Berlins Gesundheitsämter unter Druck : „Wir werden erpresst und ausgenutzt“

Die Gesundheitsämter leisten viel in der Corona-Bekämpfung, wie Claudia Krummacher und ihr Ermittlerteam in Pankow. Doch in den Ämtern steigt auch die Wut.

So ähnlich wie hier in Mitte sieht es in allen bezirklichen Teams der Nachverfolgung von Kontakten aus
So ähnlich wie hier in Mitte sieht es in allen bezirklichen Teams der Nachverfolgung von Kontakten ausFoto: Britta Pedersen/dpa

Es sind keine guten Nachrichten, die Claudia Krummacher am Montagvormittag im Kleinen Ratssaal in Pankow, Einsatzzentrale für die Kontaktpersonenermittlung, KPE, erfährt. Die 38-Jährige leitet die Teams, die hier an vier Tischen, mit provisorischen Trennwänden, Flipcharts und anderen Büromaterialien im Schichtdienst sieben Tage die Woche am Computer sitzen, telefonieren und lange Exceltabellen oder Kontakt-Fragebögen ausfüllen.

Eine Schülerin in Pankow, die aber aus Friedrichshain-Kreuzberg stammt, wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

Für die Personenverfolgung ist eine Schule mit zurzeit geviertelten Klassen zwar eher einfach, und auch die vielen Anrufe von Eltern, die sich jetzt Sorgen machen, obwohl ihre Kinder vielleicht keinen Kontakt hatten, sind nicht das ganz große Problem. Es ist etwas anderes, das Claudia Krummacher nachdenklich stimmt: Das ungute Gefühl, dass eine solche Nachricht ein Fanal sein könnte.

Sie sagt: „Die zweite Welle wird kommen.“ Neben ihr steht der Vize-Amtsarzt Detlev E. Gagel, 64 Jahre alt, ein erfahrener, stiller Mann, der nicht zur Hysterie neigt und nickt: „Niemand sollte glauben, dass wir über dem Berg sind.“

Es ist der Tag, an dem die EU-Außenminister der zehn beliebtesten Reiseländer sich darauf verständigen, die Grenzen Schritt für Schritt zu öffnen, Reiseerleichterungen zu ermöglichen und damit die Hoffnung nähren, dass der Sommerurlaub auf Mallorca doch noch möglich sein könnte. Gleichzeitig spricht in Genf die Weltgesundheitsorganisation WHO eine scharfe Warnung an die Europäer aus, nicht zu schnell zu lockern.

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Auch Berlin öffnet sich zunehmend, Kitas, Schulen, Geschäfte, Restaurants, Cafés. Die Leute sehnen sich danach; die Experten sehen die richtige Balance zwischen Verbot und Freiheit in Gefahr. Und die Gesundheitsämter, die seit Anfang Mai ein wenig durchatmen konnten, bangen um ihre Arbeitsfähigkeit bei wieder steigenden Infiziertenzahlen.

Wird alles wieder hochgefahren, fehlt doch wieder Personal

Im Rathaus Pankow hat man keine Zeit für die große Politik, die Arbeit muss gemacht werden. Aber in den Gesundheitsämtern aller Bezirke sind Wut und Enttäuschung auf die Politik groß, gewachsen seit Jahren. Während der Pandemie ist die Wut explodiert. Eine erfahrene Amtsärztin sagt: „Wir werden erpresst und ausgenutzt.“

Claudia Krummacher (l.) im Team der Kontaktpersonenermittler mit der Studentischen Hilfskraft Claudia Zensen.
Claudia Krummacher (l.) im Team der Kontaktpersonenermittler mit der Studentischen Hilfskraft Claudia Zensen.Foto: ale

Im KPE-Zentrum lässt sich Claudia Krummacher jetzt von einer der studentischen Hilfskräfte auf den aktuellen Stand bringen, hinter dem Raumteiler sitzt ein weiterer Student und telefoniert. Auf dem Bildschirm ist ein Formular zu sehen, mit dessen Hilfe Daten abgefragt werden.

Es ist die Quarantäne-Meldeliste: Beruf, Arbeitgeber, Straße, auch die Etage ist wichtig für das Abstrichteam. Beim Feld Risikobewertung gibt es Einteilungen in Kontakt 1 bis Kontakt 3. War er eng oder nicht? Wo fand er statt? Wie lang?

