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Ende Oktober 2008 wurde der Flughafen Tempelhof stillgelegt. Bereits 2007 schlug der Historiker Götz Aly vor, die vielen Tausend Quadratmeter Fläche des Zentralgebäudes (hier im Bild) zur Berliner Landes- und Zentralbibliothek umzubauen.
© Foto: : imago/Jürgen Ritter

Landeszentralbibliothek: Ein Bücherzentralflughafen? Was für Tempelhof spricht

Die Idee des Historikers Götz Alys von 2007 ist weiter aktuell. Ein Gastbeitrag

Zuerst die gute Nachricht: Das größte Gebäude Berlins, der Flughafenbau von Tempelhof, hat nach langem Dornröschenschlaf mal wieder die Politik erregt. Die schlechte Nachricht: Es war kein konstruktiver Streit, sondern doch nur kurzatmiger Wahlkampf. Eine Zentral- und Landesbibliothek im ehemaligen Zentralflughafen? Nein danke! Argumente? Der Blücherplatz sei gesetzt, und die Kosten für Tempelhof seien zu hoch. Wie wäre es, kurz mal den Reflexionsmodus einzuschalten?

Wo stehen wir heute?

Wo stehen wir heute? Für die Bewertung des Standortes der Zentralen Landesbibliothek, einer der wichtigsten öffentlichen Einrichtungen des Landes Berlin, gab es mehrere Studien, in denen seit 2008 neben dem Blücherplatz immer auch der Flughafen Tempelhof untersucht wurde - und zwar für einen Neubau auf dem Feld wie für einen Umbau des vorhandenen Flughafengebäudes. Innerhalb des riesigen Flughafengebäudes wurden unterschiedliche Standorte geprüft und schließlich das zentrale Empfangsgebäude favorisiert.

Ein Plan von vielen. Projektentwickler Joachim Martin Herden legte Mitte der Nullerjahre ein Konzept für eine Teilnutzung des Flughafens Tempelhof für den Leistungs- und Breitensport vor. Der Baustadtrat Tempelhof-Schönebergs fand das seinerzeit gut. Berlins damaliger Senatsbaudirektor Hans Stimmann schrieb Herden: „Leitschnur für die zukünftige Entwicklung des Gebietes ist weiterhin das Nachnutzungskonzept mit dem sog. „Wiesenmeer“. 
Ein Plan von vielen. Projektentwickler Joachim Martin Herden legte Mitte der Nullerjahre ein Konzept für eine Teilnutzung des Flughafens Tempelhof für den Leistungs- und Breitensport vor. Der Baustadtrat Tempelhof-Schönebergs fand das seinerzeit gut. Berlins damaliger Senatsbaudirektor Hans Stimmann schrieb Herden: „Leitschnur für die zukünftige Entwicklung des Gebietes ist weiterhin das Nachnutzungskonzept mit dem sog. „Wiesenmeer“. 
© Foto: Archiv Herden

2012 wurde auf Betreiben des damaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit ein Neubau auf dem Feld beschlossen - in der Nähe des S-Bahnhofs Tempelhof. Dieses umstrittene Projekt wurde durch den Volksentscheid für eine Freihaltung des Flugfeldes 2014 gekippt. 2018 entschied sich der Senat für den Standort Blücherplatz. Im Herbst 2022 mehren sich die Anzeichen, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen einen Standortwechsel in Richtung Tempelhof für sinnvoll hält.

Während dieses langen Prozesses haben sich die Rahmenbedingungen verändert. So hat sich etwa der notwendige Raumbedarf für die Bibliothek angesichts fortschreitender Digitalisierung erheblich reduziert. Seit 2009 ist das Land Berlin Eigentümer des Flughafengebäudes in Tempelhof und muss die notwendigen Kosten für die denkmalgerechte Sanierung und Fertigstellung des Flughafengebäudes tragen.

Inzwischen werden für das gesamte Gebäude langfristig 2 Mrd. Euro kalkuliert. Seit kurzer Zeit drängen die sicht- und erwartbaren Folgen des Klimawandels auf die Vermeidung von Neubau und Versiegelung sowie auf den Schutz von Bäumen und Grünanlagen. Andererseits kommt das Projekt am Blücherplatz nicht richtig voran, ein Baustart wurde auf 2027 verschoben, ist aber eigentlich noch gar nicht richtig absehbar.

Vier Gründe sprechen für Tempelhof

Angesichts dieser Verhältnisse lohnt es sich, noch einmal nachzudenken. Denn zumindest vier Gründe sprechen für Tempelhof:

1. Ökologischer Imperativ: Dass nicht mehr ein Neubau, sondern die Nutzung vorhandener Bauten Vorrang hat, ist eine der großen ökologischen Forderungen unserer Tage. Das müsste doch Koalition wie Opposition zumindest zum Nachdenken bringen. Umbau statt Neubau ist übrigens auch eine Hauptforderung der Berliner Architektenkammer. Und "Neue Umbaukultur" ist die zentrale Botschaft des am 8. November präsentierten neuesten Berichts der Bundesstiftung Baukultur. Ja, wir wissen seit dem Umzug der Regierung nach Berlin, dass jede Institution lieber einen Neubau haben will. Und wir haben gesehen, dass Bauminister Klaus Töpfer damals alle überzeugt hat: Es geht auch im Altbau.

2. Kostenoptimierung: Der Umbau des zentralen Bereichs des Flughafengebäudes wird zwar teuer werden, aber solche Kosten werden auch dann anfallen, wenn die Bibliothek anderswo neu entsteht. Nur dass dann doppelte Kosten anfallen: für den Umbau des Baudenkmals in Tempelhof und für den Neubau. Auch wenn nichts Neues geschieht, ist nämlich der tägliche finanzielle Aufwand zur Erhaltung des Flughafengebäudes immens! Und er wird gewiss nicht weniger. Gespart wird an den anfallenden Kosten für die öffentliche Hand summa summarum nur, wenn das Flughafengebäude für eine Bibliothek genutzt wird.

