Stylische Kopfbedeckung : Warum die Mützen der Saison nicht mehr wärmen

Erst zeigten alle selbst bei Minusgraden ihre Knöchel, jetzt liegen auch noch die Ohren frei:„Helixing“ ist der neue Wintertrend.

Florentin Schumacher
Kurz und bündig. Die Docker Caps sind wieder da.
Kurz und bündig. Die Docker Caps sind wieder da.Foto: imago/runway manhattan

Sie hat etwas von einem Eierwärmer. Einem Teemützchen. Einem gehäkelten Topflappen. Behaglichkeit strahlt sie aus, Wärme, ein bisschen erinnert sie an eine vermeintlich einfachere Zeit. Dummerweise tut sie aber bloß so: Sonderlich bequem ist sie nicht, warm hält sie an einer eher unnützen Stelle, ja, sie erfüllt überhaupt kaum eine Funktion, außer gut auszusehen, oder wie das, was momentan als gut aussehend gilt. Und diesen Winter bestimmt das Coolnesslevel nicht unwesentlich die Mütze, genauer: ihre Kürze.

Modetrends interessieren sich oft nicht für Praktikabilität. Seit Jahren hält sich etwa die knöchelfreie Jeans, eine von Frauen und Männern ganzjährig praktizierte Hosentrageweise, die vielleicht ein bisschen sexy ist, vor allem aber sehr kalt. Auch schon einige Winter lang legen höchstens noch Innenarchitekten ihren Schal in Schlingen um den Hals, alle anderen lassen ihn lose herunterhängen wie eine Art Stola – lässig, aber es zieht dann halt etwas am Rachen.

Jetzt rutscht auch noch die Mütze rauf. Das Modell des Winters, wahlweise als Docker Cap, kurzes Beanie oder Fischermütze bezeichnet, ist eine kleine, meist oben am Hinterkopf sitzende Strickmütze, die auf keinen Fall vollständig über die Ohren reicht. Je nach Radikalität des Trägers lässt sie die sogar gänzlich frei, sodass die Ohrmuscheln in der Kälte glühen, und weil deren wulstige Ränder bei Medizinern Helix heißen, lautet der englische Name für den Trend des Winters „Helixing“.

Warum wurde ausgerechnet eine Kopfbedeckung zum Trend, die ihre einzige Funktion, den Kopf warmzuhalten, unzureichend erfüllt?

Ein bisschen Kälte macht keine Erkältung

Der Besorgte-Eltern-Spruch „Die meiste Wärme verliert der Mensch über den Kopf“ ist zwar Unsinn, exponierte Körperteile mit gleich großer Oberfläche strahlen ähnlich viel Wärme ab. Und ein bisschen Kälte, egal ob an Ohren, Händen oder Füßen, macht sowieso keine Erkältung, dafür muss man mit den Krankheitserregern in Berührung kommen. Allerdings sitzen in der Kopfhaut viele Nervenenden, sodass wir Kälte dort deutlicher spüren. Wenn sich eine Kopfbedeckung auf den Teilbereich des Kopfes zurückzieht, der dank Behaarung in der Regel am ehesten warm bleibt, wird es nicht gleich ungesund, aber zumindest ungemütlich.

Der „Guardian“ investigierte schon vor längerer Zeit in Sachen Helixing. Ihre Recherche führte sie zum Sänger der britischen Popband One Republic, Harry Styles, als, nun ja, Kopf des Trends. Styles, ein langjähriger Mützenträger, habe bis etwa 2014 seine braune Lockenmähne mit großen, der Surf- und Snowboardszene entstammenden Mützen gebändigt („er sah aus wie ein Löwe“). Dann aber seien Styles Kopfbedeckungen geschrumpft, kleiner und kleiner geworden – und mit ihnen die Mützen auf der ganzen Welt.

Beg your pardon, dear „Guardian“, aber dass ein britischer Löwe die Welt verändert hat, ist lange her. Harry Styles ist ein Castingshowboybandsänger, der sich vielleicht von hellsichtigen Modeberatern einkleiden lässt, erfunden hat Styles das Helixing sicher nicht. Höchstens von früheren Helixern übernommen.

Marvin Gaye solidarisierte sich mit der Arbeiterklasse

Der verstorbene Schauspieler River Phoenix zum Beispiel trug seine Mütze schon 1991 im Roadmovie „My Own Private Idaho“ ohrenfrei, Jack Nicholsons Strickmütze in „Einer flog über das Kuckucksnest“ von 1975 reichte gerade so über die Spitze der Ohrmuscheln. Und Marvin Gaye ließ sich quasi die gesamten 70er Jahre hindurch den Hinterkopf, und nur den, von seinem hochgerollten roten Strickmützchen wärmen.

Der Soulsänger war damals allerdings eine Ausnahme. Als früher Mützenfan solidarisierte der Star sich mit der Arbeiterklasse, der Masse, die billige Wollkappen trug. Denn ursprünglich stammt die gestrickte Mütze aus den Häfen, deshalb der Name Docker Cap. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts zogen sie Schauerleute in Hamburg, Amsterdam und New York beim Löschen der Frachtschiffladung an. So kurz fiel das Docker Cap aus, weil es wohl weniger dazu diente, die Ohren zu wärmen, als die Haare der Arbeiter zu schützen: Ölschmiere und Kohlestaub sollten sie nicht verschmutzen.

Mehr zum Thema

Fischer, Matrosen und andere Schiffsleute übernahmen die Mütze, und bald rüstete auch die US-Navy ihre Soldaten im Ausguck mit der „Watch Cap“ aus. Wegen ihrer Enge blieb sie selbst bei starkem Wind auf dem Kopf, anders als manche Offiziersmütze. Befehle, Nebelhörner und Heulbojen hörten die Soldaten im Ausguck trotzdem bestens – auf den Ohren hatten sie ja nichts.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

8 Kommentare

Neuester Kommentar