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"Der Poet" : Schwere Plagiatsvorwürfe gegen Bestseller-Autor Deno Licina

Als „Der Poet“ wurde er im Netz berühmt, schrieb zwei Bestseller. Nun hat Amazon Deno Licinas Bücher aus dem Sortiment geworfen. Vom Ende eines dreisten Geschäftsmodells.

Deno Licina nennt sich "Der Poet". Viele seiner Texte nahm er sich von anderen.
Deno Licina nennt sich "Der Poet". Viele seiner Texte übernahm er von anderen.Foto: promo

Er liebt den Regen in Sommernächten. Er will eine feste Beziehung. Er hat viel Schmerz erlebt, kennt Verlustängste. Er schreibt Sätze wie: „Wir sind so gut geworden im Verlassen von Menschen.“ Oder auch: „Wir sind winzig im Vergleich zu diesem Leben, das wir leben, wir sind nur ein Tropfen im Eimer der Ewigkeit.“

Seine Wahrheiten veröffentlicht Deno Licina, der sich „Der Poet“ nennt, auf Facebook und Instagram, eine halbe Million Menschen folgt ihm dort. Er postet auch Bilder, auf denen er sehr gut aussieht. Muskulös, gepflegter Vollbart, verträumter Blick. Traumtyp.

Deno Licina hat schon zwei Bücher geschrieben. Beides Bestseller. Er gibt darin tiefe Einblicke, erzählt von Sehnsüchten, Depressionen, Rückschlägen. Zehntausende Bände hat er verkauft, sein aktuelles Werk rangiert bei Amazon auf Platz eins in der Rubrik „Philosophie Allgemein“.

Vergangenes Wochenende zog sein Verlag dieses Buch aus dem Verkehr. Denn es gibt einen bösen Verdacht.

Es begann Anfang des Jahres

Das Drama hat sich langsam angebahnt, blieb zunächst von seiner Anhängerschaft unbemerkt. Anfang des Jahres beschwerte sich eine Frau auf Twitter: Der Spruch, den Deno Licina gerade als seine neueste Kreation präsentiere, der stamme doch von ihr. Er lautete: „Wenn ich dir sage, dass du alles zurückbekommst, was du anderen gibst – bist du erleichtert oder hast du Angst?“ In den sozialen Netzwerken sind Ideen- und Gedankenklau arg verpönt. Manche Sünder werden verbal an den Pranger gestellt. Das kann für die Überführten sehr unangenehm werden. Aber das war es dann auch.

Im Fall von Deno Licina war es das nicht. Bald meldete sich ein weiterer Twitter-Nutzer. Licina hatte sich offenbar auch bei ihm bedient. Nun horchten Dritte auf, klickten aus Neugier auf Licinas Seite und wurden selbst fündig. Ein loses Netzwerk aus Betroffenen und Solidarischen trieb die Recherche voran, sie hießen Tiefseelentaucher2018 oder Paula, Darksun oder Outlaw Pete. Es dauerte Wochen, bis klar war: Der selbst ernannte Poet hatte hundertfach fremde Tweets kopiert und unter eigenem Namen verbreitet. Sogar die Rechtschreibfehler übernahm er. Beklaute, die ihn anschrieben, wurden geblockt.

Wie kommt man auf so eine Masche? Und schämt sich der Poet jetzt wenigstens ein bisschen?

Das Internet hat Licina bekannt gemacht und ihm viel Geld eingebracht. Seine Bücher vertreibt er nur über Onlineplattformen wie Amazon – und bewirbt sie ständig auf seinen sozialen Kanälen. Die fremden Gedanken sind also Appetithappen für sein Buchgeschäft, oder nicht?

Was der Anwalt des Poeten sagt

Deno Licina möchte sich nicht selbst zu den Vorwürfen äußern. Stattdessen meldet sich Christopher Langlotz, sein Anwalt, und erklärt, möglicherweise habe sein Mandant „einzelne Aphorismen gepostet, bei denen der Urheber der Formulierung nicht klar war“. Sollte dies nicht in Ordnung gewesen sein, tue es Licina leid. Allerdings: „Die Gedanken dahinter sind ohnehin nicht originell und keine eigene kulturelle Leistung, weil sie in ähnlicher Form sicher auch von anderen gedacht und geäußert wurden.“

Das klingt dreist. Hat aber einen wahren Kern. Gibt es heute überhaupt noch neue Gedanken? Kann es zum Beispiel eine Liebesgeschichte geben, die noch kein anderer im Sinn hatte?

Zumindest juristisch muss Licina hier wohl nichts befürchten. Das Klauen von Tweets ist nach derzeitiger Rechtsprechung nicht verboten, selbst wenn der Betreffende dies systematisch betreibt. Denn der einzelne Spruch ist so kurz, dass die „Schöpfungshöhe“ fehle – so jedenfalls urteilte das Landgericht Bielefeld vergangenes Jahr in einem ähnlichen Fall.

