Elektromobilität : Der Minister und die Batteriezelle

Peter Altmaier bemüht sich um ein Industriekonsortium, das hierzulande Zellen baut – angeblich mit Varta und Ford. Terra E dagegen wird abgewickelt.

Einsatz für die Lausitz. Peter Altmaier und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchen das Braunkohlekraftwerk Boxberg.
Einsatz für die Lausitz. Peter Altmaier und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchen das Braunkohlekraftwerk...Foto: dpa

Über Peter Altmaier erzählt man sich merkwürdige Dinge. Dem Energiekonzern RWE habe der Wirtschaftsminister viel Geld für eine Batteriezellenfabrik versprochen, wenn RWE im Gegenzug schneller als bislang geplant aus der Braunkohleförderung aussteigt und natürlich auch den Hambacher Forst unbeschädigt lässt, heißt es im Umfeld der Kohlekommission der Bundesregierung. Das Gremium soll bis Mitte Dezember einen Ausstiegsfahrplan entwerfen und dabei die besondere Situation der Lausitz berücksichtigen. Dort wiederum will Altmaier auch eine Milliarde Euro an staatlicher Anschubfinanzierung für eine Zellenfertigung zur Verfügung stellen. Allein: Wer betreibt die Anlage?

Die Batterie ist das wertvollste Teil im E-Auto

Das Thema Batteriezelle aus deutscher Hand beschäftigt die Bundesregierung seit Jahren. Um die Wertschöpfungskette im elektromobilen Zeitalter in der deutschen Autoindustrie geschlossen zu halten, will die Politik unbedingt eine Zellenfertigung hierzulande. Die Batterie macht gut ein Drittel der Wertschöpfung im Stromauto aus, und im Kern der Batterie steckt wiederum die Batteriezelle. Mehr als eine halbe Milliarde Euro sind in den vergangenen zwölf Jahren an öffentlichen Mitteln in die Batterieforschung geflossen, und gerade eben erst hat das Forschungsministerium (BMBF) 16 Millionen Euro für einen neuen Kompetenzcluster Festkörperbatterien bereitgestellt. Bei dieser Technologie, die in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts die derzeit vorherrschende Lithium-Ionen-Batterie ablösen könnte, wird ein fester statt eines flüssigen Elektrolyts verwendet. „Dadurch können in der Elektromobilität deutlich höhere Reichweiten von über 500 km und schnelleres Laden im Minutenbereich bei gleichzeitig höherer Sicherheit erreicht werden“, heißt es bei BMBF.

Auch eine Forschungsfabrik ist geplant

Das ist die Zukunft. Ebenso wie die Forschungsfabrik, für die der Bund in den nächsten Jahren bis zu 600 Millionen Euro ausgeben will. Mit ungefähr 200 Personen sollen dann in der hochautomatisierten Fabrik neue Batteriezellenformate entwickelt und produziert werden. Bereits jetzt bewerben sich um die Forschungseinrichtung ein halbes Dutzend Bundesländer.

Es passiert also einiges auf der politischen und institutionellen Seite. Was immer noch fehlt, ist eine industrielle Zellenfertigung. Die Autohersteller scheuen die Milliardeninvestition und zeigen auf die Zulieferer. Bosch wiederum, der weltgrößte Lieferant der Fahrzeugindustrie, ist vor einigen Monaten aus der Zellforschung ausgestiegen. Die Stuttgarter wollten die 20 Milliarden Euro, die nach Bosch-Angaben erforderlich wären, um mit den asiatischen Zellherstellern mindestens auf Augenhöhe konkurrieren zu können, nicht investieren. Die Nummer zwei, Continental aus Hannover, will bis spätestens zur Jahresmitte 2019 entscheiden, was und wie und mit wem man in die Zellfertigung einsteigt. Naheliegend wäre der Wolfsburger Nachbar VW. Vielleicht sogar in der Lausitz. In der Region im Osten könnte ein industrieller Cluster entstehen, denn BASF konzentriert die Zellchemie am Standort Schwarzheide, und VW baut das Werk in Zwickau zum Fertigungsstandort der elektrischen I.D.-Serie um. Allein VW will 2025 so viele Elektroautos bauen, dass dafür die Kapazitäten von vier großen Zellfabriken gebraucht würden. In den USA hat VW einen dreistelligen Millionenbetrag in das Unternehmen Quantum Scape gesteckt, das an der Festkörperbatterie forscht.

CATL baut bei Erfurt

Ein Werk für die Lithium-Ionen-Batteriezellen baut der chinesische Konzern CATL 2019 in der Nähe von Erfurt. Voraussetzung dafür war ein Auftrag von BMW: Für 1,5 Milliarden Euro kaufen die Münchener in den nächsten Jahren Zellen von CATL. Ferner richtet sich BMW für rund 200 Millionen Euro ein eigenes Kompetenzzentrum ein, um zumindest die Zell-Technologie im Griff zu haben. Dagegen passiert wenig bei Daimler. Konzernchef Dieter Zetsche steckt eine gescheiterte Zellenfertigung im sächsischen Kamenz, die 2015 eingestellt worden war, in den Knochen. Im Unternehmen (und in der Politik) gibt es die Erwartung, dass nach Zetsches Renteneintritt im nächsten Mai der Nachfolger das Thema erneut anpackt und Mercedes für die Elektromobilität aufstellt.

Terra E wollte vier Milliarden investieren

Ein mit großen Plänen vor anderthalb Jahren gestartetes Konsortium ist derweil gescheitert. Rund 20 deutsche Maschinen- und Anlagenbauer, Zellverarbeiter und Chemiefirmen hatten sich vor anderthalb Jahren unter dem Namen Terra E zusammengefunden, um eine Zellfabrik zu bauen. Mit rund vier Milliarden Euro sollte bis 2028 eine Kapazität von 34 Gigawattstunden aufgebaut werden, das würde für 650 000 Elektroautos reichen. Am Ende wollte keiner der Beteiligten Geld in die Hand nehmen, Terra E löst sich jetzt auf, und die beteiligten Firmen hoffen mal wieder auf die Politik.

Am 13. November will Altmaier präsentieren

Auf Peter Altmaier. Am 13. November will der Minister ein neues Konsortium vorstellen. Diesmal mit dabei: Varta Microbattery. Das Unternehmen von der Schwäbischen Alb gehört zu den Weltmarktführern bei Hörgeräte- und Kopfhörerbatterien und will nun den Schritt zu den größten Batteriezellen für Autoakkus wagen. Dem Vernehmen nach gemeinsam mit den Kölner Ford-Werken. Beide Unternehmen wollen dazu nichts sagen. „Wir schließen jedoch eine großformatige Zellproduktion für die Zukunft nicht aus“, sagt eine Varta-Sprecherin. Immerhin.

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