Hifi-Messe High End : Verbeugung vor dem arabischen Geschmack

Auf der internationalen Hifi-Messe High End in München spielt nicht nur der Klang eine Rolle. Der Retro-Trend verhilft sogar dem Tonband zum Comeback.

Jens Tartler
Eine Erkenntnis der Messe in München: Die Tonbänder kommen zurück.
Eine Erkenntnis der Messe in München: Die Tonbänder kommen zurück.Foto: promo

Eigentlich sieht das Publikum auf der Messe High End aus wie auf einem Gewerkschaftskongress: fast nur Männer, hauptsächlich zwischen 40 und 60. Frauen haben im Wesentlichen die Aufgabe, den Liebhabern erlesener Hifi-Anlagen Wasser zu reichen – oder sogar Whisky, wie beim schottischen Hersteller Linn.

Martina Schöner bricht dieses Klischee. Sie stellt auf der Profi- und Publikumsmesse, die am Sonntag in München zu Ende gegangen ist, den vielleicht besten Plattenspieler der Welt vor, den sie selbst baut. „Weil hier so viele einsame Frauenstimmen zu hören sind, lass’ ich einen Mann mitsingen“, sagt sie lachend und legt eine LP von Tom Waits auf. Der Klang ist tatsächlich überragend, aber das schwergewichtige Gerät kostet ja auch schlanke 85.000 Euro. Bevor Schöner sich selbstständig gemacht hat, arbeitete sie mehr als 20 Jahre bei den Traditionsherstellern Thorens und Garrard.

Weiße Geräte mit goldenen Knöpfen

Schwere, extrem teure Hifi-Geräte gibt es tatsächlich reichlich auf der Messe, die jedes Jahr mehr als 20.000 Menschen und 500 Aussteller aus mehr als 60 Ländern anzieht. Zurückhaltung ist nicht die Sache der High-End-Branche: Lautsprecherkabel sind unterarmdick, Plattenteller und Verstärkergehäuse aus kiloweise Metall gegossen. Und bei einigen Herstellern ist die Verbeugung vor dem arabischen, russischen und chinesischen Geschmack nicht zu übersehen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Hersteller MBL, der am Kurfürstendamm sitzt und in Eberswalde produziert. Er bietet seine gigantischen Geräte auch in weiß mit goldenen Knöpfen und Zierleisten an. Seine Anlage der Noble Line verlangt mit 135.000 Euro eine gewisse Solvenz.

Wer sich durch die unzähligen Vorführräume der Messe durchhört, ist immer wieder erstaunt, wie häufig Preis und konstruktiver Aufwand in einem sehr ungünstigen Verhältnis zum Klang stehen. Da werden Bässe völlig unnatürlich aufgepumpt, Höhen knallen unangenehm ins Ohr, einige Aussteller versuchen, Schwächen ihrer Anlagen durch Lautstärke zu überspielen. „Lästig“ und „effektheischend“ sind Vokabeln, die man von Fachbesuchern immer wieder hört – natürlich erst, wenn sie den Hörraum verlassen haben und frei sprechen können.

Komplette Anlagen auch für 5000 Euro

Natürlich gibt es auch Hersteller, die dem audiophilen Anspruch gerecht werden. Die neuen Lautsprecher Sasha DAW aus dem Unternehmen des legendären US-Konstrukteurs David A. Wilson, der im vergangenen Jahr gestorben ist, klingen atemberaubend. Auch die britischen Boxen von Living Voice in Kombination mit den japanischen Verstärkern von Kondo können überzeugen. Dafür muss man zwar auch mehr als 20.000 Euro einplanen, aber im Umfeld dieser Messe ist das noch akzeptabel.

Weil die deutsche High-End-Society die Kritik kennt, ihre Branche sei abgehoben, hat sie eine neue Initiative gestartet: Anbieter sollen komplette Anlage bis zu 5000 Euro zusammenstellen. Wie überzeugend das klingen kann, zeigt eine Kombination aus kleinen Lautsprechern von Dynaudio mit einem Subwoofer des Spezialisten Velodyne und einem Digital-Analog-Wandler, der Musiksignale an zwei Endverstärker schickt. Einzeln gekaufte Dateien und Streaming sind natürlich auch in München ein Thema. Anbieter wie Highresaudio aus Berlin liefern CD- oder sogar Studioqualität – also mehr als Spotify oder Apple. Im Herbst wolle auch Amazon Music auf Highres-Niveau antreten, heißt es.

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Die andere Strömung in der Branche ist Retro. Plattenspieler aller Preislagen stehen in München ohnehin. Aber jetzt kommen auch Tonbänder zurück: Thorens hat ein neues Gerät, und Ballfinger spezialisiert sich sogar auf diese Technik. An mehreren Ständen ist zu hören, das Tonband sei als Quelle unschlagbar, weil es eine direkte Kopie vom Masterband der Originalaufnahme sei. Allerdings kosten die Bänder zwischen 100 und 500 Euro – ein teures Hobby.

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