Fußball-WM und Mode : Deutschland und das Trikot des Grauens

Knapp zwei Wochen lang war das Outfit der deutschen Mannschaft Symbol einer Nation von Gewinnern. Jetzt ist es erst mal Ladenhüter. Trotzdem beeinflussen sich Sport und Mode weiter.

Sophia Steube
Chefsache. Das grüne Retro-Trikot wurde von Adidas-Chefdesigner Jürgen Ranke in Anlehnung an die WM 1990 entworfen.
Chefsache. Das grüne Retro-Trikot wurde von Adidas-Chefdesigner Jürgen Ranke in Anlehnung an die WM 1990 entworfen.promo

Eigentlich hätte das Trikot der Nationalelf doch alles gehabt, um darin den Titel zu holen. Das Design ist inspiriert vom Dress, den Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus und der Rest der alten Garde bei ihrem WM-Sieg gegen Argentinien in Italien 1990 trug.

Wäre doch zu schön, wenn es so einfach wäre: ins Weltmeisteroutfit schlüpfen und gewinnen. Doch die Zeit zurückzudrehen, das geht bestenfalls modisch. Und auch das funktioniert nicht immer. Die grünlichen Auswärtstrikots, mit denen die deutsche Nationalmannschaft am Mittwoch gegen Südkorea verlor, werden nun für immer mit diesem desaströsen Ereignis in Erinnerung gebracht und vielleicht nie mehr aus der Klamottenkiste geholt werden. Wenn sie nicht sogar schlicht zu den Trikots des Grauens erklärt werden.

Was ja auch gut zu den lauten, grellen neunziger Jahren passt, die schon seit einigen Saisons ihr großes Revival feiern. Für einen besonders feinsinnigen und subtilen Stil steht vor allem die erste Hälfte dieses Jahrzehnts nicht. Sie wurde geprägt von Grunge – Kurt Cobain im karierten Flanellhemd – und den bauchfreien Tops der Spice Girls. Im schwarz-weißen Look der Nationalmannschaft tauchte bei der Europameisterschaft 1988 zum ersten Mal Schwarz-Rot-Gold auf. Zwei Jahre später diente das farbige Design als Vorlage, um für die aktuelle Weltmeisterschaft erneut modern interpretiert zu werden.

„Wir haben immer ein Ohr auf der Straße und dabei natürlich auch den Trend erkannt, Elemente aus den achtziger und neunziger Jahren neu zu interpretieren“, sagte Adidas-Chefdesigner Jürgen Rank letzte Woche. Er leitet ein internationales Team von Trikot-Designern und ist unter anderem für das deutsche Outfit verantwortlich. Rank erklärt die Idee hinter der Retro-Optik mit einer selbst erdachten Designphilosophie: „From authenticity to progression. Wir greifen ikonische Elemente aus der Vergangenheit auf und übersetzen sie ins Jahr 2018. Bei den Trikots der deutschen Mannschaft haben wir uns beispielsweise vom markanten, zackigen Brustring inspirieren lassen, der seit der WM 1990 ein absoluter Design-Klassiker ist.“ Der wohl deutlichste Unterschied zum alten Trikot sind die Farben: Statt in Schwarz-Rot-Gold ist der Brustring des diesjährigen WM-Trikots schwarz und spiegelverkehrt aufgedruckt.

Der süddeutsche Sportartikelhersteller Adidas hat bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zwölf Mannschaften mit Trikots ausgestattet. Der schärfste Konkurrent, die US-amerikanische Sportmarke Nike, bringt es auf zehn – wobei sich seine Chancen auf das neue Weltmeistertrikot mit Brasilien, Portugal und England schon jetzt stark erhöht haben. Damit steht Adidas immer noch besser da als sein alter Konkurrent Puma – der hatte unter anderem auf Italien gesetzt.

Sportmarken orientieren sich an den Trends, die unter anderem große Luxusmodehäuser wie Dior oder Chanel setzen. Das funktioniert auch in die andere Richtung. In den vergangenen Jahren sind in New York, Mailand und Paris Sports- und Streetwear in vielen Kollektionen geradezu omnipräsent gewesen. Der Erfolg des italienischen Modelabels Off-White etwa basiert auf Streetwear-Elementen, die ihren Weg in die Luxusmode gefunden haben. Off-White-Chefdesigner Virgil Abloh hat es damit sogar zum Kreativdirektor der Herrenkollektionen von Louis Vuitton geschafft. Auch Designer wie Demna Gvasalia, der den Marken Vetements und Balenciaga vorsteht, oder Gosha Rubchinskiy haben sich für ihre Kollektionen immer wieder von der Street- und Sportswear beeinflussen lassen. Es gab auch viele Kooperationen mit Sportmarken wie Umbro und Champion.