Zurzeit können die Gesundheitsämter die Fälle gut zurückverfolgen

Zu Beginn der Pandemie, als die Lage, wie Krummacher sagt, „dynamisch“ war, sie meint chaotisch, war es natürlich viel schwieriger. Leute haben aus Angst angerufen, ohne sich Gedanken zu machen. Meine Nachbarin hat Husten, hieß es dann, man habe zusammen Kaffee getrunken.

Aber die Nachbarin hatte gar keine Beschwerden, sie hatte auch keinen positiven Test. Es gab kein Corona, trotzdem musste die Sachlage mühsam abgeklärt werden. Auch das führte zu Warteschleifen in den Hotlines.

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Zurzeit können die Gesundheitsämter in Berlin alle Fälle, die reinkommen, meistens noch am selben Tag zurückverfolgen. „Das funktioniert reibungslos und vollständig“, sagt zum Beispiel der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid. Gagel kann das für Pankow bestätigen.

Hier im Bezirk hat Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne, CDU, trotzdem Bauchschmerzen, wenn er auf das guckt, was von ihnen verlangt wird. Der Senat möchte, dass viele Ämter im Bezirksamt schnell wieder hochgefahren werden, vor allem die für Stadtentwicklung, Schule und Sport und die Bürgerdienste.

Doch allein 60 der rund 200 Kräfte, die Pankow zur Pandemiebekämpfung zur Verfügung stehen, kommen aus diesen Ämtern. Kühne zuckt mit den Achseln: „Wie sollen wir das machen?“ Er sagt: „Dann können wir die personellen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts nicht mehr umsetzen.“

Im angedachten Mustergesundheitsamt würden berlinweit 268 Stellen fehlen

Kühne hat sich selbst nichts vorzuwerfen. Er hat das Virus sehr früh sehr ernst genommen. Bei der Bezirksverordnetenversammlung am 22. Januar sprach er schon davon, dass das Bezirksamt nun das Gesundheitsamt stärken werde und ein Corona-Kompetenzteam aufbaue. Er kannte alle Studien.

Seit 2010 wird in Berlin über das so genannte Mustergesundheitsamt diskutiert, das nach moderner Expertise aufgebaut sein soll. Laut Rechnung des Senats würden Pankow dann in einem solchen Gesundheitsamt 179 Stellen zur Verfügung stehen. Im Moment fehlen dafür 43 Stellen, 268 Stellen in ganz Berlin.

Bei den Amtsärzten nicht sehr beliebt, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.
Bei den Amtsärzten nicht sehr beliebt, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.Foto: Christophe Gateau/dpa

Die Mitarbeiter in Berlins Gesundheitsämtern sind hochqualifiziert, aber sie fühlen sich wie in einem abgeschlossenen Maschinenraum, wo sie ihre Arbeit zu verrichten haben, aber weder gehört noch gesehen werden..

Hört man sich in den Bezirken um, ist das Urteil einhellig: Wie überall in den Bezirksämtern wurde nach der Jahrtausendwende begonnen, massiv Stellen einzusparen. In den vergangenen Jahren hat zwar ein Umdenken stattgefunden, trotzdem fehlt nicht nur Personal, es fehlen vor allem: Anerkennung und Respekt.

Der Regierende Bürgermeister antwortete nicht

Detlev E. Gagel und Claudia Krummacher haben wie viele andere Mitarbeiter in Berlins Gesundheitsämtern genau registriert, dass im März und im April vielen „Alltagshelden“ in systemrelevanten Berufen öffentlich gedankt worden ist. „Uns nicht!“

Berlins Amtsärzte hatten dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller einen Brief geschrieben, in dem sie auf ihre Lage aufmerksam gemacht haben, doch der antwortete nicht.

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Gudrun Widders etwa, Amtsärztin aus Spandau und Vize-Vorsitzende des Landesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, sagt am Telefon: „Erst als wir den öffentlich gemacht haben, hat Müller auch uns nicht mehr vergessen.“ Es war ihnen wichtig.

