Berliner*innen : Body's In Trouble

Eine fürchterlich hustende Laura Naumann und der Tinder-Pflegedienst.

Laura Naumann
"Die Ärztin zuckt mit den Schultern und sagt: Sorry, aber: acht Mal am Tag mit Salzwasser gurgeln, Tee trinken (!!!), Zink schlucken und warten - mehr kann man nicht tun, byeeeeeee."
"Die Ärztin zuckt mit den Schultern und sagt: Sorry, aber: acht Mal am Tag mit Salzwasser gurgeln, Tee trinken (!!!), Zink...Foto: Laura Naumann

Januar in Berlin ist eine Prüfung von Gott persönlich (wenn es sie gibt). Ich kann mich nicht an die Sonne erinnern. Ich bin seit drei Wochen krank. Ich weiß nicht, wie viele Flaschen Sinupret ich schon geleert habe, mein Gesicht pellt sich nach exzessiven Inhalationen mit Kamille, Thymian, Koriandersamen, Schuhsohlen. Ich habe einen Sixpack vom Husten und beim Gedanken an Tee beginnt meine Pulsader, vor Wut zu pochen. Wie viele Liter Tee kann ein Mensch am Tag trinken, ohne wahnsinnig zu werden?

Beim HNO morgens um acht ist eine Schlange wie vorm Berghain, es wird gedrängelt, geschubst und theatralisch geweint. Die Ärztin zuckt mit den Schultern und sagt: Sorry, aber: acht Mal am Tag mit Salzwasser gurgeln, Tee trinken (!!!), Zink schlucken und warten - mehr kann man nicht tun, byeeeeeee.

Also kaufe ich mir ein Kilo Salz und schleife mich wieder nach Hause, brauche 15 Minuten die Treppe hoch und höre auf jeder Etage Nachbarn niesen und husten. Die Menschen in meinem Telefon schicken Serientipps, mein Netflix ist fast leer. Ich habe seit Tagen keinen von ihnen gesehen, die Kranken sind im Bett und die, die noch gesund sind, traue ich mich nicht einzuladen, um sie nicht mit ins Verderben zu stürzen.

Benutzte Taschentücher und Hustensaft auf dem Tisch

Ich nehme meine Tageslichtlampe mit ins Bett und versuche, mich selbst in Tetris zu schlagen. Und weil selbst das zu anstrengend ist, wechsle ich zu Tinder, da muss man nur links oder rechts wischen und es kommt auch nicht auf Geschwindigkeit an - viele Bilder, wenig Text, optimal. Hier matche ich mit einer Person, die mit ungefähr identischen Beschwerden in einem anderen Teil der Stadt vor sich hin vegetiert. Wir beginnen eine anregende Unterhaltung über Gurgelpraktiken, Vitaminpräparate und Tee-Überdruss, die wir ein paar Tage später in einem Café bei einem gewagten Glas Ginger Ale fortführen. Mit benutzten Taschentüchern und Hustensaft auf dem Tisch reden wir, bis ich keine Stimme mehr habe, und am nächsten Tag bietet die Person an, mir eine Hühnersuppe kochen zu kommen.

Ich bin gerührt und entzückt, aber immer noch zu schwach, um mich hübsch zu machen, also empfange ich sie im Jogginganzug. Sie schneidet Suppenzutaten, während ich gegenüber am Küchentisch inhaliere, die Suppe wird vorzüglich und ganz anders, als ich sie kochen würde, und später beim Küssen müssen wir ständig Hust-Unterbrechungen einlegen und dann lachen und dann noch mehr husten, und ich denke, huch, was passiert denn hier, das ist ja fast ein bisschen zu schön.

Hm, soll ich jetzt flirten oder nicht

Romance aus dem Interwebs war bis jetzt eher ein Mythos für mich. Etwas, was andere erleben, während ich vor der zweiten Weißweinschorle sitze und denke, hm, soll ich jetzt flirten oder nicht, hoffentlich hab ich nichts zwischen den Zähnen, shit, ich muss noch Dings anrufen, wow, ich hab voll Nackenschmerzen, warum hab ich mich nicht schon vor ner Stunde verabschiedet.

Und jetzt können die Stunden gar nicht lang genug sein, in denen wir furchtlos Keime und Lebensgeschichten austauschen, Hustenbonbons teilen und einander bei der Stärkung des Immunsystems unterstützen. "Bei Tinder Pflegepersonal und neues Love-Interest gefunden", schreibe ich einer Freundin bei Whatsapp. "Vielversprechend!", schreibt sie zurück. Und dann ist der Januar plötzlich sehr schnell geschafft und auch die Grippe. Geteiltes Leid ist zwar nicht wirklich halbes Leid, aber immerhin unterhaltsameres Leid. Und vielleicht auch doch halbes Leid. Empfohlener Soundtrack zum Nachmachen zuhause: "Body's In Trouble" von Mary Margaret O'Hara.

Es gibt den schönen englischen Begriff "Kindness", der für mich Freundlichkeit, eine gewisse Weichheit, das total aus der Mode gekommene Konzept der Güte und sowas wie eine generelle Bereitschaft zum wohlwollenden Kontakt in sich vereint. Ich glaube, ein globaler Kindness-Trend würde verhindern, dass der Planet irgendwann in Flammen aufgeht.

 Laura Naumann, geboren 1989 in Leipzig, ist Theaterautorin und Performerin. In dieser Kolumne erzählt sie von wärmenden Begegnungen in der manchmal viel zu coolen Stadt.

Teaser BERLINER9 im Text

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