Die Zukunft der globalen Ernährung : Rein in die Kartoffeln

Die Weltbevölkerung wächst. Eine Milliarde Menschen mehr könnten ernährt werden, wenn Feldfrüchte nur dort angebaut würden, wo sie hinpassen.

Genügsame Natur: Kartoffeln brauchen wenig Wasser und wachsen auf salzigen Böden.
Genügsame Natur: Kartoffeln brauchen wenig Wasser und wachsen auf salzigen Böden.Foto: imago stock

Inderinnen und Inder sollten mehr Hirse statt Reis anbauen und essen, Deutsche mehr Kartoffeln statt Weizen. Das ist eine der fundamentalen Botschaften jüngerer Studien zur weltweiten Ernährungssicherheit. Darin steckt allerdings auch schon eines der wichtigsten Probleme: Denn während in Deutschland Kartoffeln seit mehr als 200 Jahren eine der wichtigsten Kalorien- und Nährstoffquellen sind, wäre anderswo ein ziemlich radikaler Wandel der Esskultur vonnöten – in Indien zum Beispiel, wo bisher Reis der dominierende Kohlenhydratlieferant ist.

Schaut man sich die Zukunftsszenarien zu Bevölkerungsentwicklung, Klima, Wasserverfügbarkeit und Böden an, ist der Ruf nach einem solchen Kulturwandel nachvollziehbar. Doch es werde sicher einen „enormen Willen seitens Politik und Gesellschaft benötigen, um solche Änderungen vorzunehmen“, sagt etwa Kyle Davis vom „Earth Institute“ der New Yorker Columbia University. Er ist Autor einer vieldiskutierten Studie zum Thema, die kürzlich im Magazin „Nature“ erschien. Reis jedenfalls verbraucht extrem viel Wasser und oft auch Pflanzenschutzmittel, und sein Nährwert jenseits der reinen Kalorien ist vor allem in der dominierenden, geschälten Variante nicht überragend. Zudem entsteigt Reisfeldern sehr viel Methan, ein extrem potentes Treibhausgas. Hirse dagegen benötigt deutlich weniger Bewässerung; sie enthält auch mehr Protein und Fett sowie für eine einigermaßen gesunde Ernährung wichtige Mikronährstoffe.

Kartoffeln werden nicht nur für Mitteleuropa als Alternative postuliert, sondern für sehr viele andere Regionen auch, selbst für Indien. Wer den Film „The Martian“ („Der Marsianer“) mit Matt Damon gesehen hat, erinnert sich, dass die Knollen sogar für einen Anbau auf den eher salzigen und trockenen Böden des Roten Planeten infrage kämen. Das bestätigt – zumindest für vier besonders robuste Sorten – eine Untersuchung des in Perus Hauptstadt Lima ansässigen „Centro Internacional de la Papa“ (Internationales Kartoffelzentrum, CIP) in Zusammenarbeit mit der US-Weltraumbehörde Nasa. Und jeder Kleingärtner hierzulande weiß, dass die Knolle recht genügsam ist und wenig Wasser braucht. Im trockenen Frühjahr 2018 machte sie etwa den Brandenburger Landwirten die wenigsten Sorgen. Weizen und andere Getreide dagegen reiften im märkischen Sand sehr früh, und geringere Erträge pro Hektar als im langjährigen Mittel werden erwartet.

Mehr Hirse statt Reis in Indien auf den Tellern? Ein radikaler Wandel der Esskultur

Gerade Toleranz für hohe Salzgehalte im Boden, die fast immer mit Trockenheit einhergehen, macht Sorten wie die in Peru entwickelte „Tacna“ schon heute in einigen Weltgegenden zur fast einzig sinnvollen Feldfrucht. Das gilt zum Beispiel in einigen Regionen Chinas; dort heißt sie „Jizhangshu 8“. Anderswo wäre ein Nebeneffekt eines Umschwenkens auf Kartoffeln, dass ihr Anbau dazu führen würde, dass Flächen deutlich weniger bewässert werden müssen. Das wiederum würde in trockenen Gegenden nicht nur Ressourcen für mehr Wasser benötigende Feldfrüchte freimachen, die für die Ernährung in der Region wichtig sind. In einer Art positiver Ironie würde es auch der weiteren Versalzung der Felder, die nun nicht mehr oder deutlich weniger bewässert werden müssten, entgegenwirken.

Glaubt man der Studie von Kyle Davis und seinen Kollegen, könnte insgesamt eine effiziente und ressourcenschonende Neuzuordnung von Anbauflächen und Angebautem 825 Millionen Menschen mehr ernähren. Zusätzlich würden zwölf bis 14 Prozent weniger Wasser verbraucht. Und auch der Nährwert für die Konsumenten wäre höher als unter dem gegenwärtigen Status quo.

Einem solchen Umdenken – und tatsächlich auch Umschwenken – stehen aber nicht nur leicht zu identifizierende kulturelle Aspekte entgegen: wie der, dass man sich Kartoffeln mit Sauerkraut und Tilapia kaum auf der Karte eines indischen Restaurants vorstellen kann. Selbst wenn Bauern ihre Strategie umstellen würden, stünden sie vor noch deutlich größeren Herausforderungen als der, jemanden zu finden, der ihre Produkte auch essen will. Fehlende Erfahrung wäre nur eine davon. Kartoffeln zu lagern und zu transportieren, wäre häufig noch schwieriger als die auch so schon verlustreiche Aufbewahrung etwa von Getreide, durch die in Afrika südlich der Sahara nach Schätzungen der Weltbank jährlich Essen für 48 Millionen Menschen verdirbt. Denn die Trockenheitsliebe der Knolle gilt auch hier: Ist es warm und feucht, verfault und verschimmelt sie schneller als der Bauer das Kartoffelkraut verbrennen kann.

Zu Pflanzen zurückkehren, die traditionell in der Gegend angebaut wurden

Andere, besser in das lokale Klima und zu den lokalen Böden passende Feldfrüchte anzubauen als gegenwärtig, muss aber nicht unbedingt bedeuten, sich auf etwas komplett Neues einzulassen. Viele Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Ernährungssicherung beschäftigen, sind der Meinung, dass schlicht eine Rückkehr zu traditionell in der jeweiligen Gegend angebauten Pflanzen der beste und kulturell gangbarste Weg wäre.

Der Populationsökologe und „Food-Security“-Spezialist Tim Benton von der University of Leeds in Großbritannien nennt als Beispiel die Landwirtschaft in Malawi. Hier habe man in großem Stil auf Mais umgestellt, vor allem um Anschluss an die Weltmärkte zu bekommen. Als Ergebnis wurden die diversen und in ihrer Mischung eine einigermaßen vollwertige Ernährung garantierenden traditionellen einheimischen Agrarprodukt zurückgedrängt. Allein eine teilweise Rückkehr zu diesen könnte die Ernährungssicherheit steigern.

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Die damit verbundene (Re-)Diversifizierung würde nicht nur den Nährwert auf den Tellern der Bevölkerung verbessern, sondern auch die Folgen schlechter oder komplett ausfallender Ernten bei einzelnen Feldfrüchten stark abfedern. Die Kultur müsste nicht revolutioniert werden, eine Besinnung auf „früher“ würde reichen. Ältere Farmer könnten ihr Wissen beisteuern. Und dass diese Pflanzen für die Region geeignet sind, haben sie ja bereits in der Vergangenheit bewiesen.

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