Transparente Mode : Haben wir nichts mehr zu verbergen?

Intime Einblicke auf der Straße: Handtaschen, Socken, Hüte und sogar Stiefel sind jetzt durchsichtig. Was es mit dem Plastik-Look auf sich hat.

Während der Berlin Fashion Week präsentierte das Label "Atelier About" eine transparente Jacke für Frühling/Sommer 2018.
Während der Berlin Fashion Week präsentierte das Label "Atelier About" eine transparente Jacke für Frühling/Sommer 2018.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Ziemlich durchschaubar, was das Modelabel „Topshop“ da abzieht: Es verkauft eine Hose komplett aus Plastik, 100 Prozent Polyurethan, gerader Beinschnitt, Empfehlung für drunter: Hotpants oder Bikinihöschen. „Geh nach Hause, Topshop, du bist besoffen“, kommentierte jemand im Internet, andere fragten, wie man für zwei Plastikflaschen an den Beinen 76 Euro verlangen könne.

Die „Jeans mit Folieneinsatz“ ist nicht nur für einen dieser Tage gedacht, an denen man sich mal wieder schwer entscheiden kann, ob man heute Bein zeigen will oder eher nicht. Sie ist der Gipfel eines Modetrends – Transparenz.

Auf den Prêt-à-porter-Schauen der letzten Jahre präsentierten Chanel, Valentino und Isabel Marant bereits durchlässige Materialien, ihre Models wirkten wie Science-Fiction-Romanen entstiegen, trugen Stilettos mit transparenten Blockabsätzen, Handschuhe und Hüte zum Hindurchschauen. Nun hocken auch in der U-Bahn Girls in Leggings, die von durchsichtigen Flächen durchbrochen werden, im Kino hat die Sitznachbarin dann doch keine Bärchen auf die Knöchel tätowiert, es sind nur ihre transparenten Socken mit Aufdruck.

Ganz Berlin-Mitte ist ein einziger Plexiglas-Brillenladen (in Puder- und Pastelltönen, mit garantiert viel Durchblick). Die Schauspielerin Aylin Tezel trug vergangene Woche auf dem roten Teppich eine blassschwarze Trussardi-Bluse, die die Blicke vor allem auf ihren kräftig durchscheinenden schwarzen BH lenkte, und neulich auf der Party glänzte eine Frau in transparenten Overknee-Stiefeln. Die Pediküre kam hervorragend zur Geltung, die Schweißperlen und vom Tanzen geröteten Druckstellen nach ein paar Stunden allerdings auch. Was soll das?

Verhüllung ist aufregend

These eins: Der Winter dauerte mal wieder zu lang (ein Satz, den Berliner jedes Jahr gebrauchen können). In welchem Farbton die eigene Haut schimmert, und wo am Knie sich das Muttermal genau befindet, hat man vor lauter Funktionswäsche, Wollsocken und Daunenjacken vergessen. Die Sonne zeigt sich nicht, vielleicht lässt sie sich von ein wenig Haut anlocken. Es ist noch zu windig fürs Sommerkleid, aber mit dem Regencape im Twiggy-Look drüber fühlt es sich fast nach Eisschlecken und Barfußlaufen an. Eigentlich gar nicht sehr anders als die Idee der Seidenstrumpfhose, die den Lieblingsrock wintertauglich macht. Blickfrei statt blickdicht wurde irgendwann so schick, dass sich die Frauen nach dem Krieg in Ermangelung von Nylon schwarze Nähte hinten auf die Beine malten.

Denn, zweite These, Verhüllung ist aufregend, Christo hat das längst erkannt. Weiß doch jeder, dass verpackt viel erotischer ist als plumpes, nacktes Fleisch. Was nur angedeutet wird, stimuliert die Fantasie. Ist da womöglich viel mehr Busen? Blitzt da eventuell ein Nippel unter der Spitze hervor? Man sieht es kaum, die Bluse schimmert so. Nach dem passenden BH für jedes Oberteil müssen die Trägerinnen jedenfalls nicht mehr suchen.

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Parallel zum Transparenz-Look sind derzeit auch wieder zerrissene Jeans zu beobachten. Allerdings nicht zufällig zerstört, wie beim Punk üblich, sondern akkurat destroyed, und drunter Netzstrumpfhosen mit extragroßen Maschen. Röcke haben wieder Schlitze, das bauchfreie 90er-Top ist zurück – ein Ausschnitt von Haut, der ganz unschuldig den Nabel freilegt. Und Knöchel zwischen Hosenbein und Sneakers haben ohnehin längst das Dekolleté ersetzt.

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