Erstmals seit drei Jahren : Die deutsche Wirtschaft schrumpft

In den letzten Jahren ging es stets bergauf, im letzten Quartal sank die Wirtschaftsleistung. Droht jetzt eine Rezession?

Autos auf Halde: Wegen des neuen Abgasprüfverfahrens können derzeit viele Fahrzeuge nicht verkauft werden.
Autos auf Halde: Wegen des neuen Abgasprüfverfahrens können derzeit viele Fahrzeuge nicht verkauft werden.Foto: Paolo Whitaker/Reuters

Am Tag der Hiobsbotschaft bemühen sich alle um Schadensbegrenzung. „Der Aufschwung wurde im dritten Quartal nur unterbrochen“, ließ Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Mittwoch erklären. Und auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht trotz des jüngsten Rückgangs der Wirtschaftsleistung in Deutschland keinen Grund zum Konjunkturpessimismus. „Ausschläge der Zahlen nach oben und unten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Der Wirtschaftsaufschwung in Deutschland und im Euro-Raum bleibt intakt“, steht im Manuskript seiner Rede, die Weidmann am Mittwoch halten wollte. Was war geschehen?

Die Wirtschaftsleistung sinkt

Am Mittwochmorgen hatte das Statistische Bundesamt gemeldet, dass die deutsche Wirtschaft erstmals seit drei Jahren nicht mehr gewachsen, sondern geschrumpft ist. Verglichen mit dem Vorquartal sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,2 Prozent. Einen Rückgang der Wirtschaftsleistung hatte es in Deutschland zuletzt im ersten Vierteljahr 2015 gegeben. Danach war es nur noch in eine Richtung gegangen: bergauf. Die schlechten Zahlen aus Deutschland machten sich auch in der Euro-Zone bemerkbar. Verglichen mit dem zweiten Vierteljahr legte die Euro-Zone im dritten Quartal nur noch um 0,2 Prozent zu, das war das langsamste Wachstum in den vergangenen vier Jahren.

Grafik: Rita Böttcher

Warnungen nehmen zu

Ökonomen und Wirtschaftsverbände warnen schon seit längerem davor, dass die goldenen Jahre zu Ende gehen könnten. „In Deutschland sind wir jetzt im neunten Jahr des Aufschwungs“, hatte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, kürzlich im Tagesspiegel-Interview gesagt. „Es ist klar, dass dieser Zyklus eines Tages vorbei sein wird.“ Fragt sich nur wann. Sollte auch das Jahresendquartal schrumpfende Zahlen bringen, wäre die Rezession da. Doch damit rechnet derzeit niemand. Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, dass das vierte Quartal wieder Wachstum bringen wird. Und auch die Wirtschaftsweisen rechnen für dieses Jahr unterm Strich mit einem Plus von 1,6 Prozent.

Probleme in der Autoindustrie

Dass die Konjunktur im vergangenen Vierteljahr geschwächelt hat, liegt nämlich vor allem an einem vorübergehenden Phänomen, dem Problem der Autoindustrie mit dem neuen Abgas-Prüfstandard WLTP. Dieser soll Autoabgase realistischer messen und Manipulationen vermeiden. Weil aber nicht alle Automodelle rechtzeitig eine Genehmigung für eine Neuzulassung bekommen haben, mussten Hersteller die Produktion herunterfahren. Die Schwierigkeiten der Autobauer schlagen auf den Privatkonsum durch, der in den vergangenen Jahren als Stütze der Konjunktur gilt. Verbraucher im In- und Ausland warteten mit ihren Autokäufen ab. Der Zulassungsstau werde sich aber auflösen, zeigt sich das Bundeswirtschaftsministerium optimistisch. Und auch beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht man die Autoindustrie nur „vorübergehend gebremst“. „Die konjunkturelle Lage wirkt auf den ersten Blick schlechter als sie ist“, meint Konjunkturchef Simon Junker.

Exporte sind in Gefahr

Doch auch wenn für Alarmismus kein Grund besteht, Risiken gibt es dennoch. Denn vor allem die starke deutsche Exportindustrie schwächelt. Nach vorläufigen Berechnungen gab es im Sommer weniger Ausfuhren und mehr Importe als im zweiten Quartal dieses Jahres. Die Nachfrage aus China sinkt, der Handelsstreit mit den USA verschärft sich. Der BDI warnte am Mittwoch, dass die deutschen Ausfuhren in diesem Jahr nur noch um drei Prozent zulegen dürften. Im vergangenen Jahr waren es 4,6 Prozent gewesen. Während Deutschlands Exporte schwächer wachsen, ziehen die asiatischen Schwellenländer und die USA kräftig an.

USA drohen mit neuen Strafzöllen

US-Präsident Donald Trump verliert die Geduld mit den Europäern. US-Strafzölle auf europäische Autos hatte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Sommer abwenden können mit dem Versprechen, Handelsbarrieren zwischen der EU und den USA abzubauen. Doch die Verhandlungen sind ins Stocken geraten, Trump droht nun erneut mit Sanktionen gegen Europas Autohersteller.

EU droht mit Vergeltung

]Die Fronten verhärten sich. Am Mittwochnachmittag traf sich EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström in Washington mit dem US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gab sich die Schwedin vor ihrer Reise kämpferisch und drohte mit Vergeltungsmaßnahmen für den Fall, dass die amerikanischen Strafzölle kommen. „Dann schlagen wir zurück“, so Malmström. Auf der Liste mit Gegenmaßnahmen könnten Produkte wie zum Beispiel Autos, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Maschinen stehen.

Auch Banken bergen Risiken

Weitere Gefahr: die Banken. Die gestiegenen Risiken für die Konjunktur könnten „Verwundbarkeiten“ im Finanzsystem aufzeigen, schreibt die Bundesbank in ihrem neuen Finanzstabilitätsbericht. Zwar hätten die Banken in den letzten Jahren Kapitalpuffer aufgebaut, diese reichen aber vielleicht nicht, wenn bei einem Abschwung Kreditausfälle, Zinsänderungen und Neubewertungen von Vermögenspositionen zusammen kommen. Wegen der gut laufenden Wirtschaft und den wenigen Insolvenzen mussten die Kreditinstitute bislang wenig Risikovorsorge bei der Kreditvergabe betreiben. Läuft die Konjunktur schwächer und nehmen Pleiten zu, bräuchten die Banken mehr Eigenkapital und könnten weniger Kredit vergeben. mit rtr/AFP

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