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Hohe Nachfrage nach Edelmetall : Anleger hamstern Gold

Privatleute kaufen derzeit so viele Barren und Münzen, dass Händler Lieferschwierigkeiten bekommen. Warum der Goldpreis trotzdem fällt.

Anders als Aktien können Anleger Gold jetzt in der Regel noch mit Gewinn verkaufen.
Anders als Aktien können Anleger Gold jetzt in der Regel noch mit Gewinn verkaufen.Foto: imago/blickwinkel

Auch Anleger hamstern derzeit: und zwar Gold. Bei vielen Händlern sind Barren und Münzen größtenteils ausverkauft. Im Onlineshop des Händlers Degussa bekommt man derzeit weder einen ein Gramm leichten Barren noch einen 500 Gramm schweren. Einzig Goldbarren mit einem Gewicht von einem Kilogramm waren am Freitag bei Degussa noch zu haben. Dafür zahlt man dann aber fast 50.000 Euro. Klassische Münzen wie der Krügerrand in Gold waren ebenfalls in fast allen Varianten ausverkauft. „Derzeit haben wir eine große Zahl von Bestellungen“, schreibt der Händler. Man arbeite mit Hochdruck daran, jeden Auftrag „schnellstmöglich zu bearbeiten“. Die Bestände würden sukzessive aufgefüllt.

 Bei anderen Händlern sieht die Lage ähnlich aus. Bei Pro Aurum sind viele Barren zwar theoretisch noch zu bekommen, das Unternehmen hat derzeit allerdings Probleme mit der Auslieferung: Der Wertlogistiker Prosegur, der für Pro Aurum bislang Edelmetall ab einem Wert von 25.000 Euro ausgeliefert hat, fährt vorerst keine Privatkunden mehr an.

 Pro Aurum hat deshalb entschieden, seinen Onlineshop von Montag bis Mittwoch zu schließen. Das soll wohl auch helfen, den bereits aufgelaufenen Kaufaufträgen Herr zu werden. Der Händler berichtet von einer „wahren Flut von Aufträgen“. 5000 Kaufordern seien derzeit noch in der Pipeline, die nun nach und nach abgearbeitet werden sollen. Einem Sprecher zufolge war selbst zu Zeiten der Eurokrise die Nachfrage von Privatleuten nach Gold nicht so groß wie derzeit. Dabei haben Anleger auch damals verstärkt Gold gekauft. Schließlich gilt es als Krisenwährung, als sicherer Hafen.

Vor einem Monat stand der Goldpreis noch acht Prozent höher

Das Paradoxe an der jetzigen Situation ist allerdings: Obwohl Privatleute gerade enorm viel Gold kaufen, ist der Preis zuletzt gefallen. Am Freitag hat er sich zwar wieder leicht erholt, liegt aber immer noch fast zehn Prozent tiefer als vor einem Monat. Der Grund: Der Goldpreis hängt vom Weltmarkt ab und damit vor allem von den Großinvestoren. Und anders als Privatleute haben die sich zuletzt eher von Gold getrennt.

Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege bei der Commerzbank, erklärt das so: „Institutionelle Anleger versuchen derzeit, möglichst viel zu verkaufen. Neben Aktien trifft das auch Gold.“ Zumal sie das Edelmetall, je nachdem, wann sie es erworben haben, jetzt durchaus noch mit Gewinn loswerden – was bei vielen Aktien nicht der Fall ist. Gleichzeitig brauchen manche Profianleger derzeit auch schlicht Geld, weil Broker verlangen, dass sie angesichts der fallenden Aktienkurse zusätzliche Sicherheiten hinterlegen. Das ist vor allem bei Geschäften der Fall, die die Anleger auf Kredit abgewickelt haben. Den Aufruf, Geld nachzuschießen, nennt man in der Fachsprache auch „Margin Call“. Aus der Schweiz heißt es, dass neben Gold aus diesem Grund inzwischen auch vermehrt Kunstwerke zum Verkauf angeboten werden.