[Lesen Sie mehr im Tagesspiegel: Wer ist Gudrun Widders? Im Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel stellen wir sie vor - darin beklagte sie sich öffentlich über fehlende Anerkennung. Hier das Interview, hier die 12 Tagesspiegel-Newsletter für jeden Berliner Bezirk: leute.tagesspiegel.de]

Claudia Krummacher ist eigentlich Kinderärztin und leitet in Pankow den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Sie und Gagel wollen nicht klagen, aber die öffentliche Nichtbeachtung vor Corona und anfängliche Häme während der Pandemie haben ihnen zugesetzt.

Krummacher sagt: „Wir sind doch mit unserer Arbeit diejenigen, die die Prävention machen, verhindern, dass die Zahlen hochgehen, anderen die Arbeit erleichtern.“

Sie arbeiten oft 14 Stunden, manchmal sieben Tage lang

Sieben Tage, oft 14 Stunden wird gearbeitet, das Handy ist nie aus, zu Ostern haben sie sich wie an normalen Tagen zur Lagebesprechung getroffen. Krummacher hat drei kleine Kinder zu Hause, die oft zehn Stunden am Tag in der Notbetreuung sind und die Mutter vermissen.

Sie kann sich nicht mehr genau an die Sitzung im März erinnern, als nach Hilfe gefragt wurde, es plötzlich schnell Leute brauchte, die anpackten. Claudia Krummacher hob einfach die Hand und begann, die Kontaktverfolgungsteams aufzubauen und zu schulen, drei Stunden jeweils, jeden Tag, bis genug da waren für die Siebentageschichten.

Es sind viele Teams, die sie in den Gesundheitsämtern mit Elan und „unglaublicher Solidarität“, wie Krummacher findet, aus allen möglichen Mitarbeitern im Bezirksamt gebildet haben: Hotline-Teams, Excel-Teams, Datenteams, Abstrich-Teams, Kontaktverfolgungsteams, Fahrer-Teams, Hygiene-Teams, Teams, für die Schulen und Kitas, für Obdachlose, Geflüchtete.

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Stadtrat Kühne hat die Überstunden, er nennt sie liebevoll „Übertage“, zusammengerechnet. Er grinst: „Wenn wir das in Freizeitausgleich umrechnen, dann sind das zwei bis drei Monate.“

Er sieht sich als Arzt an der Basis

Detlev E. Gagel hat einst fest an diese dritte Säule des Gesundheitssystems geglaubt, nämlich die Gesundheitsämter, er fand das Jobprofil im Vergleich zu Kliniken „attraktiv“, auch wenn die Jobs geringer bezahlt sind. Er hat in Krankenhäusern gearbeitet, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Gagel sagt: „Ich wollte immer im Team arbeiten, mit anderen Fachrichtungen zusammen.“ Er leitet in Pankow den sozialpsychiatrischen Dienst, sieht sich als Arzt „an der Basis“.

Er kennt sich mit Überforderungsfällen aus. Da sind die Suizidgefährdeten, da ist etwa die Mutter, deren verhaltensauffälliger volljähriger Sohn wieder in ihre Wohnung kommt, sich einmischt, laut und aggressiv ist. Die Mutter kann sich nicht wehren, die Wohnung ist klein. „Wir entscheiden dann, ob er in die Klinik kommt“, sagt Gagel.

Stadtrat Torsten Kühne (CDU) geneinsam mit dem stellvertretenden Amtsarzt Detlev E. Gagel (M) und Claudia Krummacher im Ratssaal.
Stadtrat Torsten Kühne (CDU) geneinsam mit dem stellvertretenden Amtsarzt Detlev E. Gagel (M) und Claudia Krummacher im Ratssaal.Foto: ale

Doch ist diese Arbeit anders als die der niedergelassenen Ärzte und Kliniken kaum bekannt. Was ihn wie andere Amtsärzte gekränkt hat: Dass man ihnen in der Politik und beim Verband der kommunalen Arbeitgeber gesagt habe, „dass wir gar keine ärztliche Arbeit machen“. Dabei habe ich bei mir die Leute, die „nicht Wartezimmer tauglich sind“.

