Wer ist die geheimnisvolle Frau?

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Nürnberger Prozesse : Der erste Angeklagte - und der erste Zeuge
Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945. Erwin Lahousen steht im mit dem Rücken zur Kamera im Zeugenstand.
Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945. Erwin Lahousen steht im mit dem Rücken zur Kamera im Zeugenstand.Foto: ullstein bild

Ankläger Jackson muss fürchten, dass sein erster und vielleicht wichtigster Zeuge dem auf zwei Tage geplanten Verhör nicht standhält. Umso seltsamer die Episode, die sich dann ereignet: Eine Frau wird eingeladen, das Wochenende in Lahousens Zimmer zu verbringen. Der normalerweise dorthin kommandierte Leibwächter zieht solange aus. Die Frau kann nur die französische Agentin Madeleine Richet-Bihou sein, davon ist Biograf Schaub nach Kenntnis ihrer lange geheim gehaltenen Aufzeichnungen überzeugt.

Was auch immer Bihet-Richou dort getan oder erklärt haben mag, Lahousen wird aussagen – und wie. In Vertretung von Canaris hat er an Sitzungen mit Hitler, dem Oberkommandierenden Keitel, Außenminister Ribbentrop teilgenommen, hat für Canaris teilweise dessen Diensttagebuch geführt und Kenntnis von vielen Verbrechen.

Polens angeblicher Angriff auf deutsches Gebiet? Fingiert. Der Angriff auf Russland? Kein Präventivschlag wie behauptet, sondern geplanter Vernichtungsfeldzug. Die Bombardierung des wehrlosen Warschaus? Gegen den Protest von Canaris auch von Keitel gefordert. Die Liquidierung der polnischen Intelligenz, das Niederbrennen polnischer Bauernhäuser, die angeordnete Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener – Lahousen nennt Fakten, Zahlen, Namen.

Keitels Anwalt erhebt Einspruch: Habe der Oberkommandierende nicht angeboten, dass sich Offiziere in Gewissensnot vertrauensvoll an ihn wenden sollten? Nein, erwidert Lahousen, „ganz bestimmt nicht.“ Aber Keitel habe befohlen, zwei gefangene französische Generäle ermorden zu lassen, ein Befehl, den die Abwehr nicht ausführte.

„Verräter!“, schallt es von der Anklagebank, „Schwein!“. Göring tobte, erinnert sich später der Nürnberger Gefängnispsychologe Gustave Gilbert, habe gerufen, Lahousen sei wohl nach dem 20. Juli, gemeint ist der Tag des Attentats auf Hitler und die anschließende Verhaftungs- und Hinrichtungswelle, vergessen worden.

Walther Karsch, Mitbegründer des Tagesspiegels und damals Prozessbeobachter, schreibt in der Ausgabe vom 4. Dezember 1945, „Lahousen hat sich gewiss wenig Gedanken darüber gemacht, ob Kriege eine moralische Angelegenheit sind“, aber wenigstens habe er sich Gedanken über die Spielregeln gemacht. Nicht Hass, sondern Verachtung trieb ihn zu seiner Aussage: „Die Anklagebehörde hat in dem Kampf um diesen ersten wichtigen Kronzeugen gesiegt.“

216 Prozesstage später fällt das Todesurteil gegen Göring, von Ribbentrop, Keitel, Jodl und acht weitere Angeklagte.

Das Verhör kostet ihn ein paar Zähne

Lahousen bleibt in Gefangenschaft. Er hat dreieinhalb hässliche Monate vor sich, als er in das britische Verhörzentrum in Bad Nenndorf überstellt wird. Die Kollegen der Geheimdienste MI 5 und MI 6 haben noch ein paar Fragen zur IRA, der irischen Untergrundarmee, die während des Krieges von der Abwehr mit Waffen und Sprengsätzen beliefert worden war. Lahousen behauptet später, das Verhör habe ihn ein paar Zähne gekostet.

1947 wird er entlassen. Seine Hoffnungen, die Militärkarriere fortsetzen zu können, erfüllen sich nicht. Er stirbt vor Aufstellung der neuen österreichischen Armee 1955 am dritten Herzinfarkt.

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