Gesundheit : Die Professoren-Hasser

Faul, geldgeil: Ein Buch rechnet mit Deutschlands Hochschullehrern ab

Jens Mühling

Ein verlockendes Angebot. Da will ein Unternehmen expandieren und sucht per Stellenanzeige in der „Zeit“ Hochschulprofessoren zum Aufbau eines „Stabs für Beratungs- und Repräsentationszwecke“. Geboten wird einiges: „Erstklassige Dotierung, Dienstwagen, Außenbüro am Ort Ihrer Wahl“. Erwartet wird neben einer aktuellen Professur vor allem „zeitliche Flexibilität“: Zwei bis drei Tage in der Woche sollen für den lukrativen Nebenjob freigehalten werden.

Ein unmoralisches Angebot. Denn dem außeruniversitären Engagement von Hochschulprofessoren sind gesetzliche Grenzen gesetzt: Mehr als ein Fünftel der regulären Arbeitszeit, also ein Tag in der Woche, darf für Nebentätigkeiten nicht abgezweigt werden. Trotzdem löste die Stellenanzeige immenses Interesse aus: Gleich 44 Professoren reichten eine Bewerbung ein.

Bekommen hat die Stelle letztlich keiner von ihnen. Denn bei der vermeintlichen Ausschreibung handelte es sich in Wirklichkeit um eine journalistische Falle. Ausgelegt haben sie die Buchautoren Uwe Kamenz und Martin Wehrle, die mit diesem perfiden Täuschungsmanöver der deutschen Professorenkaste auf den Zahn fühlen wollten. Getrieben hat sie dabei ein Anfangsverdacht, den die beiden Autoren inzwischen bestätigt sehen: „Professor Untat – Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“ lautet der Titel ihres soeben veröffentlichen Buchs über die „Lehrdienstverweigerung“ an Deutschlands Universitäten.

Was Kamenz und Wehrle bei ihrer vorgeblichen Kandidatensuche zu hören bekamen, spottet tatsächlich jeder Beschreibung. Trotz gezielter Nachfragen wollte keiner der Bewerber einen Gewissenskonflikt zwischen Haupt- und potenzieller Nebentätigkeit erkennen. Lachend antwortete zum Beispiel ein Fachhochschulprofessor aus Baden-Württemberg auf die Frage, ob er „irgendwelchen Einschränkungen“ seitens des Arbeitgebers unterliege: „Wo kein Kläger, da auch kein Richter. Wenn ich nicht mit dem Ferrari an der Hochschule auftauche, fragt auch keiner nach, welche Tätigkeiten ich außerhalb der Hochschule mache.“ Ein anderer Bewerber erklärte bei den Gehaltsverhandlungen zuversichtlich, man werde schon ein „Agreement“ finden: „Das ist ja der Vorteil der Professur: Die Fixkosten sind ja vom Staat gedeckt.“

Basierend auf diesen Erkenntnissen, holen Kamenz und Wehrle zum Rundumschlag gegen den kompletten Berufsstand aus: Zutiefst arbeitsscheu seien Deutschlands Professoren, hoffnungslos geldgeil und abgrundtief korrupt, so der Tenor des Buchs. An der Universität lasse sich Otto Normalprofessor nur in Notfällen blicken, stattdessen bessere er sein Staatssalär mit lukrativen Beratertätigkeiten und Talkshow-Auftritten auf. Lästige Lehraufgaben wälze er auf seine Doktoranden ab, deren Forschungsergebnisse er dann auch noch als seine eigenen ausgebe – wenn er überhaupt noch publiziere.

Beim Ausmaß der Misere sehen die Autoren einen Punkt erreicht, der existenzbedrohend für das gesamte deutsche Bildungssystem sei: Denn um die eigene Position nicht zu gefährden, befördere die faule Professorenschaft inzwischen vorzugsweise gleichermaßen ungeeignete Kandidaten ins Amt. Zugute komme der korrumpierten Kaste dabei die viel beschworene „Freiheit der Forschung“: Das Professorenamt, so die Autoren, entziehe sich in Deutschland wie nirgends sonst der gesellschaftlichen Kontrolle.

Gestützt ist diese Analyse weitgehend auf die Berichterstattung deutscher Medien über Hochschulskandale. Das garantiert spannende Lektüre, lässt allerdings die Frage offen, inwieweit einzelne schwarze Schafe repräsentativ für den kompletten Berufsstand sein müssen. Belastbare statistische Angaben präsentieren Kamenz und Wehrle jedenfalls nur in Ausnahmefällen: Dass etwa die Hälfte der deutschen BWL-Professoren zwischen 2005 und 2006 keine einzige wissenschaftliche Veröffentlichung vorgelegt hat, stimmt ebenso bedenklich wie die Tatsache, dass allein der Siemens-Konzern jährlich mehr Patente anmeldet als alle deutschen Hochschulprofessoren zusammen. Ansonsten aber herrscht in „Professor Untat“ Zahlenmangel. Auf die getürkte Stellenausschreibung der Autoren hatten sich 44 von insgesamt über 38 000 deutschen Hochschulprofessoren gemeldet – fraglich, ob daraus folgendes Berufsbild abzuleiten ist: „Gut ein Drittel, so unsere Einschätzung, krempelt vorbildlich die Ärmel hoch, während 50 Prozent passiv sind und der Rest die Dienstpflichten mit Füßen tritt.“

Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, nimmt die Anschuldigungen jedenfalls gelassen. Das Buch reihe sich in eine Liste ähnlich quotenheischender Veröffentlichungen ein, in denen wahlweise Lehrer, Beamte oder Ärzte an den Pranger gestellt würden. „Das unentschuldbare Fehlverhalten einzelner Professoren ist das eine“, sagt Kempen im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Wie aber steht es um den deutlich überwiegenden Einsatz engagierter und motivierter Hochschullehrer, die trotz finanzieller Auszehrung, überfüllter Hörsäle, sich überstürzender Studienreformen und bürokratischer Gängelung Tag für Tag Beachtliches leisten?“

Dass Buchautor Uwe Kamenz selbst eine BWL-Professur an der Fachhochschule Dortmund innehat, bringt Kempen dann noch auf folgende Frage: „Wie lässt sich dieses oberschlaue Buch eigentlich mit dem nordrhein-westfälischen Nebentätigkeitsrecht in Einklang bringen?“

„Professor Untat“ schließt mit einem Zehn-Punkte-Programm, das Kamenz und Wehrle zur Rettung der deutschen Hochschulen erdacht haben. Ein zentraler Punkt ist dabei die Forderung nach mehr öffentlicher Kontrolle: Stärker als bisher soll Studenten die Möglichkeit gegeben werden, die Leistungen ihrer Lehrbeauftragten kritisch zu beurteilen. Die Internetseite www.professor-der-tat.de haben die beiden Autoren zu diesem Zweck bereits eingerichtet. Unter „Aktionen“ herrscht dort allerdings bislang gähnende Leere.

Uwe Kamenz, Martin Wehrle: „Professor Untat – Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“. Econ, Berlin 2007. 288 Seiten, 18 Euro.