Überhaupt sieht Anwalt Langlotz seinen Mandanten nicht als Täter, sondern als Opfer. Im Internet habe sich eine regelrechte „Hetz-Gemeinschaft“ gebildet, die Licina aggressiv angehe. Und sowieso: Die fraglichen Missgeschicke könnten dem Poeten maximal auf seinen Internetkanälen passiert sein, keinesfalls aber in seinen Bestseller-Büchern. Deren Inhalte stammten komplett von Deno Licina. Wer das bezweifle, habe die Bücher wohl nie selbst in Händen gehalten.

Hier irrt sich der Anwalt gleich doppelt. Denn einige der Beklauten aus dem Internet haben längst mit dem Abgleichen der Bücher begonnen. Und stellen fest: Es ist alles noch viel schlimmer.

Für seine Bücher schrieb Deno Licina massenhaft von anderen Autoren ab. Von den ersten 15 Seiten seines aktuellen Bandes sind 14 betroffen, meist zieht sich das Plagiat über das komplette Blatt. Und mit jedem Tag, den seine Gegner suchen, finden sie mehr. 

Wo sich Licina am häufigsten bediente

Dass der Schwindel nicht früher aufflog, lag vermutlich daran, dass Licina hauptsächlich englischsprachige Texte kopierte. Sie stammen von dem in den USA sehr erfolgreichen Portal thoughtcatalog.com, auf dem junge Frauen sehr persönliche, oft autobiografische Texte veröffentlichen. Die Beziehungswünsche und Verlustängste, von denen Licina schreibt, die Tropfen im Eimer der Ewigkeit, sie gehören den Autorinnen des Thought Catalogs.

Manchmal hat er die Inhalte leicht angeglichen, damit sie besser zu seinem Image und seiner deutschen Leserschaft passen. In einem Text, in dem die in Ägypten geborene Autorin Rania Naim über ihre Religiosität und ihr Verhältnis zum Schöpfer sinniert, hat er das Wort „Gott“ einfach konsequent gegen das Wort „Leben“ ausgetauscht. „Wenn ich aufhöre, dir zuzuhören, Leben, wenn ich aufhöre zu beten, bitte hasse mich nicht dafür, finde Wege, mich wieder sanft näher ans Leben zu bringen.“

Plagiate kommen im Literaturbetrieb immer wieder vor und bedeuten nicht zwangsläufig das Ende einer Autorenkarriere. Der Skandal um Helene Hegemann, die für ihr Debüt „Axolotl Roadkill“ Texte des Berliner Bloggers Airen übernahm, ist inzwischen acht Jahre her, die Autorin gilt längst als rehabilitiert. Auch ihre damalige Rechtfertigung, der Entstehungsprozess ihres Buches habe mit der „Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation“ zu tun, nimmt ihr keiner mehr übel. Dass Hanser-Autor Rolf Dobelli in seinen Erfolgsbüchern „Die Kunst des klaren Denkens“ und „Die Kunst des klugen Handelns“ Passagen von Kollegen übernahm, empörte nur kurz. Dobelli entschuldigte sich mit einem diplomatischen „Für die Fehler übernehme ich die volle Verantwortung“, das war’s.

Zur Verteidigung könnte man anführen, dass schon Bertolt Brecht vorgeworfen wurde, sich für seine „Dreigroschenoper“ bei François Villon bedient zu haben – und dass er frech per Sonett antwortete: „Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! Ich selber hab mir was herausgenommen …“

Auch von Licina ist kein Bedauern zu erwarten. Stattdessen kündigt er einen Roman an. Den soll es dann auch gleich als Hörbuch geben. Zum Einsprechen wünscht er sich die deutsche Synchronstimme von Anthony Hopkins. Er behauptet außerdem, dass er bald zwei Filme drehen werde. Und fordert seine weiblichen Fans auf, sich für Rollen zu bewerben, mit „aussagekräftigen Fotos“. Nach eigener Aussage erhält Licina massenweise Post. Die Verehrung, die Bewunderung seiner Zartheit in dieser maskulinen Schale, reicht so weit, dass sich Fans seine Verse auf die Oberschenkel tätowieren lassen. Also nicht wirklich seine Verse.

Mittlerweile haben sich Menschen gemeldet, die den Poeten von früher kennen. Deno Licina heißt eigentlich Denis mit Vornamen, kommt aus der bayerischen Kleinstadt Thannhausen, halbe Strecke zwischen Augsburg und Ulm. Er sei sportlich und geschäftstüchtig, ganz sicher aber kein Schöngeist. Manche sagen, in seinem Umfeld gebe es Personen mit krimineller Energie. Andere behaupten, er betreibe seine Kanäle nicht allein. Da helfe ein ganzes Team.

