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Lebenswertes Quartier. Das Neubauviertel "Little C" am Coolhaven (Bildmitte) wurde in Backsteinoptik aus 15 Gebäuden errichtet - statt aus zwei Wohntürmen. Vier höhere Gebäude schirmen die kleine Nachbarschaft mit elf "urban Villas" gegen den Straßenlärm ab.

© Ossip van Duivenbode

Wohnen in guter Nachbarschaft: Wohlfühlort für Liftgemeinschaften

Wohnen, Handel und Handwerk werden im Rotterdamer Neubauquartier "Little C" zu einem dichten Viertel nach menschlichem Maß geformt.

Wohntürme sind in Rotterdam in den vergangenen drei Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und haben die Skyline links und rechts der Maas deutlich verändert – und weitere sind in Planung. Im vergangenen Jahr kam mit 215 Metern der Zalmhaventoren (Lachshafenturm) hinzu, das mit Abstand höchste Gebäude im ganzen Benelux-Raum. Rotterdam schmückt sich auch gerne mit dem Titel „Manhattan an der Maas“.

Der dänische Architekt Jan Gehl hat Wohntürme in einem Interview einmal ironisch als eine „Antwort fauler Architekten auf eine hohe Bevölkerungsdichte“ bezeichnet. In den Niederlanden planen nicht nur die großen Städte Wohntürme, sondern auch kleinere wie Tilburg oder Arnhem, weil man glaubt, das Land sei so dicht besiedelt, dass nur das Bauen in die Höhe Platz für mehr Wohnungen biete.

Die Bewohner sollen sich wohlfühlen. Das war Grundlage der Planung. Eine intime Nachbarschaft ermöglicht schnelle Kontakte, Geschäfte und Handwerksbetriebe befinden sich im Erdgeschoss, ebenso Wohnungen mit Terrassen.

© : Daria Scagliola & Stijn Brakk

In Rotterdam zeichnet sich inzwischen ein Umdenken bei der Stadtplanung ab. „Ein Wohnturm wiederholt nur die Grundrisse der Wohnungen und stapelt sie aufeinander“, sagt Bert van Breugel vom Architekturbüro Inbo, das zusammen mit dem Büro CULD das neue Wohnviertel „Little C“ am Coolhaven in Rotterdam entworfen hat. Der Komplex mit 15 Häusern ist seit einem dreiviertel Jahr fertig, hat schon viele Preise gewonnen und wird das „Wunder von Rotterdam“ genannt.

Zwei "Urban Villas" teilen sich mit einem dritten höheren Gebäude einen Liftschacht. Über Brücken gelangt man zu den Aufzügen. Die Assoziationen zum New Yorker Meatpacking-District sind gewollt.

© Rolf Brockschmidt

In dem Wettbewerb um eine Bebauung am Coolhaven, einer Gegend, die zuvor durch eine vierspurige Durchgangsstraße, Straßenbahnschienen und Straßenstrich zerteilt wurde, hat sich ein ungewöhnliches Konzept durchgesetzt. Im Gespräch waren auf der gleichen Fläche auch zwei Wohntürme mit insgesamt 320 Wohnungen. Aber die Architekturbüros Inbo und CULD sowie die Landschaftsarchitekten Juurlink Geluk und Designer haben auf der gleichen Fläche vier eng beieinanderstehende kleinere Wohntürme und elf niedrigere „Urban Villas“ entworfen, die durch ihre Backsteinoptik mit etwas Naturstein, Balkonen und Fluchttreppen an den Außenwänden nicht zufällig an Greenwich Village und den Meatpacking District in New York erinnern.

Der mittlere Platz öffnet sich zum künftigen Tuschinski-Park und dem Becken des Coolhaven. Links und rechts sind Ladenlokale vorgesehen.

