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Schimmelflecken lösen unwillkürlich Ekel aus - nicht umsonst, die Sporen können tödlich sein.

© RioPatuca Images / Fotolia

Aspergillose: Dauerkrank durch Schimmelpilz

Eine Mieterin der Gagfah ärgert sich besonders darüber, dass der Vermieter alle Verantwortung von sich wies. Rechtsnachfolgerin Vonovia sieht sich als verantwortungsvolles Unternehmen.

Der Verdacht kam Yvonne Bohm zu spät. War es ihre Wohnung, die sie krank gemacht hatte? „Gehen Sie mal auf Ursachenforschung“, hatte der Arzt gesagt, der ihr im Frühling 2014 ein Aspergillom aus der Kiefernhöhle operierte. So ein Geschwür entsteht durch Schimmelpilze. Auch die beiden Töchter von Yvonne Bohm waren damals ständig krank, berichtet die alleinerziehende Mutter: Die 13-Jährige litt unter Asthma, Augenentzündungen und Kopfschmerzen, die Vierjährige unter Erbrechen und ständigen Atemwegsinfekten.

Es war ein Schock, als Yvonne Bohm hinter die Einbauküche schaute, die sie 2008 beim Einzug in die Wohnung an der Spandauer Seeckstraße übernommen hatte: Zwei große schwarze Schimmelflecken breiteten sich auf der Wand aus.

Noch am gleichen Tag packte Yvonne Bohm ein paar Sachen und zog mit den Kindern vorübergehend zu ihrem Exmann. Ein Sachverständiger urteilte später: „Es ergab sich ein erhöhter Nachweis von Schimmelpilzen, insbesondere des Stachybotrys spp. (spp. steht für: species pluralis, also mehrere, nicht im Einzelnen zu nennende Arten, Anm. d. Red.). Dieser Pilz stellt ein deutlich erhöhtes gesundheitliches Risiko dar.“ Außerdem spürte der Gutachter „nicht unerhebliche Mengen von Aspergillus spp“ auf. Der Pilz kann die Nasennebenhöhlen, die inneren Organe und das Gehirn befallen.

Jetzt hat sie auch noch ihre Arbeit verloren

Mehr als ein Jahr ist es her, dass Yvonne Bohm die Wohnung verlassen hat. Heute kränkelt sie noch immer; erst kürzlich hatte sie wieder eine Lungenentzündung. Zum Glück erholten sich die Kinder besser. Nur die Katze hat die Schimmelwohnung nicht überlebt. Das Tier litt an unstillbarem Erbrechen und musste eingeschläfert werden.

Nach dem Umzug in eine neue Wohnung ist Yvonne Bohms Miete nun viel höher. Neue Möbel mussten her, denn die alten sollte sie nicht mitnehmen, hatte der Gutachter geraten. Zu groß sei die Gefahr, die hochtoxischen Schimmelsporen mitzuschleppen. All das hat ein tiefes Loch in Yvonnes Bohms Finanzen gerissen. „Ich bin völlig überschuldet“, sagt sie. Inzwischen hat sie auch noch ihre Arbeit als Arzthelferin in einer kleinen Praxis verloren. Ihre Chefin habe es sich nicht mehr leisten können, jemanden zu beschäftigen, der ständig ausfällt.

Bei alldem wirkt die zierliche Frau sanft und freundlich. Wütend auf ihren ehemaligen Vermieter, die Gagfah, ist sie trotzdem. „Was mich kränkt, ist deren Kaltschnäuzigkeit“, sagt Yvonne Bohm. Die Mitarbeiter der Gesellschaft hätten bei der Übergabe der Wohnung abgestritten, dass es sich bei den schwarzen Flecken an der Wand um Schimmel handelt, und demonstrativ weggeschaut, berichtet sie.

Nicht genug damit: „Wir werden ein Exempel an Ihnen statuieren“, habe die zuständige Sachbearbeiterin gesagt, weil Yvonne Bohm unter den Mietern in der kleinen Siedlung Flugblätter verteilt hatte mit der Frage: Wer hat noch Probleme mit Schimmel? „Ich habe daraufhin zahlreiche Anrufe und Mails bekommen“, sagt die Berlinerin. Die anderen Mieter hätten allerdings alle Angst, sich zu wehren.

Die Nachbarin erreichte einen Vergleich

Auch Yvonne Bohm sind die Hände gebunden. Im Mieterverein war sie nicht, als die Probleme auftraten. Einen Antrag auf Prozesskostenhilfe lehnte das Amtsgericht Spandau ab, einen Anwalt kann sie sich nicht leisten. Yvonne Bohms ehemalige Nachbarin Susanne Pöchl dagegen war in einer Rechtsschutzversicherung und klagte auf die Beseitigung des Schimmels durch die Gagfah. Mit ihr verglich sich das Unternehmen. „Ohne Anwalt wäre es für mich anders ausgegangen“, glaubt Pöchl.

