"Das Bargeld nimmt zu"

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Bundesbank-Vorstand Thiele : "Es wird immer mehr Bargeld geben"
Grafik: Anna Schmidt


Zahlen die Alten eher bar und die Jungen eher mit Karte oder per Handy?

Ich glaube, das unbare Bezahlen wird zunehmen. Die Zeiten ändern sich. Wissen Sie noch, welches die am meisten genutzte App 2006 während des Fußball-WM-Sommermärchens war?

Nein, welche?

Es gab noch keine! Und heute gehen wir ganz selbstverständlich mit Apps um. Mein großer Sohn hat in seinem ganzen Leben noch keinen eigenen Wagen gehabt, sondern nutzt Carsharing. Auch die Art zu bezahlen, wird sich verändern. Neue Verfahren stehen vor der Einführung: In Zukunft können im Euro-Raum alltägliche Überweisungen in Sekundenschnelle abgewickelt werden. Diese „Instant Payments“ in Verbindung mit einer Smartphone-App bieten vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Und tatsächlich hat sich ja auch in unserer Generation schon Einiges verändert. Wenn wir nicht nur auf das Bezahlen im Laden oder im Restaurant schauen, lässt sich feststellen: Die größten Posten erfolgen in Deutschland seit langem bargeldlos: Gehalt, Miete, Strom, Versicherungen.

Werden wir in 30 Jahren noch Bargeld haben?

Ja. Es wird sogar immer mehr. Bei der Einführung des Euro-Bargelds am 1. Januar 2002 waren es 220 Milliarden Euro, die in Umlauf gebracht wurden. Ende 2004 waren es schon 500 Milliarden Euro, Ende 2014 rund 1000 Milliarden. Wir haben in den vergangenen Jahren ein Bargeldwachstum von sechs Prozent pro Jahr gehabt.

Wie kommt das?

Der Euro ist inzwischen die zweitgrößte Reservewährung der Welt. Etwa zehn Prozent des von der Bundesbank ausgegebenen Geldes wird am Point of Sale, also beim Bezahlen mit Bargeld, genutzt. 20 Prozent werden in Deutschland gehortet, weitere 20 Prozent in der restlichen Euro-Zone und 50 Prozent außerhalb der Euro-Zone. In Regionen mit weicher Währung und hoher Inflation wie etwa in Osteuropa weichen die Leute gern auf die stabile Währung Euro als Wertaufbewahrungsmittel aus. Der Euro kommt so immer näher an den US-Dollar heran, den es ja schon viel, viel länger gibt. Ende 2016 hatte das Euro-System 1130 Milliarden Euro herausgegeben, beim US-Dollar waren es 1460 Milliarden Dollar.

In Deutschland droht zwar keine große Inflation, dafür aber Negativzinsen aufs Ersparte. Spielt das nicht den Bargeldfreunden in die Hände?

Negative Nominalzinsen hat es vor der Entscheidung des EZB-Rates im Juni 2014 in Deutschland noch nie gegeben. Kreditinstitute haben darauf bereits reagiert. Sie legen hohe Geldbestände in ihre Tresore, um Negativzinsen zu vermeiden. Wenn das Geld als Zahlungsmittel auf den Konten der jeweiligen Zentralbank gehalten wird, müssen sie 0,4 Prozent Zinsen zahlen. Wenn das Geld bar im Tresor liegt, nicht.

Über welche Summen reden wir?

Innerhalb der letzten zwei Jahre haben die deutschen Kreditinstitute zehn Milliarden Euro in ihren Tresoren zusätzlich gelagert, um Negativzinsen zu entgehen. Ich erwarte, dass diese Entwicklung weitergehen wird.

Wenn man Geld in den Tresor legt, macht man das lieber mit 500er- als mit Fünf-Euro Scheinen. Der 500er wird aber ab Ende nächsten Jahres nicht mehr gedruckt. Ein Fehler?

Bundesbank-Präsident Weidmann und ich haben uns damals gegen den Beschluss positioniert. Wir haben zumindest erreicht, dass die in Umlauf befindlichen 500-Euro-Scheine ihre Gültigkeit behalten – auch über 2018 hinaus.

Ist als nächstes der 200-Euro-Schein dran?

Ich hoffe, der Abschied vom 500er ist eine einmalige Geschichte. Der Wert des Geldes ist trotz niedriger Inflation im Laufe der Jahre gesunken. Deshalb brauchen wir die großen Scheine. Der 1000-DM-Schein, der heute in etwa dem Wert des 500-Euro-Scheins entspricht, wurde 1964 eingeführt. In den sechziger Jahren musste ein durchschnittlicher Arbeitnehmer mehr als einen Monat arbeiten, um brutto 1000 DM zu verdienen. Heute benötigt ein Arbeitnehmer bei einem durchschnittlichen Monatsbruttoverdienst von circa 3700 Euro und rund 20 Arbeitstagen im Monat gerade einmal knapp drei Arbeitstage, um 500 Euro Brutto zu verdienen.

In Deutschland werden noch zwölf Milliarden DM gehortet. Wird die Bundesbank die alten Scheine und Münzen irgendwann nicht mehr in Euro und Cent umtauschen?

Nein, wir werden auch in Zukunft weiterhin umtauschen, da müssen sich die Leute keine Sorgen machen. Übrigens machen inzwischen Münzen mehr als die Hälfte der DM-Altbestände aus. Ein Großteil der Mark- und Pfennig-Münzen dürfte allerdings inzwischen verloren sein.

Tauschen Sie auch Münzen um?

Ja. Ich war vor einiger Zeit in unserer Bundesbankfiliale in Bielefeld, da kam ein Münzhändler mit alten 10-DM-Sammlermünzen der Olympischen Spiele von 1972. Die haben praktisch keinen Sammlerwert, deshalb hat er sie eingetauscht. Das waren vier große, gelbe Postboxen.

Viele Euro-Länder schaffen Ein- und Zwei-Cent-Münzen wegen der hohen Herstellungskosten ab. Sollten wir das auch tun?

Das Münzregal liegt beim Bundesfinanzminister. Mir ist nicht bekannt, dass der Finanzminister Ähnliches plant.

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