Die meterdicken Wände sind der thermische Speicher

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Alternatives Bauen : Das Abfallprodukt
Daniel Hautmann
Grafik: Tagesspiegel/Florian Bartel

Zentrales Element eines Earthships sind Altreifen, wie es sie auf der ganzen Welt gibt. 900 Stück stapeln die Helfer übereinander und füllen sie mit Erde, die sie feststampfen und den Häusern so regelrecht Energie einprügeln – im übertragenen Sinne: Die meterdicken Wände sind der thermische Speicher. Die Gebäude sind nach Süden ausgerichtet, die Sonne wärmt den Speicher. Ist es kalt, gibt er seine Energie ab.

„Das hier ist kein Plusenergiehaus. Hier geht es um eine ganz andere Philosophie. Nämlich darum, erst gar keine zu verbrauchen“, sagt Architekt Ralf Müller, der gleichzeitig Bauleiter und Entwurfsverfasser ist.

Das energetische Konzept geht selbst in Taos, New Mexico, auf, wo das Thermometer regelmäßig unter minus 20 Grad fällt. Hier bewohnt Reynolds sein Earthship. Trotz seiner 70 Jahre schwingt er auf der Tempelhof-Baustelle den Hammer, um für sein Projekt zu werben.

Ginge es nach ihm, dann ließe sich damit sogar unser Flüchtlingsproblem lösen – zumindest die Unterbringung. Er würde die Leute einfach mitbauen lassen und sie so integrieren. Doch das sind bislang nur Ideen.

Glasschotter statt Polystyrol

Ganz real sind die Herausforderungen auf dem Tempelhof. Normalerweise sind Earthships nicht ans Versorgungsnetz angeschlossen. Doch das geht in Deutschland nicht. Regenwasser trinken verboten! Gesundheitsamt, Umweltamt, Brandschutz – alle reden mit. Die Behörden bestanden zumindest auf Frisch- und Abwasser: „Anschlusszwang“, sagt Müller.

Zivilisationsabfälle als Baumaterial. In Tempelhof (Landkreis Schwäbisch-Hall) landet dieses „Earthship“.
Zivilisationsabfälle als Baumaterial. In Tempelhof (Landkreis Schwäbisch-Hall) landet dieses „Earthship“.Foto: Daniel Hautmann

Andere Hürden schaffen sich die Deutschen Erdschiffpiloten selbst: Mit ihrem spezifischen Umweltbewusstsein. So sieht das Originalkonzept vor, Boden, Dach und Wände mit günstigen XPS-Platten aus Polystyrol zu dämmen. Das styroporähnliche Isolationsmaterial ist aber alles andere als ökologisch wertvoll. Also nehmen die Tempelhofer dafür nun teuren Glasschotter. Der wird aus recyceltem Glas hergestellt. „Diese Konsequenz muss man sich leisten können“, sagt Müller.

"Jetzt wollen die Holz kaufen und verzögern das Projekt um Tage"

Reynolds schüttelt darüber nur den Kopf. „Ich denke logisch, nicht bio oder grün“, sagt er. Als man am Tempelhof diskutierte, ob man leere Aludosen als Füllstoff verbauen dürfe oder nicht, ging dem Cowboy der Hut hoch. 5000 Dosen lagen bereits in großen Säcken auf der Baustelle – pfandfreie Ausschussware, eine Spende. Sie werden normalerweise auf der Reifenwand per Hand und mit Mörtel aufgeschichtet und bilden eine Schalung, in die Beton gegossen wird. Später trägt dieses Fundament das Dach.

Das war zu viel für den Tempelhof. Man wollte keinen Müll einbetonieren, sondern eine ordnungsgemäße Schalung bauen. „Jetzt wollen die Holz kaufen und verzögern das Projekt um Tage“, schimpft Reynolds.

Es gab dann doch eine Einigung. Ein Teil der Dosen wird verbaut, der andere mit Abbruchmaterial aufgefüllt. Die silberfarbenen Dosenböden ragen sichtbar aus der Wand heraus, so wollte es Bauherr Huber: „Hier wird nichts versteckt.“

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