Dr. Om : Kleine Meditationen über die großen Fragen des Lebens - Folge 6

"Vor zwei Jahren hat mein Vater seinen Bruder durch eine Kleinigkeit so verärgert, dass der den Kontakt abgebrochen hat. Ich vermisse meinen Onkel und verstehe nicht, warum er auf Versöhnungsversuche nicht eingeht. Kann ich etwas tun, damit sich alle wieder verstehen?"

Oren Hanner
Im Buddhismus steht das Glückssymbol des ewigen Knotens für die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft, von Religion und Weltlichkeit - und für die Liebe.
Im Buddhismus symbolisiert der "ewige Knoten" die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft - und die Liebe.

Während klar ist, dass Sie versuchen, einen persönlichen Konflikt zu lösen, der vermutlich gar nicht so viel mit Ihnen zu tun hat, wissen wir wenig über die Rolle Ihres Onkels in diesem Streit. Das macht eine Aussöhnung natürlich schwieriger. Um sich Ihrem Onkel emotional zu nähern, sollten Sie versuchen, seine Lage besser zu verstehen und eine einladende Atmosphäre zu schaffen.

Wie sollten Sie das tun? Der vietnamesische Zen-Mönch und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh (*1926) weist in seinem Buch "Wahren Frieden schaffen" (2004) darauf hin, dass das Schaffen von Frieden erfordert, dass wir zuerst unsere Gedanken verändern. Wir haben schließlich eine viel größere Kontrolle über unseren eigenen Geist als über den anderer. Man kann nicht wissen, was ein anderer Mensch vergeben würde. Aber man kann fast immer eine Einstellung entwickeln, die zur Versöhnung führen kann.

Eine Offenheit, frei von Erwartungen und Vorhaltungen

Der ehrwürdige Hanh betont für den Weg dahin zwei wichtige Eigenschaften: Achtsamkeit und liebende Güte. Mit Achtsamkeit beobachten wir uns selbst und andere - Denkmuster, Emotionen, zwischenmenschliche Dynamiken - bevor wir auf Situationen reagieren. Vielleicht helfen Ihnen dabei etwa diese Fragen: Was mag Ihr Onkel, was nicht? Wie ist er, wenn er wütend ist? Und auf welche Weise hat Ihre Familie Meinungsverschiedenheiten in der Vergangenheit gelöst?

Mit liebender Güte versuchen wir gleichzeitig, erst einmal eine Art Offenheit zu schaffen, in der sich Ihr Onkel gewollt, geschätzt und verstanden fühlen kann, frei von Erwartungen und Vorhaltungen. Während Sie diese Haltung entwickeln, stellen Sie sich vor, was das Leben Ihres Onkels verbessern könnte und was Sie selbst tun können, um ihn glücklich zu machen. Dann drücken Sie Ihre Anteilnahme aus: Schreiben Sie eine Art "Liebesbrief" an Ihren Onkel, machen Sie ihm vielleicht ein Geschenk und sagen ihm, wie sehr Sie ihn vermissen.

Obwohl es natürlich keine Garantie dafür gibt, dass er Ihre Zuneigung erwidert, stehen die Chancen gut, dass er reagieren wird - und dies könnte der erste Schritt zu einem verständnisvollen Austausch sein.

Oren Hanner, 1979 in Jerusalem geboren, promovierte in Buddhismuskunde in Hamburg und lehrt heute an der Universität Berkeley. Schicken Sie Ihre Frage an om@tagesspiegel.de

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