Vorwürfe an den Falschen gerichtet

Keff Vidala hatte auch schon mit Licina zu tun. Er ist Stilberater für Anzüge, nebenberuflich selbst Autor, 2016 veröffentlichte er sein Buch „Bis uns die Liebe findet“. Es dauerte nicht lange, da erhielt er wütende Nachrichten von Lesern. Wie zur Hölle er auf die Idee komme, einfach Texte vom Poeten zu klauen?

Vidala bestellte sich Licinas Buch und entdeckte darin Texte von sich, die er selbst zuvor auf Facebook gepostet hatte. Komplette Absätze, an denen er in seiner Freizeit bis spätnachts gefeilt hatte. Er nahm sich einen Anwalt. Der forderte von Licina eine vierstellige Summe. Keff Vidala hat das Geld bekommen.

Auch die Autorinnen vom Thought Catalog, deren Werke im großen Stil geklaut wurden, sind fassungslos. Eine sagt, es mache sie wütend, dass ein fremder Mann auf einem anderen Kontinent ihre intimsten Gedanken nehme und sie kommerziell ausschlachte. Auf Licina könnten drastische Geldforderungen zukommen. Auf seinen Verlag ebenfalls.

Wie können sich Verleger davor schützen, dass ihnen Autoren Plagiate unterjubeln? Ralf Reuther, Justiziar von Droemer Knaur, sagt, es gebe im Wesentlichen zwei Vorsichtsmaßnahmen. Erstens würden eingereichte Manuskripte stichprobenhaft geprüft – und zwar durch die Eingabe einzelner Zeilen bei Google. „Das mag für Außenstehende wenig professionell klingen“, sagt er, sei aber effektiv. Zweitens lasse sich der Verlag vertraglich zusichern, dass der „Autor des Stoffes auch tatsächlich der Autor des Stoffes ist“. Damit man diesen zur Not in Regress nehmen könne. „Am Ende braucht es aber auch Vertrauen.“

In der Praxis sei das Nachweisen eines Plagiats vor Gericht selten einfach. Denn der Kläger müsse den „individuell geschützten Teil“ seines Werkes belegen. Und das sei eben nicht die Idee eines Stoffs, sondern die konkrete Formulierung, der Aufbau. Wie ein Richter im Einzelfall entscheide, komme „manchmal einem Münzwurf gleich“.

Wie Amazon und der Verlag jetzt durchgreifen

Im Fall des Poeten hat Amazon am Dienstag Konsequenzen gezogen. Eine Sprecherin sagt: „Bücher, deren Inhalte Urheberrechte verletzen, haben keinen Platz in unserem Angebot.“ Die betreffenden Bände sind nicht länger bei Amazon erhältlich.

Der Verlag, in dem Denis Licina sein aktuelles Buch veröffentlicht, ist ein kleines Unternehmen aus Hamburg. Der Geschäftsführer erklärt, er habe den Vertrieb des Werks nun komplett gestoppt. Man habe Licina mehrfach um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Die sei nicht erfolgt.

Auch Christopher Langlotz, der Anwalt Licinas, antwortet nicht mehr auf Anfragen.

Ein Mann aus München, der sich noch vor einem Jahr als Licinas Agent ausgab, bestreitet heute jede Zusammenarbeit. Am Telefon sagt er, man habe sich lediglich zwei Mal am Stachus getroffen, sei sich jedoch nie handelseinig geworden.

„Aber Herr Saltik, warum bewerben Sie ihn denn dann heute noch auf Ihrer Internetseite und preisen ihn als literarisches Phänomen?“

„Nein, so was haben wir nie gemacht.“

„Aber Herr Saltik. Ich sehe es doch. Genau in diesem Augenblick.“

„Oh, das muss ein technisches Versehen sein.“

Herr Saltik rühmt sich auf seiner Internetseite auch selbst als Schriftsteller. Das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ feiere ihn als „Literat zwischen zwei Welten“, steht da. Schaut man im Archiv der Zeitung nach, hat er ein bisschen recht. Er wurde 1994 im Bayern-Ressort erwähnt.

Einige Fans wenden sich jetzt vom Poeten ab. Die Zahlen seiner Anhänger auf Facebook und Instagram sind eingebrochen. Andere verteidigen ihn. Licina habe doch nichts Böses angestellt – also verglichen zum Beispiel mit Donald Trump.

Und Denis Licina selbst?

Hat auf Facebook gerade einen neuen Spruch veröffentlicht: „Wenn man das Gefühl hat, dass alles auseinander fällt, sollte man ganz ruhig bleiben. Möglicherweise sortiert sich gerade dein Leben und die Menschen darin nur neu.“ Bis jetzt hat sich noch kein Urheber gemeldet.

Update: Auch diese Sätze stammen nicht von ihm. Eine Wienerin schrieb sie schon im April 2016 bei Twitter.

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