Fallen lässt den Goldpreis außerdem auch die sinkende Nachfrage nach Gold für die Schmuckindustrie. Vor allem in China, einem der größten Absatzmärkte für Schmuck, kaufen die Menschen derzeit kaum noch Goldketten oder -ringe.

Trennen sich auch Notenanken vom Gold?

Unklar ist derweil, ob auch die Notenbanken den Goldpreis nach unten bewegen. Denn auch sie besitzen hohe Goldreserven als Sicherheit. Ob sie die nun zum Teil verkaufen, ist aber nicht bekannt. „Gezwungen sind sie dazu derzeit noch nicht“, meint Schickentanz. „Es könnte aber sein, dass auch die Notenbanken Gewinne mitnehmen wollen.“ Wie Anleger profitieren auch die Notenbanken, wenn sie Gold teurer verkaufen können, als sie einst dafür ausgegeben haben.

Der Krügerrand ist eine begehrte Anlegermünze - aber derzeit zum Teil schwer zu bekommen.
Der Krügerrand ist eine begehrte Anlegermünze - aber derzeit zum Teil schwer zu bekommen.Foto: Thilo Rückeis

Gold hingegen derzeit zu kaufen, wie es viele Privatanleger tun, ist ein Risiko. Denn Anleger verdienen an dem Edelmetall nur, wenn sein Preis steigt. Dass die Coronakrise Gold langfristig teurer macht, ist aber längst nicht gesagt. Zumindest hat sich Gold in den letzten Wochen bislang nicht als Krisenwährung bewährt – sonst wäre der Preis schon jetzt kräftig gestiegen und nicht gefallen. Grundsätzlich warnen Verbraucherschützer davor, nicht mehr als zehn Prozent des Vermögens in Gold zu investieren.

Die geschlossenen Grenzen werden zum Problem

Privatanleger schreckt das aber aktuell nicht ab, sie kaufen weiter. Dass die Händler ihre Nachfrage derzeit nur schwer bedienen können, hat auch mit den Grenzschließungen zu tun. Die großen Barrenhersteller wie Argor Heraeus sitzen im Tessin, in der Schweiz. Viele ihrer Mitarbeiter wiederum kommen aus Italien, pendeln normalerweise über die Grenze. Berichten zufolge sollen manche von ihnen bereits in Hotels einquartiert worden sein, um die Produktion am Laufen halten zu können.

Gleichzeitig stehen die Transporter, die das Gold nach Deutschland bringen, wie andere Lieferanten auch an den Grenzen im Stau. Das Gold alternativ aus den USA oder Kanada zu holen, ist aber keine Alternative: Die Preise für Interkontinentalflüge für Fracht hätten stark zugenommen, heißt es bei Pro Aurum. Der Händler stellt sich deshalb auf weitere Unsicherheiten ein. „Unter Umständen erreicht uns Ware nicht mehr, die wir bereits vor mehreren Tagen gekauft und bezahlt haben“, sagt ein Sprecher.

Anleger zahlen sehr viel mehr als den Materialwert

Auch für Anleger ist das ein Risiko. Die Händler gehen davon aus, dass die Aufgelder fürs Gold weiter steigen werden. Das heißt: Wer jetzt einen Barren kauft, zahlt dafür mehr, als das Gold an sich gerade wert ist. Ein gewisses Aufgeld ist zwar normal, in Krisenzeiten aber fällt es besonders hoch aus. Nach der Finanzkrise zum Beispiel mussten Anleger für eine Krügerrand-Münze zeitweise ein Aufgeld von 13 Prozent zahlen.

Was den Kauf ebenfalls erschwert: Wie andere stationäre Geschäfte mussten auch die meisten Goldhändler ihre Filialen inzwischen schließen. Umso mehr wird online verkauft. Bei Pro Aurum etwa ist der Webshop zuletzt zehn Mal häufiger besucht als sonst. Nun ist auch der aufgrund der Lieferprobleme geschlossen. Am Donnerstag soll er wieder öffnen – aber auch dann nur mit einer „stark eingeschränkten Produktauswahl“.

 

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