Kopenhagen erweitert sein Stadtgebiet: Beispiel Nordhavn : Ein sicherer Hafen für Kinder

Die Stadt am Öresund wird für Familien immer attraktiver

Bernhard Schulz
Das Quartier Nordhavn wird unter Einbeziehung von Elementen der vorhandenen Substanz bebaut.
Das Quartier Nordhavn wird unter Einbeziehung von Elementen der vorhandenen Substanz bebaut.Bernhard Schulz

Punkt neun Uhr morgens ist Camilla van Deurs am vereinbarten Treffpunkt. Aus dem Stegreif referiert sie über Kopenhagens Städtebau, dazu hat sie Statistiken und Schaubilder auf ihrem Tablet parat. Die Stadtarchitektin der dänischen Hauptstadt ist von lässiger Eleganz, bei ihr wirkt nichts aufgesetzt oder gar großsprecherisch. Sie hat ihr Metier erkennbar im Griff.

Dabei sind die Probleme, denen sich Kopenhagen gegenübersieht, durchaus nicht klein. Aber es sind gewissermaßen positive Probleme: Die Stadt wächst, an Einwohnern wie auch an bebaubarem Gebiet, und das Wachstum konzentriert sich nach den vergangenen Jahrzehnten der Suburbanisierung inzwischen auf die innenstadtnahen Gebiete.

„Acht von zehn  Neubürgern sind Kinder“, strahlt van Deurs. „Das ist eine Folge der Stadterneuerung der Stadt. Die Demografie von Kopenhagen verändert sich, das ist fantastisch – aber auch sehr teuer.“ Kindergärten und Schulen müssen gebaut werden, dazu Gemeinschaftseinrichtungen wie örtliche Bibliotheken.

Landgewinnung im offenen Meer

Wo kein Platz ist, schaffe man welchen: Kopenhagen kann es. Die Stadt setzt ihre jahrhundertealte Tradition der Landgewinnung fort. Derzeit im Fokus steht das Gebiet des Nordhafens. Es ist wie üblich gegliedert durch Hafenbecken und dazwischen liegende Kaianlagen. Statt die Hafentätigkeit mit einem Mal zu verlagern – wie in ganz Europa praktiziert –, geht Kopenhagen abschnittsweise vor. Jeweils ein einzelner Bereich, der zudem durch das Ausheben schmaler Kanäle zwischen den früheren Hafenbecken zu einer regelrechten Insel geworden ist, wird vollständig bebaut, ehe der nächste Teil des Masterplanes in Angriff genommen wird. So existieren Wohnen und Hafen für lange Zeit nebeneinander her. Nach dem Wegzug der letzten Hafenaktivitäten sollen schließlich im äußeren Bereich großflächige Aufschüttungen folgen, die das jetzige Gebiet „Innerer Nordhavn“ ins Meer hinaus verlängern. 100 Hektar Neuland sind vorgesehen, auf denen ein Teil der zu verlagernden Hafenaktivitäten Platz finden wird. Zudem sind großzügige Grünflächen geplant, die nicht nur der Naherholung dienen sollen, sondern zugleich dem Schutz gegen die immer höheren Fluten.

Die Architekten arbeiten mittendrin

Den Masterplan hat federführend das Büro Cobe mit Prinzipal Dan Stubbergaard gestaltet, das vor zehn Jahren als Sieger aus dem entsprechenden städtebaulichen Wettbewerb hervorging. Das Büro mit inzwischen 150 Mitarbeitern hat sich im Quartier Arhusgade angesiedelt, wie das nahezu fertiggestellte Kerngebiet des inneren Nordhafens nach seiner Hauptstraße genannt wird. Das ehemalige Lagerhaus bietet Platz für die in U-Form angeordneten Arbeitsplätze, während in der Gebäudemitte einzelne Boxen als akustisch, aber dank Vollverglasung nicht auch optisch abgesonderte Besprechungsräume dienen.

Der „Silo“ wurde zum Wohnhaus umfunktioniert, hier während des Umbaus...
Der „Silo“ wurde zum Wohnhaus umfunktioniert, hier während des Umbaus...Rasmus Hjortshøj/Coast

Im Eingangsbereich der Halle ist nicht etwa ein „Vorzimmer“ mit Wartezone für Besucher eingerichtet, wie das frühere Büros gleich welcher Sparte kennzeichnete. Stattdessen gibt es ein öffentliches Café, das vor allem den Bewohnern des Quartiers zur Verfügung steht. Dahinter erstreckt sich die Kantine für die Mitarbeiter. Dass die Mittagspause dennoch nur vorgeschriebene 30 Minuten dauert, mag als Hinweis gelten, dass bei aller Lässigkeit die Arbeit nicht zu kurz kommt.

Ideen bei der Wohnraumgestaltung

Und es ist ja schon einiges geschafft worden. Ein Grundgedanke des Masterplans ist die Erhaltung vorhandener Bausubstanz. Doch was findet sich in einem Hafengebiet? Hier waren es unter anderem Getreidesilos. Der größte barg 16 röhrenförmige Weizenspeicher hinter einer glatten, weder durch Fenster noch Zierrat unterbrochenen Betonfassade. Dieses Bauwerk des Industriezeitalters hat Cobe in ein Wohnhaus umgewandelt. Nur die tragende Konstruktion blieb erhalten. Aus den Fassaden wurden fenstergroße Betonsegmente herausgeschnitten und nicht etwa bloß recycelt, sondern bei Außenanlagen wiederverwendet.

