Wie der Schriftsteller Thomas Brussig mal einen Tausender fand

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Erinnerungen an die DDR : Gregor Gysi, Heike Drechsler und der Intershop
Wunderbare Warenwelt. Einer von zuletzt 470 Intershops.
Wunderbare Warenwelt. Einer von zuletzt 470 Intershops.Foto: ullstein bild

„Pah, wenn die wüssten!“
THOMAS BRUSSIG, Schriftsteller
Als ich zehn war, habe ich mal sehr viel Geld gefunden, einen Tausender. Er lag in einem Lüftungsschacht am S-Bahnhof Alexanderplatz, und ich brauchte einen halben Nachmittag, den Schein herauszuangeln. Er war schmal und braun, aber es war ganz zweifellos ein Tausender, und zweifellos Westgeld, schließlich stand da was von „Banco Italia“ oder so. Meinen Eltern sagte ich nichts davon, denn ich wollte sie reich beschenken.

Was kann man mit einem Tausender Westgeld kaufen? Ich ging in den Intershop im Hotel „Stadt Berlin“, um mir ein Bild zu verschaffen. Da standen Farbfernseher, in allen möglichen Größen, wenn auch zu sehr komischen Preisen: 499 oder 699 oder sogar 999. In den DDR-Läden kosteten die Dinge 3,45 oder 1,72 oder, wenn es sich um einen Farbfernseher handelte, 3765. Ich hatte, wenn ich diese Preise sah, immer einen Mann mit einem spitzen Bleistift vor Augen, der genau ausrechnete, was eine Ware wirklich wert war. Das war doch was Reelles, nicht so ein Muschebubu wie diese Intershop-Preise.

Eigentlich hatte ich in einem Intershop nichts zu suchen; gerade als Kind sollte ich mich nicht von den Verlockungen des Westens verderben lassen. Ein Intershop von innen war einfach mal ein K.-o.-Argument gegen den Realsozialismus. Die maßregelnden Blicke der Verkäuferinnen ignorierte ich, bis ich schließlich zu hören bekam: „Na du, das ist wohl eher nicht dein Laden.“ Pah, wenn die wüssten!

Ich ging mit einem hochmütigen Blick, aber am nächsten Tag kehrte ich mit drei meiner Freunde zurück. Mein Plan war, den Karton mit dem Fernseher auf zwei Roller zu hieven und ihn so nach Hause zu schieben. Wenn was zu schleppen ist, wollten wir zu viert anfassen. Ich steuerte direkt den Verkaufsstand mit den Fernsehern an und zeigte: „Den!“ Weil mir die Verkäuferin einen Blick zuwarf, dem ich entnahm, dass sie einem Zehnjährigen niemals einen Farbfernseher verkaufen werde, präsentierte ich mein Geld. Was in den nächsten zwei, drei Minuten geschah, ist im Orkus einer gnädigen Amnesie gelandet; meine Erinnerung setzt erst da wieder ein, als ich mit meinen Freunden Tic Tac und Haribo-Schaumerdbeeren futternd über den Alex zog.

"Mein Eis, sofort, unverzüglich"

KATRIN SCHULZE, Tagesspiegel-Redakteurin

Zugegeben, wir waren privilegiert. Unsere Verwandtschaft aus Hamburg schickte regelmäßig Pakete mit Cola, Süßigkeiten, Kaffee und Klamotten in die brandenburgische Provinz. Doch nicht alles ließ sich in ein Paket stecken. Eis zum Beispiel. Eis, also richtiges West-Eis, blieb eine Rarität – mein persönliches Sehnsuchtsprodukt. Alles begann mit dem ersten Ausflug in den Intershop, an dessen Ende ich mir ein Eis aus der Truhe fischen durfte. Ed von Schleck sollte es sein. Erdbeer-Vanille am Plastikstiel. Toll. Es gab nur ein Problem: Von nun an sollte es immer Ed von Schleck sein.

Wenn meine Eltern gewusst hätten, was sie mit dem einen Intershop-Besuch anrichten würden, sie wären wohl für immer nur in den Konsum gegangen. Klar bekamen wir auch im Konsum Eis und auch bei Kaffee-Peter, dem örtlichen Bistro, nur schmeckte mir das plötzlich nicht mehr. Ich weiß nicht, ob es wirklich am Geschmack des Westens lag oder eher an der Tatsache, dass ich Ed von Schleck so selten haben durfte. Immer nur, wenn wir ein paar Taler Westgeld gesammelt hatten und mit unserem Trabi zum Intershop nach Berlin-Schönefeld düsten, was nicht sehr häufig der Fall war. In der Zwischenzeit quengelte und winselte ich, und ein Mal weinte ich sogar, weil ich kein West-Eis haben durfte.

Erst ein gewisser Günter Schabowski erlöste mich und machte, ich war gerade sieben Jahre alt, meinen großen Wunsch wahr: Ich konnte mein Eis haben, sofort, unverzüglich. Immer. Die Sehnsucht war gestillt. Kurze Zeit später hatte ich mich dann aber auch schon überfuttert. Es war aus mit mir und Ed. Bis heute habe ich’s nie wieder mit ihm probiert.

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