• Karl Lagerfeld und Karl-Heinz Müller: "Ich bin ein verdienstloser Tugendgreis"
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Karl Lagerfeld und Karl-Heinz Müller : "Ich bin ein verdienstloser Tugendgreis"
Kar Lagerfeld mit Anna Wintour, der langjährigen Vogue-Chefin.
Kar Lagerfeld mit Anna Wintour, der langjährigen Vogue-Chefin.Foto: imago/ZUMA Press

Was ist Ihnen beiden wirklich wichtig?

Lagerfeld: Mein Lebensziel ist es, Größe 48 zu halten. Ich bin ein verdienstloser Tugendgreis, weil ich nichts mache, nur das, was ich mache. Alkohol kann ich nicht trinken, weil ich sofort einschlafe. Rauchen nicht, ich brauche meine Hände zum Zeichnen. Und Essen, da wird man nur dick von. Größe 48, alles andere ist unwichtig. Das klingt vielleicht oberflächlich, aber man muss sich um die Oberfläche kümmern, dann kommt man besser an die Unterfläche heran. Sehen Sie, eine sehr primitive, aber handfeste Philosophie.

Müller: Ich will machen können, was mir gefällt. Will niemanden, der mich bevormundet. Deshalb ist es für mich existenziell, dass meine Firma unabhängig bleibt. Wenn ich einen Fehler mache, muss ich es eben selbst ausbaden. An meiner Kleidergröße arbeite ich später. Ich habe ja noch viel Zeit.

Was stört Sie an anderen Menschen?

Lagerfeld: Dass die Leute überhaupt keine Unterhaltung mehr haben, wenn sie irgendwo zusammensitzen. Die einen schauen ständig auf ihr Telefon, die anderen gehen raus zum Rauchen.
Da müsste Ihnen Berlin doch ganz gut gefallen, da kann man fast überall drinnen rauchen.

Lagerfeld: Ja, das ist eine gute Sache. Ich habe nie geraucht, aber es stört mich überhaupt nicht, wenn die Leute rauchen. Was ich hasse, das ist, wenn man merkt, dass die Leute nervös werden, weil sie das nicht mehr können, das ist grauenhaft.
Haben Sie nie Angst?

Lagerfeld: Wovor denn?

Dass mal etwas nicht so richtig gut wird, vielleicht?

Lagerfeld: Ach, man lernt doch nur von seinen Fehlern.
Welche Fehler haben Sie gemacht, von denen Sie gelernt haben?

Lagerfeld: Was ich davon gelernt habe, das weiß ich. Aber was die Fehler waren - da habe ich mir Mühe gegeben, das zu vergessen.
Wie sehen Sie das mit den Fehlern, Herr Müller?

Müller: Natürlich mache ich auch Fehler, und zwar viele. Sicherheit und Routine waren noch nie mein Ding. Es würde mich langweilen. Die Fachwelt hat vor acht Jahren gesagt, Berlin ist ein Fehler. Heute kann man sehen, was aus unserem „Fehler“ geworden ist.

Beschreiben Sie doch mal, wie Sie arbeiten.

Lagerfeld: Das basiert alles auf Intuition. Die besten Ideen habe ich, wenn ich schlafe.

Müller: Das ist ja lustig, ich träume auch viel. Wenn ich ein Problem zu lösen habe, nehme ich es mit in den Schlaf. Wenn ich aufwache, habe ich meistens die Lösung.
Sie warten also ab…

Lagerfeld: Nee, das muss ja alles kanalisiert werden. 99 Prozent von dem, was ich mache, geht in den Papierkorb.

Mit wem diskutieren Sie Ihre Ideen?

Müller: Wenn ich Ideen habe, besprechen wir das im Team. Viele Ideen kommen aber auch aus dem Team. Ideen sind immer willkommen. Das Wichtigste aber sind die Entscheidungen. Die wichtigen Dinge entscheide ich selbst. Ich nenne das „Demokratur“.

Lagerfeld: Ich diskutiere nicht! Ich mache alles alleine, die Schuhe, die Handtaschen, alles, und ich kann machen, was ich will, da gibt es keine Meetings. Meine Methode ist die allgemeine Meinung einer alleinstehenden Person, und die ist erfolgreich. Aber ich denke vorher nach. In anderen Häusern könnte man auch viel mehr machen, wenn die nicht so viele kleine Chefs hätten und so viele Leute, die Haare in vier Stücke schneiden und all so was. Man muss jemanden haben, dessen Meinung irgendwie richtig ist. Nicht, dass ich mir einbilde, ich wüsste alles besser, nur denke ich vielleicht etwas mehr nach, bevor ich den Mund aufmache.

Gibt es zu viele Designer?

Lagerfeld: Es gibt zu viele und nicht genug gute.

Müller: Das sehe ich genau so. In Berlin gibt es neun Modeschulen, die jedes Jahr Aberdutzende Designer hervorbringen. Aber nur wenige setzen sich durch…
Lagerfeld: Ach ja, die Modeschulen, da glaube ich überhaupt nicht dran. Ich war nie in einer Modeschule, ich habe immer improvisiert. Wichtig ist nur, dass man wirklich die Augen offen hat.

