Gärtnereien und Blumenhandel : „Wir schmeißen unser Kapital weg“

Die Gartenbau-Branche ist von der Coronakrise besonders schwer betroffen – sie muss einen Großteil ihrer Produkte vernichten. Finanzhilfen greifen bislang kaum.

Katharina Horban
Hängende Köpfe. In der Coronakrise findet ein Großteil der Blumen keine Käufer.
Hängende Köpfe. In der Coronakrise findet ein Großteil der Blumen keine Käufer.Paul Childs/Reuters

Die vergangene Woche war für Josef Janhsen schlimm. Fast 80 Prozent des Wochenumsatzes fehlten dem Blumenzüchter. „Sobald Kunden sehen, dass zwei oder drei Fahrzeuge auf dem Hof stehen, drehen sie wieder um. Die haben schlichtweg Angst“, sagt er. Seine Gärtnerei in Kleve in Nordrhein-Westfalen pflanzt Orchideen und Anthurien an und kauft für Eventfloristik aller Art Schnittblumen vor allem aus den Niederlanden an.

Der Betrieb, acht Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt, lebt vom Verkauf an die Endverbraucher – und die bleiben aufgrund der Corona-Pandemie nun aus. Über Veranstaltungen, die die Gärtnerei normalerweise beliefert, sagt Janhsen: „Das ist jetzt alles platt, da geht nichts mehr.“

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Eigentlich ist die Zeit rund um Ostern und den Muttertag Hauptsaison. Wenn da nicht das Coronavirus wäre. Unter den Folgen der Pandemie leiden derzeit Gärtner in ganz Deutschland, da der Markt für ihre Pflanzen immer mehr wegbricht – und sie ihre Frischware jetzt verkaufen oder eben entsorgen müssen.

Besonders schwer trifft es das Gartenbauland Nordrhein-Westfalen, das auch Deutschlands größte Konzentration an Zierpflanzenbaubetrieben aufweist: Rund 1800 Zierpflanzenbaubetriebe erwirtschaften laut Landesverband Gartenbau Nordrhein-Westfalen jährlich einen Umsatz von 583 Millionen Euro, was zirka 39 Prozent des Wertes auf Bundesebene ausmacht.

Das Geld für den Einkauf fehlt

„Die Saison ist im Prinzip jetzt gelaufen, nun müssen wir schnell Platz schaffen für das, was danach kommt – sonst haben wir ein ganzes Jahr verloren“, sagt Eva Kähler-Theuerkauf. Die Präsidentin des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen betont, dass für viele Gärtner die Wochen zwischen März und Mai die Hauptumsatzwochen seien. Diesen Umsatz bräuchten die Betriebe, um neu einzukaufen. Allein dort wird der Umsatzverlust bis Juni auf 200 Millionen Euro geschätzt.

Auf Bundesebene sei das Problembewusstsein dafür da, wie eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums mitteilt: Bundesministerin Julia Klöckner habe sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass der Gartenbau in die Soforthilfemaßnahmen der Bundesregierung mit einem Umfang von 50 Milliarden Euro miteinbezogen ist. Das gilt für Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigten. Daneben gelten die Soforthilfen für kleine Unternehmen, Freiberufler und Solo-Selbstständige. Die Umsetzung und Auszahlung der Mittel erfolgt über die Länder.

Zudem ist bereits jetzt ein erweitertes Liquiditätssicherungsprogramm der Landwirtschaftlichen Rentenbank für alle Gartenbaubetriebe geöffnet. Da die Kreditvergabe über die Hausbanken erfolgt, können sich betroffene Betriebe mit ihren Hausbanken in Verbindung setzen und die erforderlichen Liquiditätspläne erarbeiten.

Mit dem Nachtragshaushalt des Bundes wurde außerdem für die Landwirtschaft und den Gartenbau ein Bürgschaftsprogramm beschlossen, das den Hausbanken einen Großteil ihres Risikos bei der Kreditvergabe abnehmen wird. Die konkreten Förderrichtlinien dieses Bürgschaftsprogramms befänden sich noch in der Endabstimmung, heißt es von Seiten des Ministeriums.

Banken verlangen hohe Zinsen

Der angebotene Liquiditätskredit über die Rentenbank setze ein gutes Rating voraus, teilt der Landesverband Gartenbau Nordrhein-Westfalen: „Wir haben aber von Betrieben gehört, dass Banken sie durch den jetzigen Umsatzausfall schlechter raten. Und somit müssen sie höhere Zinsen zahlen, was aber nicht zu stemmen ist.“ Dies helfe nicht weiter. Diejenigen, die weitermachen wollen, bekämen frühestens in der zweiten Aprilhälfte den Kredit von den Banken ausbezahlt. Für die meisten sei das zu spät, um nicht zahlungsunfähig zu werden. Kähler-Theuerkauf klagt: „Und jetzt müssen viele noch mal Geld in die Hand nehmen, um die eigene Produktion wegzuwerfen.“

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Das sieht auch der Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels: Gerade zur Hauptabsatzsaison stünden so viele Produkte zur Verfügung, dass das Angebot die Nachfrage bei weitem überschreite. „Die Pflanzen landen in den Betrieben oft direkt vom Kulturtisch im Müll“, sagt Vorstandsvorsitzender Norbert Engler. „Ein Großteil der Frühjahrsproduktion ist nicht abzusetzen und es lässt sich nicht vermeiden, dass uns die Bilder von vernichteter Ware wohl noch eine Weile begleiten werden.“

Es geht um Ware für rund drei bis vier Milliarden Euro, die normalerweise zu dieser Jahreszeit verkauft wird. Da sich nicht vorhersagen lasse, wie sich die Situation weiterentwickelt, bestehe auch für die Sommerproduktion keine Absatzsicherheit. „Die grüne Branche ist durch den Ausfall der Hauptsaison für Pflanzen empfindlich getroffen.“ Gerade auch deswegen appelliert er an die Verbraucher: „Auf keinen Fall sollte man auf den Kauf von Blumen und Pflanzen verzichten, sie sind gerade jetzt wichtig für das eigene Wohlbefinden und für den Erhalt der grünen Branche.“

Kurz vor der Zahlungsunfähigkeit

Für den Erhalt seiner Gärtnerei kämpft Thomas Viehweg aus Issum: Auf vier Hektar Gewächshaus- und zehn Hektar Freilandfläche produziert er vier Millionen Pflanzen pro Jahr – die an den Großhandel gehen. Dann kam dem 49-Jährigen Corona dazwischen. „In den letzten drei Wochen sind die Verkäufe um 85 Prozent zurückgegangen. Das ist dramatisch, weil im Frühlingsgeschäft das Geld für den Rest des Jahres verdient wird.“

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Es gab Phasen, in denen er kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand – bislang hat er nur 25.000 Euro Soforthilfe vom Land erhalten. Ein Kredit, der für die Finanzierung einer neuen Maschine gedacht war, dient Viehweg nun als Liquiditätsüberbrückung. Er sagt: „Wenn ein Autohändler keine Autos verkaufen darf, hat er einen Umsatzverlust, muss seine Autos aber nicht wegwerfen.“ In seiner Branche aber sei das der Fall. „Wir schmeißen unser Kapital weg“, sagt Viehweg. „Das tut doppelt weh, wenn man die Pflanzen, an denen man ein Jahr gearbeitet hat, entsorgen muss.“

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