© Daria Scagliola & Stijn Brakk

Das war beabsichtigt, denn rund um das alte Hafenbecken des Coolhavens stehen alte Backsteinbauten wie die alte Technikerschule, das ehemalige Finanzamt, um nur einige Solitäre zu nennen. „Wir wollten eine Stadt auf Augenhöhe schaffen“, sagt Bert van Breugel. „Wir haben uns gefragt, wo gibt es Orte auf der Welt, an denen man sich wohlfühlt? Wir wussten schon vor dem Planen, wie man sich hier fühlen soll. Die Frage war also, wie können wir so planen, dass sich die Leute hier wohlfühlen“, erzählt er.

Die Terrassen gehen in den öffentlichen Raum über.

© Rolf Brockschmidt

Die Planungen begannen 2011: Ausgangspunkt der Überlegungen waren die Bedürfnisse der Menschen nach Intimität und einer funktionierenden Nachbarschaft. Es sollte keine anonyme Siedlung entstehen, sondern eine Wohnanlage, in der Blumentöpfe vor dem Haus stehen, man gerne im Viertel in der Sonne sitzt und sich mit den Nachbarn unterhält. So richtete man in den Erdgeschossen Wohnungen, kleine Werkstätten und Geschäfte ein. Mit Hilfe von 3D-Modellen und Virtual-Reality-Brillen wurde vor Beginn der Planungen getestet, wie groß ein Platz sein muss, wie eng Gasse oder Straße sein dürfen, wie groß der Abstand sein muss, damit die Plätze nicht verschattet werden.

Es war schnell klar, dass vier höhere Wohntürme mit Mietwohnungen den Komplex zu dem verkehrsreichen Straßengraben des s'Gravendijkwal abschirmen sollten –als eine Art bewohnter Lärmschutzwand. Jenseits dieses Straßengrabens liegt der gigantische Krankenhauskomplex Medisch Centrum Erasmus mit 15 000 Mitarbeitern. Ein vierter Wohnturm steht um die Ecke zur anderen Hauptverkehrsachse Willem Buytenwegstraat. In diese abgeschirmte Ecke ducken sich dann elf „Urban Villas“ in unterschiedlicher Höhe mit grünen Dachterrassen.

Insgesamt drei grüne Plätze laden zum Verweilen und Begegnen ein.

© Daria Scagliola & Stijn Brakk

Die Häuser gruppieren sich um drei Plätze, die zum Aufenthalt einladen, mit großzügigen Blumenbeeten und niedrigen Büschen und je einem großen Baum. Kletterpflanzen wie Blauer Regen winden sich an den Fassaden empor. Aus jeder Wohnung schaut man entweder auf einen der drei Plätze oder auf das Wasser des Coolhaven. Drei Häuser teilen sich jeweils den Lift in dem höchsten der drei Gebäude. Über insgesamt 46 Stahlbrücken, die der Designer Ruud-Jan Kokke ebenso entworfen hat wie die Balkongitter, gelangt man aus den Häusern ohne Lift zum Aufzug. So entsteht sofort der Meatpacking-District-Look. Durch die Verlagerung der Fluchttreppe an die Fassade – wie in New York – gewinnen die Architekten mehr Raum für die Wohnungen im Innern und mehr Variationsmöglichkeiten.

Der Grundriss der jeweils zwei Wohnungen pro Etage in den „Urban Villas“ konnte von den Bewohnern bestimmt werden. Alle 107 Eigentumswohnungen haben unterschiedliche Grundrisse und eine Deckenhöhe von 2,90 Meter. Die hohen normierten Fenster mit Stahlrahmen verstärken zusammen mit dem Backstein die Illusion eines alten Hafenviertels, ohne dass es kitschig oder nostalgisch wirkt.

Auf dem Gelände sind in den 15 Bauten genau so viele Wohnungen untergebracht wie in zwei Wohntürmen, die ein Mitbewerber hier vorgeschlagen hatte.

© Rolf Brockschmidt

Aber wie entsteht nun Nachbarschaft? Jeder Wohnturm hat eine Tiefgarage und von dort aus gelangt man mit dem Aufzug sofort zu seiner Wohnung. In „Little C“ liegen die Parkplätze und die Fahrradstellplätze im Keller. Die Treppe führt nach oben ins Freie. Man geht zu seinem Haus und kann auf dem kleinen Fußweg Nachbarn treffen.