Seine Gefühle dazu äußert Gagel zurückhaltend, nennt sie ambivalent. „Trotzdem fahre ich abends nach Hause und denke oft: Du hast etwas bewegt, Menschen geholfen.“

Bei Leuten in Quarantäne wird alle zwei Tage nachgefragt, wie sie klarkommen

Bei Claudia Krummacher ist es ähnlich, es war auch „Idealismus“, der sie in das Gesundheitsamt gebracht habe nach acht Jahren Klinik. Sie sagt, allein die Versorgung und Impfung nicht-krankenversicherter Kinder, von denen es viele gebe, sei enorm sinnvoll, „sonst fallen die einfach durch das soziale Netz“. Auch dass sie und ihre Kollegen in der Lage seien, Daten zu erheben, die etwas aussagen, sei wichtige Basisarbeit.

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Die Schuleingangsuntersuchungen nennt sie als Beispiel, die Hinweise darauf ergeben, dass etwa in Prenzlauer Berg Kinder aus bürgerlichen Familien immer seltener geimpft sind. Oder dass die Sprachfähigkeiten mancher Kinder nicht für die 1. Klasse reichen.

Im KPE-Zentrum gehört es zu den Aufgaben, auch die Leute, die in Quarantäne sind, anzurufen. „Das machen wir alle zwei Tage und fragen, wie sie klarkommen“, sagt Hilfskraft Claudia Zensen, Hilfskraft, die eigentlich Public Health studiert. Wenn sie die Leute nicht erreichen, wird das Ordnungsamt hingeschickt.

Durch den Lockdown ist die Rückverfolgung „entspannter“ geworden, sagt Claudia Krummacher, anfangs hatte man auch solche Fälle: Ein Mann, 30 Jahre, kommt aus dem Skiurlaub in der Schweiz mit verschiedenen Freunden in ganz Deutschland verteilt zurück nach Berlin. Am Tag nach der Rückkehr geht er in die Sauna, abends auf ein Konzert und tags darauf in die Therme nach Potsdam.

Die Labore müssen Meldungen aus Datenschutz per Fax senden

Man kann sich vorstellen, warum die „Verfolger“ überfordert waren und sich Überstunden schnell angehäuft haben. In dieser Anfangsphase seien, sagt Claudia Krummacher, alle über sich hinausgewachsen. Es wurde improvisiert, Mitarbeiter umgeschult, seitdem machen beispielsweise die Vermessungsingenieure den Fahrdienst für die mobilen Abstrich-Teams.

Aber ist das angemessen für eine Verwaltung, die modern sein will? Öffentlich wahrgenommen wurden eher die traurigen Witze etwa über die Tatsache, dass die Labore, die die positiven Tests übermitteln, dies aus Datenschutzgründen noch immer per Fax machen. „Ist nicht unsere Schuld“, sagt Kühne. Doch führte es dazu, dass es auch ein Dateneingabe-Team geben musste.

Detlev E. Gögel, 64, ist Psychiater und Psychotherapeut, Claudia Krummacher, 38, Kinderärztin.
Detlev E. Gögel, 64, ist Psychiater und Psychotherapeut, Claudia Krummacher, 38, Kinderärztin.Foto: ale

Die Spandauer Amtsärztin Gudrun Widders erzählt die Geschichte, wie sie und andere in den Ämtern versucht haben lange vor Corona, die Datensoftware „Octoware“ einzuführen, die alle Daten in einem Gesundheitsamt vernetzt. Der Versuch startete im Jahr 2011. 2019 wurde der Testbetrieb eingeführt, doch nach dem Test beginnt die Bürokratie von vorne:

In allen Bezirken mussten die zwölf verschiedenen Personalräte gehört werden, die Frauenvertreter, die Vertreter der Schwerbehinderten, die jeweils zwölf Datenschutzbeauftragten, die zuständigen Senatsfachverwaltungen und die Finanzbehörde, die wiederum mit einem Vetorecht ausgestattet ist.

Kühne sagt: „Bei der aktuellen Lage haben einige Bezirke bei einer anderen Software, die uns hilft, einfach alle diese Schritte ignoriert.“ Die Datenschutzleute sind dementsprechend sauer. Amtsarzt Detlev E. Gagel stört das gar nicht. Er findet, dass man sich doch nur erfolgreich gegen die Ignoranz der Politik gewehrt habe. Er spürt Aufbruchstimmung. Er sagt: „Wir sind wieder wer.“