Würden Sie sagen, Sie haben einen eigenen Stil?

Lagerfeld: So etwas bildet man sich ein, aber da spricht man nicht drüber. Ich muss unbewusst das Richtige tun, was irgendwie meinem Geschmack entspricht, aber ich werde Ihnen da nicht sagen, das ist mein Stil. Das ist sehr ungesund. Wenn die Leute anfangen, von sich selber in der dritten Person zu sprechen, wie gewisse Modeschöpfer das machen, dann ist das sehr gefährlich. Cardin, der spricht über sich selbst als Pierre Cardin. Wie kann man so was machen? Alain Delon macht das auch. Der sagt, Alain Delon denkt so und so.

Denken Sie an Ihre Kunden, wenn Sie entwerfen?

Lagerfeld: Ich denke nie an Kunden.

Gehen Sie denn manchmal in einen Laden und sprechen mit den Kunden?

Lagerfeld: Nie! Und heutzutage kommen die Haute-Couture-Kunden doch auch gar nicht mehr ins Haus. Da wird die Kollektion für einen Tag mit dem Privatjet in die Schweiz geschickt oder sonst wohin. Neulich haben wir eine Modenschau in Korea gemacht, was ja nun wirklich ein Dorf ist, da haben wir 30 Haute-Couture-Kleider verkauft, von denen keins unter 100 000 Euro gekostet hat.

Müller: Bei mir ist es anders, ich bin Einzelhändler mit Leib und Seele und ich liebe es, mit meinen Kunden direkt im Kontakt zu stehen. Das ist so bei 14 oz. und auch bei der Bread & Butter.

Aber Zielgruppen definieren Sie schon, oder?

Lagerfeld: Das ist doch völlig überholt, lächerlich. Heutzutage muss das Preiswerte genauso gut konzipiert sein wie das Teure. Mit dem Vorwand, dass die Leute nicht viel zahlen können, ihnen Mist anzubieten, das finde ich äußerst herablassend.

Müller: Aber manches ist so günstig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das gute Sachen sind.

Lagerfeld: Doch, doch, doch. Bei Ikea gibt’s ja auch keinen Mist, da gibt’s tolle Sachen. Neulich habe ich einen kleinen Tisch gesucht, aber nichts war richtig gut, nicht für 6000 Euro, nicht für 7000. Da bin ich zu Ikea: 250 Euro, total perfekt! Die anderen hatten nicht mal eine Schublade...


Lagerfeld springt auf, läuft ins Zimmer nebenan, ruft „Schauen Sie mal, genau diese Größe habe ich gesucht!“, und da steht es, das Ikea-Tischchen, flach, schwarz, glänzend, gerade noch zu erkennen unter Bergen von Bildbänden, doch Lagerfeld ist schon weiter, nächstes Zimmer, hier ein Riesentisch, „Beine wie Flugzeugträger, toll, oder?“, darauf Holzmodelle von Häusern, „von denen mache ich die ganzen Interieurs neu, aber ich bin ein frustrierter Architekt, man bekommt ja keine Bauerlaubnis für das, was ich möchte“, und weiter, „hier mein Privatbüro“...
Herr Lagerfeld, Sie entwerfen Mode, Sie fotografieren, Sie machen Werbung, Sie arbeiten an Architekturmodellen…


Lagerfeld: … und ich mache kleine Filme! Kennen Sie meine Filme? Die stehen im Netz, zum Beispiel der mit der Fee und der lesbischen Französin, der ist sehr witzig, finde ich jedenfalls. Ich würde gerne Langfilme machen, wenn ich mehr Zeit hätte.

Schalten Sie eigentlich nie ab?

Lagerfeld: Ich schalte nie ab! Das ist ein furchtbarer Ausdruck, dass man abschaltet. Ich bin kein elektrisches Gerät. Ich bin immer „on“, auch wenn ich schlafe.

Müller: Das geht mir auch so. Von der Bread & Butter habe ich tatsächlich erst geträumt und dann habe ich sie gemacht.

Lagerfeld: Genau, da sehen Sie mal.
Müller: Und vor der ersten Messe habe ich geträumt, dass keiner kommt, dass keiner uns findet, und am nächsten Tag haben dann tausende Menschen vor der Tür gestanden.

Lagerfeld: Es kommt immer besser, als man denkt. Aber wenn Sie abschalten, dann klappt das nicht.

Müller: Abzuschalten habe ich nicht vor! Und jetzt feiern wir erst einmal unser 10-jähriges Jubiläum.

Lagerfeld: Da sind Sie ja noch nicht mal mündig!

Müller: Ich schicke Ihnen ein Buch von uns, 480 Seiten, da steht alles drin.

Lagerfeld: In der Kürze liegt die Würze. So, und jetzt muss ich mal wieder was tun!

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