Hotelkolumne: In fremden Federn : Eine Herberge mit Vergangenheit

Das Haus, Jahrgang 1822, ist eines der ältesten Berlins. Gegenüber Plattenbau, auch schon Geschichte. Im „The Dude“ schwelgen Gäste in Nostalgie.

Aus dem „Luisenhof“ wurde „The Dude“. Schon in der DDR hat hier jemand ein Hotel betrieben.
Aus dem „Luisenhof“ wurde „The Dude“. Schon in der DDR hat hier jemand ein Hotel betrieben.Foto: promo/The Dude

Wehe! Nur weil die Frankfurter sich jetzt ein neues Altstädtchen hingesetzt haben, schreien Berliner: Wollen wir auch! Nee, wollen wir nicht. Ein Schloss reicht. Wer Sehnsucht nach einer pseudohistorischen Puppenstube hat, begebe sich ins Nikolaiviertel. Alle anderen gucken sich einfach mal um, was sie noch an Vergangenheit finden in diesem Flickenteppich namens Berlin.

Dann könnten sie, zum Beispiel, auf die Wassergasse stoßen. Eine echte Gasse an der Köpenicker Straße, nicht so was Ausgedachtes wie die Brüder-Grimm-Gasse am Potsdamer Platz.

Der Altbau an der Ecke wartet verrammelt auf seine Zukunft. Nebenan gehen die Türen auf. Gäste kommen, Gäste gehen. Eine Herberge mit Vergangenheit, schon in der DDR hat hier jemand ein Hotel privat betrieben. Aus dem „Luisenhof“ wurde „The Dude“. Den Namen hat der Vorgänger dem jetzigen Betreiber hinterlassen, das Steakhaus heißt „The Brooklyn“. Sollte wohl cool sein. Egal, das Haus selbst ist echt, Jahrgang 1822, eins der ältesten Berlins. Mit einem der schönsten Treppenhäuser der Stadt.

Eine disparate Gegend, als hätte sie jemand vergessen

Der Concierge, bestens gelaunt, drückt einem einen Schlüssel in die Hand, einen richtigen, so schwer, wie sie in Hotels früher waren. Instant-Nostalgie. Hinter ihm an der Wand prangen Lämpchen, deren Schirme zwei Damen in Venedig genäht haben. Eine Inszenierung: „Behagliches Hotel“. Man spielt gerne mit. Es passt, so wie die Kronleuchter zu den Industrielampen im Frühstücksraum.

Am Haus gegenüber hängen schwere Erker, dazwischen Plattenbau. Auch schon Geschichte. Eine disparate Gegend, als hätte sie jemand vergessen, auch das Haus rechts vom Hotel steht leer. Am Montagabend um zehn ist kaum was los. „Fahrt endet hier“ steht auf dem vorbeirollenden Bus. An der Ecke ein Klischeeitaliener. Rotweißkarierte Decken, Bella Ciao. Nur an einem Tisch sitzen Gäste. Ob’s noch was gibt – „ selbstverständlich“. Ist das wirklich Berlin?

Der Dornröschenschlaf könnte bald beendet sein. Aus dem Hoteltreppenhaus fällt der Blick in die Zukunft. Im Hinterhof baut der Nachbar Luxuswohnungen, nur die Fassade an der Rungestraße ist original: feinster Backsteinexpressionismus. Die Bewohner werden ruhig schlafen, Schnute und Maxi können nicht mehr knurren. Ihr Bärenzwinger vis-à-vis steht schon lange leer, allein der Infokasten tut so, als wäre alles beim Alten. Als könnte man noch immer Futter spenden.

Ein paar Schritte bloß läuft man bis zur Spree, am historischen Hafen vorbei. Winter liegt in der Luft. Das Wasser gluckert.

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