Robert Louis Stevenson siedelte seinen Roman hier

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Schottland : Entzückende Liebschaften
Keinswegs im Schatten des 1344 Meter hohen Ben Nevis liegen die Ruine des Inverlochy Castles sowie das gleichnamige Luxushotel.
Keinswegs im Schatten des 1344 Meter hohen Ben Nevis liegen die Ruine des Inverlochy Castles sowie das gleichnamige Luxushotel.Foto: Alamy/mauritius images

In einer Vitrine im ersten Stock des Museums ist das Highland-Outfit ausgestellt, das Victoria John aus Anlass der Hochzeit ihrer vierten Tochter Louise schenkte. Die verspielten Details der traditionellen Tracht und ihrer Accessoires verraten die Einflüsse eines Zeitalters, das sich für Folklore begeisterte und die Wildnis Schottlands als eine von zivilisatorischen Einflüssen wenig berührte Welt romantisierte. Erst die Liebesgeschichte Victorias, dann der Viktorianer mit den Highlands sorgte für einen touristischen Boom.

Stilecht in Tweedanzüge gekleidet erklommen die Besucher den höchsten schottischen Berg und gingen auf die Jagd. Landbesitzer ließen sie gegen Gebühr auf Rotwild schießen, das sie eigens für diesen Zweck ausgesetzt hatten. Als Robert Louis Stevenson seinen auf einer wahren Begebenheit beruhenden, in der Gegend spielenden Roman „Kidnapped“ veröffentlichte, gab es kein Halten mehr: So spannend wie das Buch musste auch eine Reise in die Highlands sein.

Zahmer Schotte mit typischer Streitaxt
Zahmer Schotte mit typischer StreitaxtFoto: JM Briscoe

Im Mittelpunkt stand stets der Ben, wie Einheimische den Berg liebevoll nennen. Als der Botaniker James Robertson 1771 den Ben Nevis hinaufstapfte, um für das College Museum of Edinburgh Pflanzen zu sammeln, ging diese Tour als erster aufgezeichneter Aufstieg in die Geschichte ein. Der Dichter John Keats stieg im August 1818 hinauf und blickte in dichten Dunst: „Upon the top of Nevis blind in Mist!“, rief er in der schriftlichen Verarbeitung seiner Enttäuschung aus.

Die Jahrhundertwende brachte einen Besucherboom

Clement Wragge bestieg den Gipfel an jedem Sommertag der Jahre 1881 und 1882, um Wetterdaten zu sammeln. Sein Beispiel inspirierte die Schottische Meteorologische Gesellschaft und die Königlichen Gesellschaften Londons und Edinburghs zum Bau einer Wetterstation. Mit Pferden wurde das Baumaterial über einen neu angelegten Weg nach oben gebracht, am 17. Oktober 1883 die Eröffnung gefeiert. Bis 1904, als die Station aus Geldmangel geschlossen wurde, sammelten drei Männer hier jede Stunde die Wetterdaten – beiSturm, Schnee und eisiger Kälte. An klaren Tagen genossen sie eine Aussicht bis zur Isle of Skye.

Die Jahrhundertwende brachte bessere Straßen, mehr Freizeit und einen regelrechten Besucherboom. Als Henry Alexander aus Edinburgh im Mai 1911 seinen Ford Model T den Berg hinauflenkte und auch den Rückweg auf intakten Reifen schaffte, bewies er weniger viktorianischen Entdeckerwillen – Victoria war schon zehn Jahre zuvor gestorben – als eine beträchtliche Belastbarkeit seines Fahrzeugs.

Heute erklimmen jedes Jahr 100 000 Menschen den Ben Nevis. Die meisten von ihnen brauchen mindestens vier Stunden für den Auf- und drei für den Abstieg. Die Teilnehmer des „Ben Race“, das jedes Jahr Anfang September stattfindet, sind indessen deutlich schneller: Sie nehmen die beschwerliche Luftlinie zum Gipfel. Der Rekord liegt bei knapp unter 90 Minuten für Hin- und Rückweg.

Auch sonst hat sich seit den Tagen Victorias in den Highlands einiges geändert. Aber nicht so viel wie anderswo. Noch immer sehen viele Landschaften so aus, wie Königin Victoria sie einst in Wasserfarben malte. So ist Zeitlosigkeit womöglich das Kostbarste, das Inverlochy Castle seinen Gästen bietet. Nach einem mit Wandern oder Angeln im Loch verbrachten Tag kehren sie zurück ins Schloss. Wolken verschlucken den Gipfel des Ben. Auf baumlose Bergrücken senkt sich Dunst. Im Park rufen unmelodisch die Fasane. Innen knistert anheimelnd das Kaminfeuer.

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