Der Einfluss von Google und Co. ist enorm : Deutsche Unternehmen fürchten um digitale Souveränität

Firmen sind hierzulande auf Technologien aus dem Ausland angewiesen. Sie wünschen sich europäische Alternativen. Verliert Deutschland digital den Anschluss?

Es geht um ein großes europäisches Projekt. 22 Unternehmen machen bereits mit.
Es geht um ein großes europäisches Projekt. 22 Unternehmen machen bereits mit.Foto: Getty Images/iStockphoto

Ein typischer Arbeitstag in Deutschland ist ohne digitale Technologien aus dem Ausland kaum noch vorstellbar. Videochats über Microsoft Teams, Planungen über Google Docs, das Nutzen von Laptops und Smartphones, die nicht in Europa hergestellt wurden. 2019 musste selbst der Bund einräumen, „in hohem Maße“ abhängig vom US-Konzern Microsoft zu sein. Auch während der Pandemie mussten Staaten erkennen, dass sie etwa bei der Entwicklung von Corona-Apps stark auf Kooperation mit Tech-Konzernen wie Google oder Apple angewiesen sind.

Unternehmen sehen das als Problem. 1100 Firmen aus diversen Branchen hat der Digitalverband befragt: 100 Prozent gaben an, Deutschland müsse mehr digitale Souveränität erlangen. So das Ergebnis, das der Digitalverband Bitkom am Donnerstag veröffentlicht hat. 94 Prozent der Unternehmen sagen, sie seien bei digitalen Technologien auf Importe angewiesen, nur zwei Prozent importieren keine digitalen Produkte. Fast die Hälfte geht sogar davon aus, dass der technologische Vorsprung anderer Länder für Deutschland nicht mehr aufzuholen ist und die digitale Abhängigkeit Europas in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird.

Gaia-X macht Hoffnungen

„In den vergangenen Jahrzehnten haben wir in einigen Bereichen an Boden verloren, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass es auch so weitergehen muss", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. "Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und gezielt digitale Schlüsseltechnologien fördern, können wir die Trendwende einleiten.“ Große Hoffnungen setzt er in das Cloudprojekt Gaia-X, das auf europäischer Ebene vorangetrieben wird.

Cloudcomputing bedeutet, große Datenmengen müssen nicht mehr wie früher auf dem eigenen Computer oder Rechnern der Firma gespeichert werden, sondern die Übertragungen erfolgen über das Internet. Gaia-X soll die europäischen Anbieter vernetzen und so Alternativen zu US-Konzernen bieten. Zudem sollen die Cloudangebote im Gaia-Netzwerk sicherer sein, da hier Daten beispielsweise vor dem eventuellen Zugriff von US-Behörden geschützt sind

Machen die Firmen sich erpressbar?

Die Abhängigkeit von außereuropäischen Unternehmen ist auch politisch ein Problem. 14 Prozent der Teilnehmenden sehen eine grundsätzliche Gefahr, dass ihr Unternehmen von ausländischen Geschäftspartnern oder Regierungen erpressbar ist. Ein Großteil der Befragten wünscht sich, dass die Bundesregierung verhindert, dass Deutschlands Infrastrukturen in die Hand von Nicht-EU-Unternehmen geraten.

Dabei wird aktuell sogar in der Bundespolitik darüber debattiert, ob der Staat für die nächsten Jahre eine Cloudinfrastruktur auf Basis des Microsoft-Azure-Stacks einkaufen soll. Während das Bundesfinanzministerium (BMF) darauf drängt, will vor allem das Innenressort (BMI) bremsen und sieht die digitale Souveränität der Bundesverwaltung gefährdet.

Um nicht weiter vom Ausland abhängig zu sein, müsste sich Deutschland selbst technologisch stark weiterentwickeln. Die Befragten fordern vor allem Investitionen in IT-Sicherheitstechnologien, Künstliche Intelligenz und 5G. Der Digitalverband Bitkom schlägt vor, dafür nicht zu viele unterschiedliche Projekte zu fördern, sondern „ausgewählte Forschungs- und Förderschwerpunkte für digitale Schlüsseltechnologien zu definieren und stark zu machen“. Diese Projekte sollten auf europäischer Ebene gemeinsam verfolgt werden.  

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