Dass die Nutzung vorhandener Bauten Vorrang hat, ist eine der großen ökologischen Forderungen unserer Tage.

Harald Bodenschatz, Stadtplaner

3. Einzigartige Lage: Eine Bibliothek wird nicht nur dazu beitragen, weitere Nutzer für das Gebäude zu begeistern, sie kann auch die bisherige Isolierung des Flughafengebäudes aufbrechen und das Feld noch besser mit der Stadt vernetzen. Die Empfangshalle - das Zentrum des Flughafengebäudes und einer künftigen Bibliothek - könnte und müsste dafür als öffentliche Passage gestaltet werden. Damit wäre viel gewonnen: ein weiterer wichtiger Zugang zum Flugfeld, und eine weltweit einmalige Erweiterung des Angebots für die Nutzer der Bibliothek wie die Nutzer des Feldes. Immerhin kommen jede Woche 200.000 Personen auf das Feld, weit mehr als auf den Blücherplatz.

4. Gesamtstädtische Perspektive: Eine Bibliothek in Tempelhof bedeutet auch, dass zentrale Nutzungen besser über die Stadt verteilt und nicht immer auf die Mitte Berlins konzentriert werden. Eine Bibliothek am Platz der Luftbrücke stärkt die südliche Radialstraße des Berliner Siedlungssterns. Diese startet mit der Friedrichstraße, verläuft über den Blücherplatz direkt zum Flugfeld und dann weiter über Tempelhof nach Brandenburg. Sie wurde in der Nachkriegszeit vielfach verstümmelt - durch die Mauer, durch die Isolierung von Mehringplatz und Blücherplatz.

An der Radialstraße drängeln sich heute wichtige Projekte, nur keiner sieht sie im Zusammenhang: an der Friedrichstraße die gestoppte Fahrradmeile, Checkpoint Charlie, das Kulturquartier um das TAZ-Gebäude, der Umbau des Mehringplatzes, dann das Dragonerareal, weiter südlich die Neue Mitte Tempelhof, und schließlich, ganz weit im Süden, die neue Bahnhofstraße Lichtenrade. Das vielleicht wichtigste Projekt steht aber noch aus: ein neuer Eingang in die Innenstadt an der Verkehrskreuzung Ringbahn/Tempelhofer Damm.

Doch es gibt auch berechtigte Einwände gegen den Standort Tempelhof, die es abzuwägen gilt: Ein Umschwenken nach Tempelhof kostet womöglich Zeit. Es spart dafür aber Geld (vgl. Punkt 2). Und ein Standortwechsel nimmt Kreuzberg ein großes Projekt weg. Das ist aus der Bezirksperspektive richtig und bedauerlich, aber mit Blick auf Gesamtberlin zu relativieren. Das Ziel ist ja nicht, Tempelhof zu bevorzugen, sondern eine gesamtstädtisch optimale Lösung zu finden. Ist aber vielleicht das Baudenkmal eine Hürde? Es ist immer beides, es schränkt die Ausbaumöglichkeiten ein, bietet aber auch die Chance eines einzigartigen Profils. Und richtig, die Lage ist nicht ganz so zentral.

Tatsächlich ist die Entfernung vom Blücherplatz bis zum Platz der Luftbrücke aber gar nicht so groß, nicht einmal zwei Kilometer. Und der Doppelplatz außerhalb des Flughafengebäudes ist ein zentraler Standort mit Potenzial, vom Flughafenfeld ganz zu schweigen. Und die Volksabstimmung? Sie richtete sich gegen einen Neubau der Bibliothek am südwestlichen Rande des Feldes, der damals zu Recht von vielen abgelehnt wurde, nicht zuletzt wegen der Möglichkeit, die Bibliothek besser im Flughafengebäude unterzubringen.

Der Flughafen Tempelhof: Bestandsbau vom Feinsten!

Ein letztes gewichtiges Argument für Tempelhof ist das Gebäude selbst. Die Zentralbibliothek würde nicht etwa zähneknirschend in einem Altbau versteckt werden, nein, das wäre ein einzigartiges Pilotprojekt: ein kulturelles Fanal in einem spektakulären Bau mit einzigartigem Vorfeld! Bestandsumbau vom Feinsten!

Denn das größte Gebäude Deutschlands verkörpert die harte Geschichte Berlins im 20. Jahrhundert wie kein anderer Ort: Aufstieg Berlins zu einem europäischen Verkehrszentrum in der Weimarer Republik, Bau eines riesigen Flughafens in der NS-Zeit, das auch der Luftrüstung und Zwangsarbeit diente, Luftbrücke als Antwort auf die sowjetische Blockade nach dem Kriege. Der Flughafen Tempelhof ist eine städtebauliche Anlage von internationalem Interesse und internationalem Rang. Der kommende 100-jährige Geburtstag der Gründung des Flughafens bietet einen hervorragenden Anlass, die Zeit der Vernachlässigung hinter uns zu lassen und eine angemessene Zukunft zu planen.

Unser Gastautor Harald Bodenschatz ist seit 2011 Univ.-Professor a. D., Assoziierter Professor am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin, Mitglied des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und der Planung an der Bauhaus-Universität Weimar. Seine Interessens- und Forschungsschwerpunkte sind: Stadtplanungs- und Städtebaugeschichte, vor allem der europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, nachmoderner Städtebau: Stadtumbau, Zentrumsumbau, suburbaner Städtebau sowie Städtebau in Berlin und Brandenburg.

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