Für Menschen, die anonymer wohnen möchten, seien die Wohnungen in „Little C“ nicht geeignet, sagt van Breugel. An den Höfen wohnt man ebenerdig, die Terrasse geht in einen Hof über, es gibt keinen Zaun, nur Blumenkübel. 800 Menschen wohnen hier. In den drei Türmen gibt es insgesamt rund 200 Mietwohnungen. Im „Familienhaus“ des MC Erasmus können sich Angehörige krebskranker Kinder länger einquartieren. Später, wenn ein altes Betongebäude des MC Erasmus abgerissen wird, soll eine Brücke über den s'Gravendijkswal das Krankenhaus mit „Little C“ und dem noch anzulegenden Tuschinski-Park verbinden. Zum s'Grafvendijkswal liegen im Erdgeschoss vor allem Werkstätten, die über große Holzschiebetüren verfügen. Sie laufen auf Stahlschienen, ein dezenter Verweis auf die Lagerhäuser im Hafen.

Passage entlang der Wohntürme, die den Komplex zur vielbefahrenen Straße abschirmen.

© Daria Scagliola & Stijn Brakk

Mit der Anlage des Parks vor der Haustür gelingt den Architekten ein weiterer Coup. Plötzlich ist Coolhaven mit „Little C" ein Drehkreuz, das verschiedene bisher voneinander getrennte attraktive Stadtviertel miteinander verbindet, etwa die prächtige, grüne Gracht Heemraadsingel im Norden mit dem großen Park um den Euromast. Durch die Brücke zum MC Erasmus in Ost-West-Richtung haben auch die Mitarbeiter:innen, Patienten und Besucher einen schnellen Zugang zu den Parks und zum Coolhavenbecken, an dessen Ufer sich erste gastronomische Betriebe ansiedeln, soweit die Pandemie es zulässt.

Auch die benachbarte Hogeschool Rotterdam wird von dem Grünzug profitieren. Das Grün des Wohnviertels wird zentral gepflegt und unterirdisch mit dem gesammelten Regenwasser versorgt. Das Regenwasser unter den Gassen und Plätzen läuft nicht in die Kanalisation, sondern wird erst gesammelt und versickert dann im Boden. So wird das Mikroklima in heißen Sommern verbessert.

Drei für alle Bewohner zugängliche Dachgärten werden von den Bewohnern gepflegt, eine Liftgemeinschaft habe sogar schon den Königstag zusammen gefeiert, erzählt van Breugel.

Große Schiebetüren, die an Lagerhäuser erinnern, markieren die Rückseite der großen Wohntürme zur vielbefahrenen Straße, die hier noch überbrückt werden soll.

© Rolf Brockschmidt

„Little C“ wird nun ein Vorbild für die Rotterdamer Stadtplanung und der Rat der Gemeinde Den Haag habe sogar einen Antrag mit dem Namen „Little C“ beschlossen, erzählt van Breugel stolz. Er hat bewiesen, dass Verdichtung auch anders geht, mit einem menschlichen Maß, das Intimität ausstrahlt. Mit einem floor space index (FSI) von vier ist die Wohndichte sogar doppelt so hoch wie in de Pijp, Amsterdams legendärem dichtbesiedelten Wohnviertel aus dem 19. Jahrhundert oder in der Amsterdamer Südachse, dem Erweiterungsgebiet der Hauptstadt.

Leben am Wasser. Später wird hier der Tuschinski-Park angelegt, der das Wohnviertel mit dem Coolhaven verbindet.

© Daria Scagliola & Stijn Brakk

„Little C“ stoße international auf ein großes Echo, man könne einiges davon übertragen, allerdings müsse man es mit den Menschen vor Ort individuell den Gegebenheiten anpassen, sagt van Breugel. Die Idee, vor der Planung Menschen zu fragen, wie sie leben wollen und was sie dazu brauchen, lässt sich anderenorts locker übernehmen.

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