der Gewerkschaften aktuell – wovon fast fünf Millionen allein zu den beiden Industriegewerkschaften sowie zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gehören. Diese Dickschiffe haben noch immer ausreichend Ressourcen, um neben Tarifgeschäft und Mitgliederbetreuung eigenständig politisch agieren zu können.

Die kleinen Organisationen dagegen – die Gewerkschaften der Polizisten und Lehrer, Bauarbeiter und Bahnbeschäftigten sowie die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten NGG – brauchen den DGB als ihre Interessenvertretung auf den bundes- und landespolitischen Bühnen.

Hier liegt der Kern des Problems: Die drei Großen dominieren den DGB und lassen Hoffmann wissen, was er machen darf und was nicht. Die Kleinen müssen zuschauen – auch dann, wenn sich die Chefs von IG Metall, Verdi und IG BCE auf den oder die DGB-Vorsitzende(n) verständigen.

IG Metall zahlt 70 Millionen Euro

Wer das Geld hat, der hat das Sagen. Die IG Metall mit ihren knapp 2,3 Millionen Mitgliedern überweist gut 70 Millionen Euro im Jahr an den DGB, so viel wie keine andere Gewerkschaft. Entsprechend groß ist der Einfluss der Metaller, und entsprechend wenig zu melden hat die Eisenbahnergewerkschaft EVG mit 180.000 Mitgliedern.

Fokus auf Städte und Gemeinden

Unabhängig von der Größe sind die DGB-Mitglieder nicht immer glücklich mit ihrem DGB und der DGB-Führung. Vor gut zehn Jahren war es der damalige IG-Metall-Chef Berthold Huber leid, die Millionen beim DGB abzuliefern und – abgesehen vom Rechtsschutz, den der DGB für seine Mitglieder organisiert – keine Gegenleistung zu bekommen.

Huber regte eine Strukturreform an, die am Kopf beginnen sollte: nur noch ein DGB-Vorsitzender plus ehrenamtlicher Stellvertreter, und dazu ein Generalsekretär, der das Haus organisiert. Vor allem die kleinen Gewerkschaften wehrten sich, und Huber gab sich mit einer Verkleinerung des Vorstands auf vier Köpfe und einer Satzungsänderung zufrieden, mit der eine ehrenamtliche Ebene eingeführt wurde: Kreis- und Stadtverbände. Sie sollen dem DGB in den Kommunen Gesicht und Stimme geben.

Neue Zentrale in Berlin

Die 362 Kommunalverbände ergänzen die hauptamtlich geführten neun DGB-Bezirke, darunter Berlin-Brandenburg mit Christian Hoßbach als Vorsitzendem. Hoßbach residiert derzeit in einem Ausweichquartier im Norden der Stadt, weil das alte Gebäude unweit des Wittenbergplatzes abgerissen wurde.

Für einen kleinen dreistelligen Millionenbetrag baut der DGB eine neue Zentrale, in die 2021/2022 der Bundesvorstand und der berlin-brandenburgische DGB einziehen werden. Sofern es keine großen Bauverzögerungen gibt, wird Reiner Hoffmann der erste Hausherr sein.

Hoffmann bis 2022 DGB-Chef

Der 64-jährige gelernte Großhandelskaufmann und studierte Ökonom kommt von der IG BCE und führt den DGB seit fünfeinhalb Jahren. Beim DGB-Bundeskongress im Mai 2022 geht Hoffmann in Rente. Und wie immer werden die drei Großen – der Metaller Jörg Hofmann, der neue Verdi-Chef Frank Werneke sowie Michael Vassiliadis von der IG BCE – die Nachfolge klären. Wenn eben möglich, soll es erstmals eine Frau sein.

Der Job an der DGB-Spitze ist ungefähr so schön wie das Amt des Papstes: viel Renommee und Repräsentanten, Reden halten und mit dem Arbeitgeberpräsidenten die Sozialpartnerschaft pflegen. Alles schön und gut. Zum Arbeitskampf rufen kann der DGB-Chef nicht. Er hat keine Truppen.

Streit um die Groko

Anders als sein Vorgänger Michael Sommer, ein ehemaliger Post-Gewerkschafter, ist Hoffmann erfrischend uneitel. Vermutlich ist es ihm auch deshalb gelungen, heftige Streitigkeiten über Organisationszuständigkeiten zwischen Verdi und den Industriegewerkschaften aufzulösen und den DGB-internen Streit über die gesetzliche Regelung der Tarifeinheit zu befrieden.

Hoffmann war 2014 mit 93 Prozent erstmals vom DGB-Bundeskongress gewählt worden, dessen Delegierte von den acht DGB-Mitgliedern kommen: je größer die Gewerkschaft, desto mehr Delegierte. Im Mai 2018 gab es dann bei der Wiederwahl nur 76 Prozent.

Hoffmann wurde von vielen nicht gewählt, weil er sich – auch mit Rückendeckung der drei großen Gewerkschaftsbosse – für eine erneute Regierungsbeteiligung der SPD eingesetzt hatte. Das war auf dem entscheidenden SPD-Parteitag gewesen, wo die Gewerkschaftsfunktionäre, die fast alle der SPD angehören, auch immer zugegen sind.

Gegen die "AfD-Dumpfbacken"

Hoffmann hat das schlechte Ergebnis weggesteckt und kümmert sich jetzt um die Basis. Vor allem auf der kommunalen Ebene setzt der DGB Schwerpunkte mit Themen wie bezahlbares Wohnen und Tarifbindung. „Konkret werden vor Ort, das mobilisiert die Leute“, sagt Hoffmann.

Und das funktioniere nur im DGB. Nicht einmal IG Metall oder Verdi könnten in Städten und Gemeinden gesellschaftspolitisch relevante Themen so spielen wie der Dachverband, der dazu mit Kirchen und NGOs Bündnisse eingeht, um zum Beispiel für eine Pflegeinfrastruktur im ländlichen Raum zu werben. „Wir wollen den Dumpfbacken von der AfD nicht das Feld überlassen, sondern kümmern uns in den Regionen um die Probleme der Menschen“, sagt Hoffmann.

Im sogenannten Zukunftsdialog will der DGB-Chef vor allem auch die Tarifbindung ansprechen. Gute Arbeit für gutes Geld gibt es dort, wo Tarifverträge angewendet werden. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat für Anfang kommenden Jahres Ideen für ein Bundestariftreuegesetz angekündigt. Wenn es nach den Gewerkschaften ginge, dann bekäme künftig nur noch die Firma einen Auftrag von der öffentlichen Hand, die ihre Leute nach Tarif bezahlt. Dafür müsste indes die Groko fortgesetzt werden. Hoffmann ist dafür.

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