„Ein Schadensersatz für die Sachen, die ich wegwerfen musste, wäre schön“, wünscht sich Yvonne Bohm. Sie glaubt, dass das Vorgehen der Gagfah Methode hat: „Die wissen um ihre Schimmelwohnungen und dass die Mieter, die darin leben, sozial und finanziell eher schwach sind.“

Die undichten Fenster im Kinderzimmer und die daraus resultierenden Schimmelflecken hat Yvonne Bohm immer sofort gemeldet. In einem Gutachten, das sie einholte, steht: „Der Zustand der Fenster, besonders im Kinderzimmer, ist desolat. Völlig marode Wasserschenkel, herausbröselnde Dichtungsmasse und dadurch extreme Undichtigkeit sind verantwortlich dafür, dass keinerlei Wärmedämmung mehr vorhanden ist. Dadurch kondensiert genau dort die Luftfeuchtigkeit, und das herablaufende Wasser ist verantwortlich für die Schimmelpilzbildung.“

"Immobilienriesen investieren nur einen bestimmten Betrag in die Instandhaltung"

Abdeckung einer Lüftung in der Fassade des Wohnblocks an der Seeckstraße in Spandau. Innen war der Abzug mit einer Einbauküche verstellt.

© Susanne Ehlerding

Was in der Wohnung wirklich schiefgelaufen ist, dazu gibt es zwei sehr verschiedene Darstellungen. In den sechs Jahren, in denen Yvonne Bohm die Wohnung in der Seeckstraße gemietet hatte, gab es drei Mängelmeldungen wegen Schwitzwassers in den Zwischenfenstern und damit verbundenem Schimmel, schreibt Vonovia-Sprecherin Bettina Benner. „Selbstverständlich haben wir daraufhin die Fenster kontrolliert und auch noch besser gang- und schließbar gemacht, Kitt ausgebessert und Gummilippen eingefräst. Bei einem Ortstermin mit der Spandauer Bauaufsicht konnten keine Baumängel festgestellt werden. Die Fenster waren in einem ordnungsgemäßen Zustand.“

Yvonne Bohm dagegen sagt: „Es war einer da und hat außen eine Masse draufgeschmiert, die erst ewig nicht trocknete und nach dem ersten Winter wieder herausbröselte. Der Zustand war dann schlimmer als davor.“ Einen Termin mit der Bauaufsicht habe sie damals abgesagt, weil sie im Krankenhaus lag – wegen der Aspergillose war auch noch eine Ohrenoperation notwendig geworden. Der Mitarbeiter der Bauaufsicht sei nie in der Wohnung gewesen.

Inzwischen wurde die Gagfah von ihrem Konkurrenten geschluckt

Gibt es also tatsächlich ein systematisches Leugnen von Schimmelproblemen bei der Gagfah/Vonovia? Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund kann das so nicht bestätigen.

Aber: „Grundsätzlich kann ich natürlich nicht ausschließen, dass es bei der Gagfah Fälle gibt, in denen die Mängelbeseitigung, zum Beispiel Schimmel, hinausgezögert und verschleppt wurde, und dass die Gagfah sich um die Mängelbeseitigung drücken wollte. Dies dürfte vor allem damit zu tun haben, dass Immobilienriesen wie die Gagfah nur bereit sind, einen bestimmten Betrag in die Instandhaltung und Instandsetzung ihrer Immobilien zu investieren, besonders in Wohnungsanlagen, in denen sich Investitionen aus Sicht der Firma nicht lohnen, weil keine größeren Mietsteigerungen realisierbar sind.“

Inzwischen wurde die Gagfah von ihrem Konkurrenten, der Deutschen Annington, geschluckt. Beide sind zum Dax-Konzern Vonovia verschmolzen. Das Unternehmen bewirtschaftet bundesweit 370.000 Wohnungen. 144.000 davon stammen aus dem Bestand der Gagfah, informiert Bettina Benner.

Die Vonovia plane 2015 erneut höhere Investitionen für Modernisierung und Instandhaltung zwischen 600 und 620 Millionen Euro, rund 31 Euro pro Quadratmeter, teilt Benner mit. „Das liegt deutlich über dem Branchendurchschnitt. Grundsätzlich gilt, dass die Vonovia ihren Mietern saubere, sichere und bezahlbare Wohnungen anbieten möchte“, sagt sie.

Vonovia will die Nummer zwei auf dem Markt übernehmen

Derweil steht die nächste Übernahme bevor: Die Vonovia will nun auch die Deutsche Wohnen übernehmen, Nummer zwei auf dem Markt mit 140 000 Wohnungen. Am 28. Oktober stimmen die Aktionäre über das Angebot ab. „Kommt es zur Übernahme, appellieren wir an Vonovia-Chef Buch, die extrem renditeorientierte Bewirtschaftungsstrategie der Deutsche Wohnen zu beenden“, teilt der Berliner Mieterverein mit.

Auf jeden Fall nützt die Konzentration auf dem Wohnungsmarkt der Vonovia: Das bei der Ankündigung des Zusammenschlusses mit der Gagfah verkündete Ziel, Synergien in Höhe von 84 Millionen Euro zu erzielen, wird deutlich übertroffen, meldete die Deutsche Annington im Sommer. Sie geht davon aus, dass die Synergieeffekte etwa durch den gemeinsamen Einkauf bis Ende 2017 auf rund 130 Millionen Euro steigen werden.

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