Arbeit in Deutschland : Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz laugt den Balkan aus

Die Bundesregierung will mehr Fachkräfte aus Osteuropa anwerben – bald erleichtert ein Gesetz die Migration. Doch was hier hilft, richtet dort Schäden an.

Thomas Roser
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU,2.v.l) rührte in Pristina im Juli die Werbetrommel für den Standort Deutschland.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU,2.v.l) rührte in Pristina im Juli die Werbetrommel für den Standort Deutschland.Foto: dpa

Die verschärfte Personalnot im Gesundheitssektor lässt selbst den Minister in die Ferne schweifen. „Wir können jede Pflegekraft, die mit anpacken will, gut gebrauchen“, schlägt der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn Mitte Juli bei einem Treffen mit angehenden Krankenpflegern in der Kosovo-Hauptstadt Pristina die Anwerbertrommel.

Auf der Suche nach Arbeitskräften sind immer mehr Rekrutierer aus dem reichen Norden im ausgezehrten EU-Wartesaal auf dem Westbalkan unterwegs. Denn in Westeuropa werden Fachkräfte händeringend gesucht. Bei den ausgebluteten EU-Anwärtern sitzen hingegen immer mehr Auswanderwillige auf gepackten Koffern.

Eigentlich wäre der sehnige Serbe lieber heute als morgen weg. In Deutschland herrsche „im Gegensatz zum serbischen Chaos“ Ordnung – und es werde pünktlich und besser bezahlt, erklärt der Karosseriemechaniker Djole in seiner Werkstatt an einer Ausfallstraße im Belgrader Stadtteil Zvezdara seinen Auswanderwunsch. In Villingen-Schwenningen habe er bereits einen Arbeitgeber gefunden, der ihn nur allzu gerne beschäftigen würde. Doch zwei Mal habe das deutsche Konsulat seine Anträge auf ein Arbeitsvisum bereits verweigert: „Sie sagten mir, dass es für diese Arbeit genügend Deutsche geben würde.“

Deutschland ist das beliebteste Ziel

Das endlose Warten vor dem Konsulat wird sich der Handwerker bald sparen können. 2020 tritt in Deutschland das Anfang Juni vom Bundestag abgesegnete „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ in Kraft. Dieses soll qualifizierten Arbeitskräften aus Nicht-EU-Staaten die Arbeit und Arbeitssuche in Deutschland erheblich erleichtern – und das nicht nur in sogenannten Engpassberufen: Es entfällt die bisherige Vorrangprüfung, die EU- Bürgern bisher einen Vorrang bei der Besetzung freier Stellen einräumt.

Berlin erhofft sich von dem Gesetz eine Linderung des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften. Im EU-Wartesaal fürchten Arbeitgeber hingegen, dass sich der Sog in die Ferne verstärkt, dass immer mehr Fachkräfte abwandern. Schon seit 2015 hätten jährlich mindestens 50.000 Menschen Bosnien und Herzegowina verlassen, klagt die Zeitung „Euro Blic“ im bosnischen Banja Luka: „Wenn in Deutschland das Gesetz in Kraft tritt, das die Auswanderungsprozeduren vereinfachen und beschleunigen wird, könnte es auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu einem nie erlebten Kollaps kommen.“

Von der EU sind die Anwärterstaaten in der Dauerwarteschleife zwar noch immer Lichtjahre entfernt. Doch zumindest für deren auswanderwillige Bürger dürfte sie mit dem neuen Einwandergesetz merklich näher rücken: Für die Staaten des Westbalkans ist und bleibt Deutschland das mit Abstand größte und wichtigste Zielland von Arbeitsemigranten.

Sieben Millionen haben Südosteuropa verlassen

Im schlecht bezahlten Erstjob ist der 35-jährige Dimitrije Physiotherapeut in einem Belgrader Altersheim. Im Zweitjob kellnert der Serbe im Cafe „Mali Plato“ – und büffelt seit einem knappen Jahr eifrig Deutsch. Im September werde er in einer Lüdenscheider Klinik eine Woche auf Probe arbeiten, berichtet der hochgewachsene Hobby-Basketballer.

Falls das Schnupperpraktikum zur beiderseitigen Zufriedenheit ausfalle, sei die Unterzeichnung eines Arbeitsvertrags und seine Übersiedlung nach Deutschland zum 1.Januar des nächsten Jahres geplant. Neben den mageren Löhnen lassen ihn auch die verfallenen Sitten auf dem heimischen Arbeitsmarkt auf ein Berufsglück in der Fremde setzen: „Hier musst Du oft noch Schmiergeld bezahlen, um einen Job zu bekommen – und arbeiten zu können.“

Nicht nur Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne, sondern auch unzuverlässige Arbeitgeber, Korruption und Perspektivlosigkeit lassen immer mehr Balkanbürger die Auswanderkoffer packen. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2015 sind laut Angaben der OSZE mehr als 650.000 Serben emigriert – fast ein Zehntel der Bevölkerung. Bei Serbiens EU-Nachbarn Bulgarien, Kroatien und Rumänien sieht es nicht viel besser aus: Insgesamt haben seit der Jahrtausendwende mehr als sieben Millionen Menschen in Südosteuropa ihre Heimat verlassen.

"Deutschen Löhne nicht mehr das, was sie mal waren"

Dabei sind die Zeiten, als man sich mit einigen Jahren als Arbeitslegionär in der Fremde genügend für ein sorgenfreies Rentnerleben in der Heimat sparen konnte, längst vorbei. „Die Löhne in Deutschland sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren“, seufzt die 44-jährige Sonja, die für gelegentliche Arbeitseinsätze als Altenpflegerin vom serbischen Pancevo ins deutsche Bielefeld pendelt.

Zu einer endgültigen Übersiedlung kann sie sich bisher nicht durchringen. Die Mieten in Deutschland seien hoch, die Gehälter für Hilfskräfte ohne deutsche Sprachkenntnisse auch dort keineswegs üppig: „Auch in Deutschland verdient man oft nur so viel, um über die Runden zu kommen. Wenn die Leute hier 200 Euro mehr im Monat verdienen könnten, würden viel weniger ins Ausland gehen.“

Auch volkswirtschaftlich fällt die Bilanz der Emigration gemischt aus. Die steigende Nachfrage nach der karger werdenden Arbeitskraft lässt das nach wie vor sehr niedrige Lohnniveau zwar allmählich steigen. Gleichzeitig droht der Westbalkan mit dem Schrumpfen seines Arbeitskräftepotenzial für ausländische Investoren aber an Attraktivität zu verlieren. Einerseits senkt der Aderlass die Arbeitslosenraten, während gleichzeitig die Devisen-Überweisungen der Diaspora in die Heimat steigen. Andererseits sind es häufig keineswegs Arbeitslose, sondern beschäftigte Fachkräfte, die als erste gehen. Ihre Abwanderung sorgt für zunehmende Engpässe auf den Arbeitsmärkten. Zudem nimmt mit der Emigration auch der Trend zu sinkenden Geburtenraten und der Vergreisung zu. Denn es sind meist jüngere Fachkräfte und deren Familien, die gehen, und die Rentner, die bleiben.

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