Die – keiner weiß warum – unterschiedlichen Geschosshöhen der ursprünglichen Tragkonstruktion mussten naturgemäß beibehalten werden – sie führten nun zu insgesamt 42 abwechslungsreichen Wohneinheiten, teils sogar als Maisonetten ausgebildet. An das Tragwerk wurden abgeschrägte, perforierte Aluminiumsegmente angesetzt, die sowohl die Fassade bilden als auch Balkons. Oben auf den „Silo“ – so heißt das Gebäude nun offiziell – kam ein verglastes Stockwerk, das ein angesagtes In-Restaurant für das ausgehfreudige Kopenhagen beherbergt.

Büros im Silo

Ein anderer, runder Doppelsilo wurde gleichfalls entkernt. Statt der Hohlräume für Portland-Zement lagerte das dänische

Büro Design Group Architects Büroetagen um die 24 Meter hohen Betonkerne, die so an die Architektur-Avantgarde der sechziger Jahre erinnern. In einem der Türme befindet sich die Kanzlei der Deutschen Botschaft. Da trifft es sich, dass im Quartier mit seinen nach Hafenstädten benannten Straßen  die Rostock-, die Kiel- und die Sassnitzkade zu finden sind, dazu der großzügige Hamburger Platz.

...und hier nach Fertigstellung.
...und hier nach Fertigstellung.Rasmus Hjortshøj/Coast

Die zumeist von den Büros Cobe, Sleth und Sangberg entworfenen Neubauten des Quartiers entsprechen dem, was heutzutage für gut verdienende Mittelstandsfamilien mit Kindern verlangt wird: Geschosswohnbauten mit maximal fünf Etagen, abwechslungsreich verteilten Fenstern und terrassengroßen Balkonen, vorzugsweise unmittelbar am Wasser gelegen, an dessen dünengrasbepflanzten Ufern holzbeplankte Fuß- und Fahrradwege entlangführen. In einem anderen teil des Quartiers sind historische Backsteinhäuser (teil-)erhalten und durch Reihenhäuser ergänzt worden, ohne eigene Gärten, dafür mit der Ermunterung, Pflanzkübel auf den Straßenraum zu stellen und ihn so zu verwohnlichen.

Fahrradfahren - ja, aber

Die Bewohner sollen ihre Wege vorzugsweise mit dem Fahrrad zurücklegen. Immerhin beträgt der Anteil der Fahrradfahrten an der Mobilität in ganz Kopenhagen bereits 41 Prozent, wie Stadtarchitektin van Deurs berichtet. Für längere Wege wird das Nordhafen-Quartier gerade an die – hier oberirdisch geführte – Metro angeschlossen; die Station, ebenfalls von Cobe gestaltet, ist im Rohbau fertig. Autos sieht man im Nordhafen-Areal dennoch; nur parken sie nicht vor den Häusern, sondern im zentralen Multifunktionshaus, einem weiteren erhaltenen Industriebau. Im Erdgeschoss ist Platz für Ladengeschäfte. Ein Wort noch zur Versorgung. Kopenhagen will bis 2025 „CO2-neutral“ sein. Da versteht es sich, dass die Stadtentwicklungsgesellschaft, die die Entwicklung des Nordhafengebiets steuert, mit Energieversorgern kooperiert, um mittelfristig energetisch autark zu werden: Draußen im flachen Meer drehen sich Windräder, die den Elektrizitätsbedarf des Quartiers vollständig abdecken sollen.

Das Preisniveau ist hoch

Und die Immobilienpreise? Da schluckt der Besucher. Nordhavn gilt als eines der attraktivsten Wohngebiete der Stadt, für Eigentumswohnungen werden umgerechnet an die 8000 Euro je Quadratmeter bezahlt. Die Stadt versucht, dem Druck auf dem Wohnungsmarkt mit gedeckelten Mieten zu begegnen. Dafür muss bei Wohnbauprojekten mit mindestens 3200 Quadratmetern Fläche ein (bezuschusster) Pflichtanteil von 25 Prozent vorgesehen werden, für den die Stadt ein unbefristetes Belegrecht ausübt. Zudem ist für alle Neubauvorhaben ein hälftiger Anteil von Apartments bis zu 50 Quadratmetern vorgesehen, um „alleinstehende Beschäftigte in der Stadt zu halten“, wie Stadtarchitektin van Deurs erklärt.

Kopenhagen wird gern als „lebenswerteste Stadt der Welt“ vermarktet. Im Nordhavn-Quartier glaubt man diesem Werbesprech sofort. Doch die Anziehungskraft, die die Stadt ausübt – während das übrige Dänemark über Bevölkerungsrückgang klagt –, hat ihre Kehrseite. Neue Wohngebiete wie Nordhavn sind nicht einfach nur hip, sie sind dringend nötig.