"Dresden ist für mich kein anderer Stern"

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Interview mit Aiman Mazyek : „Auf dem Weg zum deutschen Islam haben wir noch ein Stück“

Sie waren kürzlich als in Dresden, um in der Semperoper die Laudatio auf den senegalesischen Staatspräsidenten zu halten, der einen Preis bekam. Der Besuch auf einem andern Stern?
Dresden ist auch die Stadt, in der Marwa el-Sherbini aus islamfeindlichen Motiven in einem Gerichtssaal ermordet wurde, da ist es schon ein verstörendes Gefühl, nun dort die Pegida-Aufmärsche zu sehen. Aber ein anderer Stern ist die Stadt für mich nicht. Ich bin regelmäßig in Dresden, wir haben dort auch eine Gemeinde. Am vergangenen Freitag habe ich an der beeindruckenden Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Bombardements von Dresden teilgenommen. Und die Veranstaltung in der Oper war ein herzliches Bekenntnis zur Weltoffenheit und Toleranz Dresdens und hat meiner Frau und mir sehr gut gefallen.

Haben die Pegida-Aufmärsche den Alltag von Muslimen verändert?
Natürlich. Es gab signifikante Veränderungen in der Wahrnehmung von Muslimen. Die Blicke sind wieder ängstlicher geworden, es wird wieder öfter und offener gepöbelt. Ich fürchte, durch die starke Aufmerksamkeit für Pegida hat sich die eine oder der andere einfach wieder mehr getraut. Die Zahl der Übergriffe auf Muslime ist erschreckend hoch. Politik muss auch diese Ängste ernst nehmen.

Sehen Sie eine breite Islamfeindlichkeit, die nur auf einen Anlass wartet?
Das ist nicht nur gegen den Islam gerichtet. Islamhasser sind nach allem, was wir wissen, auch antisemitisch eingestellt oder gegen Sinti und Roma. Gegen Antisemitismus gibt es zum Glück aber ein öffentliches Tabu, das Ergebnis von bitteren Erfahrungen und langen Kämpfen, das für Islamfeindlichkeit erst entwickelt werden muss. Das heißt aber nicht, dass Antisemitismus besiegt ist. Anschläge gegen jüdische Einrichtungen haben ja leider ebenso zugenommen.

Nun fühlen sich Juden in Deutschland inzwischen eher durch muslimische Angriffe bedroht.
Ich wäre mit solchen Behauptungen vorsichtig, weil sie von manchen gern als Entlastungsversuche instrumentalisiert werden können. Richtig ist, es gibt Antisemitismus auch unter Muslimen, und das macht uns besonders betroffen, weil der Islam Rassismus gleich welcher Art als Sünde begreift und weil besonders Juden und Christen uns im Glauben nahe stehen. Dies habe ich auch bei meinem Besuch im letzten Jahr kurz nach dem Anschlag auf die Wuppertaler Synagoge der jüdischen Gemeinde direkt sagen können.

Sie können aber nicht bestreiten, dass das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen abgekühlt ist.
Es gibt solche und solche Momente. Ich beobachte in den Gemeinden, den jüdischen wie den muslimischen, eine starke Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Es war im letzten Jahr ein besonderes Erlebnis, als der jüdische Zentralratsvorsitzende uns erstmals einen Besuch in unserer Gemeinde in Frankfurt abstattete und kurz nach dem Freitagsgebet im Rahmen des Aktionstages „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“ direkt zur Gemeinde sprach und dafür viel Beifall bekam.

Der Zentralrat der Juden hat sich aber des Öfteren beklagt, es geschehe auf Ihrer Seite zu wenig.
Man kann immer noch mehr machen, das habe ich auch am Rande unserer Teilnahme an der Kundgebung des Zentralrates der Juden am Brandenburger Tor gegen Antisemitismus im letzten Jahr gesagt. Dort haben übrigens Vertreter der Kirchen gesprochen. Ich konnte mir das schon im letzen Jahr gut vorstellen und hoffe, dass bei einer nächsten ähnlichen Gelegenheit dann auch nach einer muslimischen Stimme gefragt wird. Wir können und sollten aber in Zukunft noch mehr tun. Gemeinsame Sportveranstaltungen von Juden und Muslimen wären zum Beispiel eine Möglichkeit.

Was wenig daran ändert, dass Juden mehr Distanzierung von Antisemitismus in Ihren Reihen erwarten.

Das mit der Distanzierung ist so eine Sache, und was heißt eigentlich „Ihre Reihen"? Bin ich tatsächlich verantwortlich für Mörder und Terroristen, die behaupten Muslime zu sein? Eine reine Distanzierung und keine Verurteilung und Auseinandersetzung mit diesem Phänomen könnte dieses falsche Bild eher festigen. Wenn ein ausgewiesener Atheist, der sich als Feind der Religion im Netz deutlich zu erkennen gibt, wie jetzt in den USA, drei Muslime quasi hinrichtet, werden doch auch nicht alle Atheisten aufgefordert, sich von der Tat zu distanzieren? Dennoch ist mir natürlich klar, dass wir starke Bekenntnisse und Aussagen für ein Zusammenstehen und für Toleranz in unserer Gesellschaft gerade in diesen schweren Zeiten immer wieder brauchen. Deshalb haben wir auch die Mahnwache am Brandenburger Tor im Januar organisiert.

Was hat die Mahnwache nach den Morden von Paris am Brandenburger Tor bedeutet? Es war wohl das erste Mal, dass ein Imam vor dem Brandenburger Tor Koransuren rezitierte – und Vertreter von Staat, Kirchen und Juden waren dabei.
Kirchen und Juden waren nicht nur dabei, sie hielten Ansprachen, so wie auch der Bundespräsident. Das war ein unglaublich wichtiges Zeichen, das hat stark auch nach innen gewirkt. Erneut, aber in der medialen Wirkung vielleicht so deutlich wie noch nie, haben Muslime sich zu diesem Land und den Werten bekannt, und erstmalig in dieser Deutlichkeit hat die gesamte Spitze des Staates und der Zivilgesellschaft sich schützend vor die Muslime gestellt. Wir haben danach Tausende Mails und Anrufe von Muslimen bekommen. Der Tenor war: Das hätten wir nicht mehr für möglich gehalten nach NSU und anderem mehr. Da ist in der Vergangenheit viel Grundvertrauen kaputtgegangen.