Immer weniger Flüge : Europäischer Flugverkehr bricht dramatisch ein

An den Flughäfen Europas fallen derzeit zehntausende Flüge aus. Das schadet den Airlines. Für das Klima ist es gut.

Flugzeuge stehen am Frankfurter Flughafen am Boden. Wegen des Coronavirus brechen die Passagierzahlen an allen deutschen Flughäfen ein. 
Flugzeuge stehen am Frankfurter Flughafen am Boden. Wegen des Coronavirus brechen die Passagierzahlen an allen deutschen Flughäfen...Foto: picture alliance/Arne Dedert/dpa

Immerhin soll der BER wie geplant am 31. Oktober eröffnen. So will es zumindest Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Berlins Flughafen mit dem geringsten CO2-Ausstoß kann auch das Virus nichts anhaben. Bei den anderen beiden Berliner Flughäfen sieht die Lage nicht so gut aus. Denn sowohl von Tegel als auch von Schönefeld sind in den vergangenen Tagen immer weniger Menschen geflogen – zum Teil nur noch halb so viele Fluggäste wie zuvor.  

Es wird ruhig am Himmel 

Weniger Passagiere bedeutet weniger Flugzeuge. In den vergangenen Tagen ist es ruhiger geworden am europäischen Himmel. Die Deutsche Flugsicherung registrierte dieser Tage im deutschen Luftraum rund 35 bis 40 Prozent weniger Flüge. Das Coronavirus scheint zu schaffen, was Klimaschützer sich wünschen: Der Flugverkehr wird drastisch reduziert.  

[Die Covid-19-Deutschlandkarte: Sehen Sie hier alle Coronavirus-Infektionen nach Landkreisen und Bundesländern]

Es werden bald sogar noch weit mehr Flüge ausfallen. Von bis zu 80 Prozent weniger Flugverkehr geht die Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Eurocontrol) anscheinend aus. Sie wollte diese aber zunächst nicht bestätigen. Ein Blick auf die Daten des Europäischen Luftraums zeigt: Schon in der vergangenen Woche zeichnet sich diese Entwicklung ab. Am Mittwoch gab es dann 79 Prozent weniger Flüge als im Vorjahreszeitraum. 

Alle Flughäfen in Europa sind von Ausfällen betroffen – am gravierendsten in Italien. Am 22. März meldete Eurocontrol auf den größten Flughäfen im Land Rom Fiumicino und Mailand Malpensa 87 Prozent sowie 86 Prozent weniger Flüge. In London sind gleich drei Flughäfen betroffen. 

Die Schweiz ist mit 26 gemeldeten Infizierten pro 100.000 Einwohnern nach Italien derzeit europaweit am stärksten betroffen. Auch hier ist das am Flughafen Zürich, dem größten des Landes, zu spüren. 78 Prozent weniger Flüge haben am Montag dort im Vergleich zu 2019 stattgefunden.  

Vor allem München und Frankfurt betroffen 

In Deutschland trifft es vor allem die großen Flughäfen. In Frankfurt gab es 68 Prozent weniger Flugbewegungen, in München 76 Prozent. 

Dass die Zahl der Flüge nicht schon viel früher gesunken ist, hat mit einer absurden Regel zu tun. Denn in den letzten Wochen flogen Zahlreiche Flugzeuge leer durch Europa. Damit die Fluggesellschaften Flüge streichen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, musste zunächst die Europäische Union reagieren. Denn eine EU-Regelung sieht vor, Airlines die ihr zugewiesenen Zeitfenster an einem Flughafen zum Starten und Landen verliert, wenn sie nicht mindestens 80 Prozent der ihr zugeteilten Start- und Lande-Slots nutzt.  

“Use-it-or-lose-it" 

Die sogenannte Use-it-or-lose-it-Regel hat ursprünglich den Zweck, dass Airlines sich nicht einfach Start- und Landeplätze an gefragten Flughäfen sichern, diese aber dann nicht nutzen. Werden diese Zeitnischen nicht ausreichend genutzt, werden sie von einem unabhängigen Koordinator neu vergeben.  

[Das Virus in Echtzeit: Hier finden Sie die wichtigsten Zahlen zu Ansteckungen mit dem neuen Coronavirus in Deutschland und weltweit.]

Nun will die EU-Kommission diese Regel vorübergehend aussetzen. Zuvor hatten einige Airlines wie die britische Virgin Atlantic gemeldet, dass sie Leerflüge stattfinden lassen würden. In der Vergangenheit war es bereits in einigen Fällen zum Aussetzen der 80-20-Regelung gekommen, etwa nach dem 9. September oder der SARS-Pandemie im Jahr 2002 und 2003. Das EU-Parlament muss dem Vorschlag der EU-Kommission Ende März noch zustimmen. Der Vorschlag gilt aber als unstrittig, so das Fluggesellschaften damit planen können.  

Nur 100.000 Passagiere pro Tag 

Für die Fluggesellschaften ist SARS-CoV-2 eine Katastrophe. Allein im Januar 2020 starteten und landeten an deutschen Flughäfen 15,5 Millionen Passagiere – etwa 500.000 pro Tag. Sollten angesichts der Reisebeschränkungen und Einreiseverbote 80 Prozent weniger Flüge stattfinden und somit auch 80 Prozent der Passagiere fernbleiben, so gäbe es an Deutschlands Flughäfen nur noch 100.000 Passagiere pro Tag.  

Die Lufthansa, Deutschlands größte Fluggesellschaft, reagierte bereits mit einer drastischen Reduzierung ihres Flugplans. Während die zur Lufthansa gehörende Austrian Airlines komplett eingestellt wird, streicht der Mutterkonzern 90 Prozent seiner Sitzplatzkapazitäten bei Langstreckenflügen zusammen. Auf Kurzstrecken wird um 80 Prozent reduziert. 

Zeitgewinn im Kampf gegen den Klimawandel 

Wie viele Flüge europaweit in den kommenden Wochen tatsächlich gestrichen werden, ist schwer abzuschätzen. Sollten die Prognosen stimmen, könnten pro Tag rund 20.000 Flugzeuge weniger am Himmel über Europa zu sehen sein. Und das hat Folgen für den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß.  

Im Jahr 2017 verursachten die Abflüge von Maschinen in den EU-Ländern sowie in jenen Staaten, die Teil des Freihandelsabkommens sind (EFTA), 163 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß. So steht es im Europäischen Luftfahrt-Umweltbericht der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) und der Europäischen Umweltagentur (EEA). Pro Monat waren das 13,5 Millionen Tonnen.

Sollten nun tatsächlich 80 Prozent dieser Flugbewegungen nicht stattfinden, so könnten allein in einem Monat 10,9 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart werden. Das entspricht ungefähr dem jährlichen CO2-Ausstoß von Namibia in einem Jahr. Und das ist nur der europäische Luftraum. 

Das Coronavirus zeigt, das geht, was viele Klimaschützer fordern. Wenn viele Menschen auf das Fliegen verzichten, fliegen auch weniger Flugzeuge. Sollte sich der Individualverkehr auf dem Boden ähnlich entwickeln, könnten die CO2-Einsparungen einen wertvollen Zeitgewinn im Kampf gegen den Klimawandel bedeuten. Denn auch der ist ein globales Problem. 

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar