Ein Jahr nach dem Aus : Was wurde aus den 70.000 Dawanda-Verkäufern?

Als Online-Marktplatz für Hausfrauen gestartet, musste das Berliner Start-up Dawanda 2018 nach zwölf Jahren aufgeben. Viele kamen bei Konkurrent Etsy unter.

Neues Nest: Dawanda galt als Hausfrauen-Plattform, der US-Konzern Etsy dagegen als Monopolist mit deutlich mehr Mitarbeitern und Verkäufern.
Neues Nest: Dawanda galt als Hausfrauen-Plattform, der US-Konzern Etsy dagegen als Monopolist mit deutlich mehr Mitarbeitern und...Foto: dpa

Ein bisschen Bammel hatten Gordon Conrad und seine Schwester Denise schon vor den Veränderungen im vergangenen Jahr. „Wir waren sehr skeptisch“, sagt Gordon Conrad rückblickend über das Aus des Online-Marktplatzes Dawanda. Kreative, Künstler, Unternehmer – rund 70.000 Verkäufer hatten jahrelang über die Plattform Deko, Schmuck, Selbstgebasteltes und vieles mehr angeboten. Ein kunterbunter Online-Flohmarkt, der auch für die Potsdamer Geschwister, die sich auf handgemachte Shirts, Blusen und Kleider spezialisiert hatten, für über zehn Jahre zur Haupteinnahmequelle geworden war.

Die Erfolgsgeschichte endete im Frühjahr 2018. Als Dawanda-Chefin Claudia Helming verkündete, dass es für das Berliner Start-up nach zwölf Jahren nicht weitergehe, geriet die Kreativ-Szene in Aufruhr. Plötzlich drohte alles, was die Conrads sich mühevoll aufgebaut hatten, verloren zu gehen. „Unsere Existenz stand auf dem Spiel“, sagt Conrad.

Vom Start-up zum größten Online-Marktplatz Deutschlands

Begonnen hatte alles 2006: Dawanda startete als Plattform, die von Hausfrauen gleichermaßen genutzt wurde wie von Unternehmern. Die Geschäftsidee: Verkäufer können ihre Heim-, Bastel- und Kreativarbeit über die Plattform unkompliziert in die ganze Republik verkaufen. Dafür mussten sie Dawanda eine Provision von zunächst fünf, später 9,5 Prozent zahlen. Schnell wuchs das Start-up zum größten Online-Marktplatz für selbst gemachte Produkte in Deutschland heran, hatte zeitweise fast 200 Mitarbeiter.

Von dem Boom profitierten auch Produzenten wie die Conrads. „Nach zwei Jahren haben wir unser Ladengeschäft in Potsdam aufgegeben und den Vertrieb nur noch über Dawanda organisiert“, sagt Gordon Conrad. Die Strategie ging auf. Die kleine Firma expandierte, zeitweise hatten die Geschwister drei Angestellte. Doch ab 2016 kämpfte Dawanda zunehmend mit der Technik. Die deutschsprachige Ausrichtung des Portals brachte Probleme. Eine Ausweitung der Do-it-yourself-Plattform über die deutschsprachigen Länder hinaus war nur mit großem Aufwand möglich. 2017 mussten die Berliner Gründer bereits ein Viertel der Mitarbeiter entlassen. Daraufhin kam Dawanda zwar in die schwarzen Zahlen, doch der Expansionskurs geriet ins Stocken, wie Dawanda-Chefin Helming im Tagesspiegel-Interview damals zugab. „Wenn man ein Internetunternehmen ist, reicht es nicht, mit null bis zehn Prozent Wachstum dahinzuschippern.“ Helming wickelte die Firma ab und empfahl den Verkäufern, zum Konkurrenten Etsy zu wechseln.

