Von Tisch zu Tisch : Le Bar

Das etwas nüchterne Bistro-Ambiente des ehemaligen "Florian" ist geblieben, neu sind die eigenwilligen Kreationen auf mediterraner Basis. Ein gelungener Neustart.

"Le Bar" in Charlottenburg. Mediterranes Feriengefühl im nüchternen Bistro-Chick der achtziger Jahre
"Le Bar" in Charlottenburg. Mediterranes Feriengefühl im nüchternen Bistro-Chick der achtziger JahreFoto: promo/Le Bar

Die Küche im "Le Bar" setzt auf mediterrane Akzente und eigenwillige Kreationen. "Ofenkäse für 2" als Vorspeise, das klang definitiv verführerisch, aber leider auch ziemlich schwer. Wir schlugen dennoch zu. Der gebackene "Vacherin Mont d’Or" war ein goldgelb geschmolzener Käse, mit Feigenvierteln vermischt, in einer festen Rinde von der Größe einer kleinen Stiel-Kasserolle. Darüber waren großzügig Scheiben vom schwarzen Trüffel gehobelt, die zu beiden Seiten auch das Brett bedecken, auf dem sich außerdem noch zu einem kleinen Hügel geschichtete, hauchdünn geschnittene Scheiben Salami "Rosette de Lyon" befanden. Dazu köstliches Baguette, das mit seiner dicken, knusprigen Kruste schon vorab zum Naschen verführte, zumal gutes Lein- und Olivenöl dazu serviert wurde (26 Euro). Im Laufe des Abends habe ich mich gefragt, ob man dieses Gericht, angereichert mit zwei frischen kleinen Salaten und einer Vieille Prune, nicht auch als Hauptgericht annoncieren könnte. Es hat ja ein bisschen was von Käsefondue oder Raclette.

Geschmacksnuancen von Ferien am Mittelmeer

Das Ambiente wirkte vertraut. Über 30 Jahre lang haben hier Ute Glinow und Gerti Hoffmann im "Florian" einen bemerkenswerten Teil der Film- und Fernsehszene bewirtet. Vor etwa zwei Jahren gaben sie das Lokal ab an einen Nachfolger, der an ihre Qualitäten offensichtlich nicht heranreichte. Nach 18 Monaten war Schluss, seit einigen Monaten baut der Betreiber vom "Mädchenitaliener" in Mitte das Restaurant unter dem neuen Namen wieder auf. Innen wirkt alles vertraut wie eh und je. Der semi-nüchterne Bistro-Schick, der Anfang der achtziger Jahre supermodern wirkte, hat inzwischen einen eigenen Klassik-Status erreicht. Das Publikum rekrutiert sich aus eher intellektuell wirkenden Gästen, die in der Gründerphase noch jung waren und hier nun auch ihre nostalgischen Bedürfnisse füttern.
Sechs Hauptgerichte greifen manches Motiv aus den Vorspeisen wieder auf. Dazu gehören die "Tagliatelle con Fico". Ein kleines Gebirge aus Bandnudeln mit einer süßlichen, stark reduzierten Sauce. Frische Feigen, Fenchelslami, Honig, Mohn, Rosmarin und Pinienkerne addieren Geschmacksnuancen von Ferien am Mittelmeer, allerdings auf eine süße Art in kindlicher Ausprägung. Leider hatten wir keine Kinder dabei, ich wüsste gerne mal, ob die dieses Hauptgericht goutieren würden (15 Euro).

Muschen & Fritten kommen heiß im schwarzen Topf auf den Tisch

"Muscheln & Fritten", das klingt ebenfalls nach Ferien. Ein großer schwarzer Topf mit Deckel wurde – Vorsicht heiß! – aufs Tischtuch platziert, was nach dem Abräumen braune Ringe hinterließ. Den sollte man vielleicht auf ein Brett stellen, damit die Decke bis zum Abschluss des Essens ihren appetitanregend weißen Anblick behält. Die Miesmuscheln waren in Ordnung, wenngleich sich einige schon aus den Schalen gelöst hatten. Der Weißweinsud schmeckte gesellschaftsfähig, will sagen, nicht von Knoblauch betäubt. Die dreimal gebackenen Fritten erwiesen sich als dicke, gut gewürzte Kartoffelquader. Dazu gab es grasgrüne Estragon-Mayonnaise zum Dippen (17 Euro). So mächtig die Vorspeise, so überraschend leicht das Dessert. Der Apfel-Nusskuchen mit Zimt und Sauerrahm bestand zum ganz überwiegenden Teil aus fein geschichteten, dünnen Apfelscheiben. Sauerrahm passte als Alternative zur Schlagsahne ausgesprochen gut dazu (8 Euro).

Die Weinkarte macht dem Namen des Lokals alle Ehre. Es gibt eine sehr ansehnliche Auswahl guter offener Weine, die in Achtelliter-Portionen verkauft werden, was die Preise auf Anhieb etwas moderater erscheinen lässt als es bei 0,1-Varianten oft der Fall ist. Das rheinhessische "Wunderkind", eine 2016er Cuvée aus Müller-Thurgau, Weißem Burgunder und Sauvignon Blanc, hatte eine fast ölige Konsistenz und passte so ganz gut selbst zum gewichtigen Käse (4,20 Euro). Mit dem harmonierte fast noch besser ein eher schwerer "Ripasso della Valpolicella" aus dem Jahr 2013 von der venezianischen Cantina San Cassiano (6 Euro). Ob man unter neuer Regie an den alten Nimbus des Künstlerlokals anknüpfen kann? Die Voraussetzungen stimmen jedenfalls wieder.

Le Bar, Grolmanstraße 52, Charlottenburg, Tel. 235 353 69, tägl. außer sonn- und feiertags ab 18 Uhr

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