Deutsche Täter, historische, hat er zweimal nachhaltig verkörpert

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Zum Tod von Götz George : Mit dem Leben gespielt


Fünf Jahre früher hatte eben jener Helmut Dietl den Serienstar erst richtig für die Leinwand entdeckt. Damals, noch prägnanter, in einer Tandem-Rolle mit Uwe Ochsenknecht. George spielte, in „Schtonk!“, den Reporter Hermann Willié, der den Fälschungen der Hitler-Tagebücher lustvoll auf den Leim geht, die Verantwortlichen einer großen Hamburger Illustrierten dusslig quatscht und das ganze Medium zum Gespött macht. Mit Freuden schmiss George sich in diese laute, grobe, geldgierige und vor allem eitle Schmieren-Figur hinein. Und befreite sich brachialgewaltig vom „Schimmi“Nimbus, zu dessen Geisel er zeitweilig geworden war.

Einen entscheidenden Schritt weiter – und mit dieser Rolle hat er sein Spiel-Universum wohl am weitesten ausgeschritten – ging George in Romuald Karmakars „Der Totmacher“. In dem beklemmenden Drei-Personen-Kammerspiel sitzt er als Serienmörder Fritz Haarmann dem Ermittler und einem Protokollanten gegenüber, und er bettelt, nuschelt, brüllt, heult und jammert sich die Seele eines Menschenmonsters aus dem Leib. Nie war Götz George, physisch wie erloschen in Häftlingskluft, weiter weg von dem Jäger Schimanski. Dieser Haarmann ist ein Gejagter, ein Täter, dessen Ende man in seinen blassblauen Augen lesen und in seiner gruselig gepressten Stimme ahnen kann.

Was trieb ihn zu solcher Rollenwahl?

Deutsche Täter, historische, hat Götz George zweimal nachhaltig verkörpert: 1977 den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“, und 1999 stand er, in „Nichts als die Wahrheit“ von Roland Suso Richter als KZ-Arzt Mengele vor der Kamera. Beide Filme versuchten, die geschichtlichen Horror-Figuren als Angestellte der Tötungsindustrie zu zeigen und ansatzweise aus ihrer Monstrosität herauszulösen. In „Nichts als die Wahrheit“, während sich der fiktive Mengele vor einem deutschen Gericht verantwortet, rückt die Erschließung der totalitären Vollstreckerfigur bedenklich nahe in die Grenzbereiche verminderter Schuldfähigkeit. George selber spendierte, als den Filmförderern das Projekt zu brenzlig wurde, für den Dreh eine Million Mark aus seinem Privatvermögen.

Was trieb Götz George ausgerechnet zu solcher Rollenwahl? Auch ein trotziges Rebellentum mag hierbei mitgespielt haben – als Sohn von Heinrich George kämpfte er zeitlebens dagegen an, dass der Vater in der Bundesrepublik wegen seines Arrangements mit den Nazis als kompromittiert, ja künstlerisch ruiniert galt.

Liebesdienst am Vater

Fundamental litt der auch im persönlichen Umgang sperrige Großschauspieler unter der Hypothek, Sohn eines Größerschauspielers zu sein. Und gleichzeitig trug er, hierin selber eine tragische Figur, dem früh verlorenen Vater die eigene Verehrung hinterher. Spät im Leben hat George den Liebesdienst an seinem Vater auf die Spitze getrieben – indem er ihn 2013 selber spielte, in Joachim Langs Fernsehfilm „George“. Das Dokudrama geriet, in seiner flirrenden Mischung als Archiv- und Spielszenen, zu einem Heldengemälde, das jede Distanz vermissen ließ. Aus dieser Umklammerung konnte sich George, trotz allen Bewältigungsfurors, nie befreien.

Und doch hat die Ausstrahlungsgeschichte dieses Films eine Pointe, die das Projekt ins Allzumenschliche erdet. Götz George hatte sich eine Terminierung zum 9. Oktober, dem Geburtstag des Vaters, gewünscht, die ARD-Gewaltigen bestanden hingegen darauf, den Film Götz George selber zum 75. Geburtstag, also am 23. Juli zum Geschenk zu machen. Glücklich war er darüber nicht, schließlich drückten die Sommerferien auf die Quote. Und nur knapp zwei Millionen Zuschauer waren dabei, als George den eigenen Vater feierte, mit sich selbst in der Hauptrolle. Am 19. Juni ist der deutsche Großschauspieler, wie erst jetzt bekannt wurde, mit 77 Jahren nach kurzer Krankheit in Hamburg gestorben.

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