Bei Kenzo liefen Models für diesen Sommer in mit Volants verzierten Trikots über den Laufsteg. Koché zeigte ebenfalls Trikots – die von Paris Saint-Germain. Mit dem Fußballclub, bei dem unter anderem der brasilianische Nationalspieler Neymar und der französische Nationalspieler Kylian Mbappé unter Vertrag sind, arbeitet das Modehaus zusammen. In diesen Tagen waren nicht nur viele unterschiedliche Nationaltrikots auf den Straßen zu sehen, sondern eben auch ganze Trainingsoutfits mit dem Emblem des Pariser Clubs.

Heute posieren Spieler so selbstverständlich auf teuer produzierten Fotostrecken für Hochglanzmagazine, als hätten sie das Modeln ebenso wie das Dribbling von Kindesbeinen an gelernt

Der Luxuskonzern Louis Vuitton kümmert sich seit der WM 2010 darum, dass auch der Pokal gut verpackt ist. Er wird in einem der typischen Koffer mit Monogrammdruck aufbewahrt, als sei er Teil des Gepäcks eines neureichen Russen. Oder von David Beckham, der sich ständig mit Louis-Vuitton-Reisetaschen von der Klatschpresse ablichten lässt. Das Modehaus scheint sich inspiriert zu fühlen; dieses Jahr hat es zum ersten Mal eine ganze Fifa-World-Cup-Kollektion herausgebracht. Die sieht, oh Wunder, aus wie ein verformter Fußball. Die Taschen wird es nur bis zum Ende der Weltmeisterschaft geben, die Umsätze in Deutschland dürften allerdings jetzt schon einbrechen. Außerhalb des Platzes kleidet Hugo Boss bereits seit 2013 die deutsche Nationalmannschaft ein. Der allerschönste deutsche Nationalspieler, Toni Kroos, hat sogar eine Extra-Kooperation. Auch das erst zu enge und jetzt als viel zu lässig wahrgenommene T-Shirt von Jogi Löw kam von den Schwaben.

1990 waren Fußballer noch keine Models, wie man an Matthias Sammer und Guido Buchwald bei der Trikot-Präsentation sehen kann (unten). Auch die Frisuren waren noch Freestyle.
1990 waren Fußballer noch keine Models, wie man an Matthias Sammer und Guido Buchwald bei der Trikot-Präsentation sehen kann...Foto: Imago

Auch wenn das Aus der deutschen Mannschaft zeigt, wie fragil solche Marketingstrategien sein können, tragen sie doch im Großen und Ganzen dazu bei, dass sich das Bild des Fußballs in den vergangenen Jahren völlig verändert hat. Heute posieren Spieler so selbstverständlich auf teuer produzierten Fotostrecken für Hochglanzmagazine, als hätten sie das Modeln ebenso wie das Dribbling von Kindesbeinen an gelernt. Neben Topmodel Natalia Vodianova blickt derzeit Julian Draxler mit dem Russen Fedor Smolov und dem verletzungsbedingt ausgefallenen Brasilianer Dani Alves vom Titel der russischen „Vogue“.

Für die Juli-Ausgabe der deutschen „GQ“ hat Modefotograf Juergen Teller Spieler der Nationalelf inszeniert. Als Gesichter großer Kampagnen beeinflussen Fußballer auf Plakaten, im Fernsehen und in den sozialen Medien mittlerweile Millionen von Menschen. Cristiano Ronaldo hat 131 Millionen Abonnenten auf Instagram, das macht ihn für Marken besonders interessant. Ein athletischer Körper in Kombination mit sportlichem Erfolg kurbelt den Verkauf an.

Model. Toni Kroos für Hugo Boss.
Model. Toni Kroos für Hugo Boss.promo

Was den Absatz der Deutschland-Trikots betrifft, muss Adidas nun damit rechnen, dass der grünliche Retro-Entwurf zum Ladenhüter wird. Aber alle Trikots der zwölf Fußballmannschaften zusammengenommen, rechnet Adidas laut Pressesprecher Oliver Brüggen damit, dieses Jahr noch mehr Trikots zu verkaufen als bei der WM in Brasilien und damit einen Rekord zu brechen. Damals waren es knapp acht Millionen. Überhaupt muss sich Adidas keine großen Sorgen machen. „Unser Engagement als globale Marke bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist so umfassend, dass wir nicht vom Erfolg eines einzelnen Teams abhängig sind“, lässt Bastian Steineck aus der Presseabteilung wissen. Mit Spanien und Belgien haben sie ja noch Favoriten im Portfolio. Auch Schweden und Mexiko sind in Adidas-Trikots weitergekommen.

- Mitarbeit: Grit Thönnissen, mehr zur Mode hier.