Jan Borek kennt das Revier gut

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Angeln am Plauer See : Der Mann mit der Rute
Begrenzte Beute. Zander und Hecht sind für Friedfischer ohne Angelschein tabu.
Begrenzte Beute. Zander und Hecht sind für Friedfischer ohne Angelschein tabu.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dummerweise kann der Angler erst nach dem Fang entscheiden, ob dieser Fisch nun der richtige ist. Borek hält meine Beute ebenso wie die drei nächsten Exemplare für nicht groß genug. Sie werden behutsam entlassen. So ergeht es auch den beiden Rapfen, die er aus dem Wasser gezogen hat. Rapfen sind Raubfische, die sich hier an der Oberfläche tummeln, seit Borek seine Teigkugeln versenkt hat. Weshalb wir beschließen, mit seinem kleinen Boot in den Plauer See zu stechen.

Jan Borek kennt das Revier gut, er ist hier aufgewachsen und schon als Kind mit seinem Vater rausgefahren. Jetzt spricht er von der Topografie unter Wasser, als könne er die unsichtbaren Hügel am Grund des Sees tatsächlich sehen. Im Winter etwa zieht der Hecht in die tiefsten Zonen, wird das Wasser wärmer, tummelt er sich weiter oben. Der Zander wiederum ist eher lichtscheu, bevorzugt die trüberen Gewässer.

Borek erzählt von guten und schlechten Seen, vom riesigen Tarpon, den er vor Miami gefangen hat, von Hechten in Schweden, dem Wolfsbarsch vor Irland, vom Karpfen in den Gewässern des französischen Languedoc, von Kanada und Norwegen, den Fischländern schlechthin, die er alle schon bereist hat. Doch auch Brandenburg, wasserreichstes deutsches Bundesland, hat seine Reviere, den Spreewald, die Lausitz, die Uckermark um Lychen oder die Seen um Fürstenberg, er kennt sie alle.

Trotzdem zieht er seinen Köder, einen metallisch bunten Kunstfisch, ein ums andere Mal ohne Ergebnis durch den See. Kein Räuber mag auf den vermeintlich lahmen Fisch anbeißen. Also wirft Borek den Außenborder wieder an, und wir fahren unter der Plauer Brücke hindurch havelabwärts.

Ein Angeltrip kostet um die 300 Euro

Für mich, den Friedfischer, gibt es dabei wenig zu tun. Das macht nichts, das Revier hat seine landschaftlichen Reize. Die Berufsschiffer haben uns verlassen, sie sind über den Plauer See in den Elbe-Havel-Kanal abgebogen, die Havel hingegen wirkt jetzt naturbelassen. Links stecken die Holzstangen im Grund, an denen die Berufsfischer ihre Reusen befestigen, rechts zieht ein Fischadler seine Kreise, es muss also etwas zu fangen geben. Begleitet vom Surren der Leine platscht der Köder immer wieder ins Wasser.

Der Adler lässt Borek kalt, der ist für ihn keine Konkurrenz. Anders verhält es sich mit dem Kormoran. „Wir haben 1000 von denen“, sagt Borek, jeder einzelne fresse ein Pfund Fisch am Tag, und der Kormoran gehöre nicht einmal hierher. Im Moment aber sind es nicht die Vögel, die Boreks Missfallen erregen, sondern drei Kanuten, die unseren Weg kreuzen. Gefolgt von einem Bungalow-Boot. Das sei viel zu viel Unruhe, der Hecht, den er in zwölf Meter Tiefe aufzuspüren hofft, er will nicht beißen.

Wir packen ein und gehen auf einer Landzunge gegenüber Briest an Land. Die Halbinsel haben wir für uns, Borek baut einen Grill auf. Zum Glück hat er gestern einen Zander gefangen, Teile davon will er jetzt grillen. Denn ich soll schmecken, dass so ein selbst gefangener Zander rein gar nichts mit dem Farmfisch zu tun hat, der im Supermarkt als Zanderfilet verkauft und allzu oft auch in der Gastronomie serviert wird.

Der Service gehört zur Tour – wenn man will. So ein Angeltrip mit Borek als Guide kostet um die 300 Euro, wenn zwei Angler an Bord gehen, für den halben Tag sind es 100 bis 150 Euro. Wer da kommt? Die Kunden würden sich aus allen Gesellschaftsschichten zusammensetzen, in der Regel seien es Leute, die viel arbeiten, aber wenig Zeit haben. Zu wenig jedenfalls, um sich ihr Revier selbst zu suchen. Sehr häufig sei auch die Kombination Vater und Sohn, dann gerne mit gemeinsamem Grillen und sogar Übernachtung.

Die Fische müssen getötet werden

Borek hat recht, der Zander schmeckt tatsächlich besser als jener, den man gemeinhin im Laden kauft. Aber mein Ehrgeiz ist geweckt, ich will endlich einen eigenen Fisch fangen. Und so fahren wir zurück ans Plauer Ufer. Ich will einen neuen Versuch, will mit der Stippangel der Plötze nachstellen.

Während wir vor dem Schloss Maß nehmen, die Pose muss wieder auf die richtige Tiefe eingestellt werden, geht ausgerechnet vor meinen Füßen eine kleine Jacht längsseits. Wir müssen weichen, außerdem kommt der Skipper zu uns rüber, ein älterer Herr aus Berlin, um gleich von seinen Angelabenteuern zu erzählen. Und dann beginnt meine Show: Binnen 30 Minuten ziehe ich sieben Plötzen aus dem Wasser, mitleidlos. Denn ich werde am nächsten Tag Gäste haben, die sollen die Fische verkosten. Der Skipper sagt nichts mehr.

Jetzt kommt der schwierigste Teil, die Fische müssen getötet werden. Es gibt nur einen fachgerechten Weg, das zu tun: Erst kriegt das Tier einen Schlag auf den Hinterkopf, um es zu betäuben. Dann muss das Messer direkt ins Herz gestochen werden. Das sitzt zwischen den Brustflossen, ein kleines Stück unterhalb der Stelle, an der die Kehle wäre, wenn der Fisch einen Hals hätte. Anschließend muss die Bauchhöhle aufgetrennt werden, durch einen entschlossenen Schnitt vom After nach oben, damit die Innereien entnommen werden können. Für jemanden, der es gewohnt ist, seine Nahrung im Laden zu kaufen, keine leichte Übung. Zum Glück hilft Borek.

Das Rotauge ist kein Edelfisch. Und gilt als grätenreich. Trotzdem versichern am nächsten Tag alle vier Gäste, nie einen wohlschmeckenderen Fisch gegessen zu haben. Sie haben allerdings auch noch nie einen gefangen.

Der Text stammt aus dem aktuellen Tagesspiegel-Magazin „Brandenburg“ (9,80 Euro). Erhältlich ist es am Kiosk und unter shop.tagesspiegel.de

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