Etsy ist vielen Verkäufern zu groß

Bei vielen Händlern sorgten Entscheidung und Empfehlung für Empörung. Ausgerechnet Etsy, der Großkonzern aus den USA. 2,1 Millionen Verkäufer vertreiben weltweit über eine ähnlich gestaltete Plattform jährlich über 50 Millionen Artikel. Für Etsy bedeutet dies einen Bruttojahresumsatz von rund 3,25 Milliarden Dollar in 2017.

„Wir hatten Angst vor diesem amerikanischen Großkonzern“, sagt Gordon Conrad. Seit 2010 hatten die Geschwister bereits ein Profil bei Etsy, doch ihren Umsatz erwirtschafteten sie dort nur zu etwa zehn Prozent. „Wir hatten die Sorge, dass wir auf dieser großen Plattform nicht mehr wahrgenommen werden“, sagt Conrad. Wie den Geschwistern ging es damals vielen. In Facebook-Gruppen tauschten sich besorgte Händler aus, viele empfanden Etsy als zu groß und kommerziell.

Doch ein Jahr später klingt zumindest Gordon Conrad entspannter. Der Umsatz der Potsdamer sei wieder auf dem Niveau der guten Dawanda-Jahre, viele Stammkunden seien erhalten geblieben. „Es ist erstaunlich gut gelaufen“, sagt er. Für viele kleinere Händler gilt das aber nicht. Sie werden vom Etsy-Algorithmus benachteiligt. Je mehr ein Händler verkauft und je besser die Bewertungen sind, desto höher wird er gelistet. „Die Großen werden größer“, sagt auch Conrad, der in Facebook-Gruppen auch viel Unmut über die größere Plattform mitbekommen hat.

Wie viele der 70 000 Dawanda-Verkäufer tatsächlich zu Etsy gezogen sind, will der Konzern auf Nachfrage nicht mitteilen. 2018 sprach Helming von der „überwiegenden Mehrheit“ ihrer Händler. Doch in Deutschland gibt es „nur“ 43 600 Verkäufer bei Etsy – viele von ihnen waren schon vor dem Dawanda-Aus auf den Marktplätzen des US-Konzerns.

Deutschland ist der zweitwichtigste Markt für Etsy

Nicole Vanderbilt, Chefin vom internationalen Geschäft von Etsy, ist zufrieden mit der Quasi-Übernahme. „Diese Entwicklung hat unseren Marktplatz lebendiger gemacht“, sagt sie dem Tagesspiegel. Auch finanziell macht sich das Dawanda-Aus für Etsy bemerkbar, inzwischen sei Deutschland der dritttgrößte Markt für den Konzern. Berlin sei dabei „traditionell eine kreative Hochburg“, sagt Vanderbilt. Für die Managerin ein Beleg, dass das Geschäft auch abseits des amerikanischen Markts funktioniere. „Etsys internationales Geschäft hat in den vergangenen vier Jahren weiter an Bedeutung gewonnen. Wir sind extrem begeistert von dieser Dynamik.“

Einer der Profiteure dieser Entwicklung ist Thomas Hebeling. Der 35-jährige Tischlermeister und Innenarchitekt aus Nordrhein-Westfalen hat sich auf Designer-Gartendeko spezialisiert. „Durch Etsy habe ich ganz neue Kunden bekommen“, sagt er. Dawanda sei mehr für Hausfrauen gewesen, jetzt liefere er in die USA, Europa und auch für Filmproduktionen. Vor allem seine Eisenfackeln sind gefragt. Sein Umsatz sei durch den Wechsel enorm gestiegen. „Dabei nimmt Etsy schon ordentlich was für die Vermittlung“, sagt Hebeling, ohne Zahlen zu nennen. Die Kritik an dem Unternehmen kann er teilweise verstehen. „Natürlich ist Etsy ein Monopolist.“ Doch für Hebeling überwiegen die Vorteile. Die Kundschaft sei internationaler und designaffiner. Für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio hat er bereits seine Eisenfackeln verkauft. Hebeling will sie vor Ort ansehen. „Da ist man ja schon auch mal stolz.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!