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Beim Quartier an der Heidestraße habe man sich unnötig an der Berliner Blockrandbebauung orientiert, sagt Edmaier.

© imago/STIPP

Präsidentin der Architektenkammer Berlin: "Wohnungsbau ist eine 'Schwarzbrotaufgabe'"

Die Präsidentin der Berliner Architektenkammer Christine Edmaier wünscht sich mehr Planungswettbewerbe, mehr Aufträge für kleinere Büros und weniger Pauschalkritik.

Frau Edmaier, Ende der kommenden Woche veranstalten Sie den „Tag der Architektur Berlin“. Wie ist die Lage? Partizipieren alle Berliner Architekten am Bauboom in Berlin, oder freuen sich nur große Büros wie zum Beispiel Graft oder Eiche Becker Architekten?

Zunächst einmal profitieren die großen Büros überproportional, das stimmt. Weil aber in Berlin sehr viel gebaut wird, haben inzwischen zunehmend auch die kleineren Büros eine bessere Auslastung. Allerdings stellen gerade die Wohnungsbaugesellschaften sehr hohe Anforderungen an die Erfahrung, obwohl sie selbst in den Jahren davor kaum Aufträge vergeben haben. Viele gute Architekturbüros, die eher kleinere Wohnbauten oder im Bestand geplant haben, können diese nicht erfüllen. Schließlich ist Wohnungsbau eine „Schwarzbrotaufgabe“, die kein Spezialwissen, aber viel Engagement erfordert.

Wie ist denn Ihr erstes Treffen mit Berlins Senatorin für Stadtentwicklung, Katrin Lompscher, verlaufen? Sind Sie im Einklang, wenn es um die Prioritäten der wachsenden Stadt Berlin geht? Hat Frau Lompscher ein Faible für Architektur?

Ja, das hat sie wohl. Sie sagt allerdings auch, dass bei ihr das Bauen preisgünstiger Wohnungen absolut im Vordergrund steht. Die Qualität will sie in erster Linie über Partizipation sichern, in Verbindung mit entsprechenden Wettbewerbsverfahren ist das hoffentlich auch möglich. Wir befürchten aber, dass durch die neuen Regelungen für dreißig Prozent sozialen Wohnungsbau im Zuge der kooperativen Baulandentwicklung – die ja derzeit nur für Areale mit Bebauungsplanverfahren gelten – nun auch für alle kleineren Flächen Bebauungspläne aufgestellt werden. Das wird viel Zeit brauchen. Deshalb sollte darüber nachgedacht werden, wie auch bei anderen Genehmigungsverfahren ein angemessener Anteil für sozial verträgliches Wohnen erreicht werden kann.

Die Stararchitekten Daniel Libeskind und Rob Krier führten laute Klagen über die neuere Architekturgeschichte in Berlin. Total gleichförmig, so lautet der Vorwurf von Libeskind. Andererseits werde in Berlin das historische Erbe verspielt, grollt Krier. Können Sie den Vorwürfen folgen?

Na ja, pauschale Kritik zu üben ist leicht. Und ob das Nobelprojekt Sapphire mit exklusiven Mietwohnungen in der Chausseestraße von Libeskind dazu einen ernsthaften Beitrag liefert? Über dieses und andere Projekte werden wir übrigens im September im „Architekturquartett“ in hochkarätiger Besetzung öffentlich diskutieren. Und Rob Krier hat mit dem Potsdamer Kirchsteigfeld die Berliner Blockrandbebauung auf der grünen Wiese wiederholt, revolutionär ist das auch nicht.

Welchen Einfluss haben Architekten heute noch auf das Baugeschehen, das – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von Zweckbauten bestimmt wird?

Wohnungsbau kann aus meiner Sicht kein Zweckbau sein, denn Wohnen ist ein Grundbedürfnis und jedes Haus muss ein Mindestmaß an menschenwürdiger Gestaltung aufweisen, das nicht unterschritten werden darf. Dabei geht es um Individualität und Sorgfalt, weniger um Geschmack. Wenn aus Kostengründen winzige Fenster oder 500 gleichförmige Wohnungen am Stück gebaut werden, dann entspricht das nicht immer diesem Mindeststandard.

Wird denn in diesem Sinne in Berlin gebaut? Im Quartier Heidestraße in der Europacity hat man ja nicht unbedingt den Eindruck, dass hier ein Viertel mit großer Aufenthaltsqualität entsteht.

Das wird man erst noch sehen müssen. Es dauert ja bis zu 20 Jahre, bis so ein Viertel dann wirklich eingelebt ist, die Gründerzeitviertel sahen auch nicht immer so aus wie heute.

"Bei der Europacity hat man alles an große Investoren gegeben"

Christine Edmaier ist seit 2013 Präsidentin der Berliner Architektenkammer.

© Kirsten Ostmann/Architektenkammer Berlin

Aber die Pläne gibt es doch schon! Das ist doch alles bereits abzusehen!

Das eine Problem bei der Europacity ist, dass man sich ohne Not an der Berliner Blockrandbebauung orientiert hat. Das schränkt die gestalterischen Spielräume ein und lässt kaum komplexere Bauformen mit innovativen Erschließungsmodellen und hoher Dichte zu, wie sie heute benötigt werden. Wenn Gebäude nur eine Vorder- und eine Rückseite haben, ist das für kleine Wohneinheiten eher ungünstig. Das zweite Problem ist, dass man alles an große Investoren gegeben hat. Etwas mehr Kleinteiligkeit und Vielfalt der Akteure wäre an diesem Ort sicher besser gewesen, und heute würde man das wohl anders planen, dichter und sozial ausgewogener. Damals war man froh, überhaupt Investoren zu finden.

Zudem kann man den Eindruck gewinnen, dass die Projektentwickler allein auf Wohn- oder Büroraum setzen und in den Erdgeschosszonen kaum Platz für Geschäfte oder kulturelle Nutzungen lassen. Muss hier die Politik nicht gegensteuern?

Die Beobachtung stimmt. Projektentwickler setzen aus finanztechnischen Gründen entweder auf das eine oder auf das andere. Hier hat die Politik wenig Zugriff. Wir hoffen aber auf das „urbane Gebiet“, das der Deutsche Bundestag vor einigen Wochen als neuen Baugebietstypus beschlossen hat. In solchen Gebieten soll Wohnen und Gewerbe unmittelbar nebeneinander Platz finden. Idealerweise können wir vielleicht eines Tages nutzungsneutrale Gebäude bauen, in denen man wohnen oder arbeiten kann.

Mit steigenden Immobilienpreisen werden im Neubau die Grundrisse immer mehr minimiert. Die deutsche Gesellschaft altert und die Haushalte werden kleiner. Gleichzeitig gibt es immer mehr Home Offices, die Arbeitskräfte werden mobiler und reisen ohne großes Gepäck durch die Welt, vor allem ohne Möbel. Wie müssten Wohnungen für diese Klientel heute aussehen und gebaut werden?

Ja, das fängt beim Städtebau an und das sind die Fragen die uns beschäftigen und für die wir Experimentierfelder brauchen. Da wird immer wieder gerne unsere Kreativität aufgerufen, meist ohne entsprechende Vergütung. Deshalb sind wir ja – unter anderem – auch so für Planungswettbewerbe, um Neues auszuprobieren, das dann aber auch in Pilotprojekten realisiert werden muss und nicht in der Schublade landet.

Es wird in Berlin immer wieder einmal der Wunsch nach einer neuen IBA geäußert, so von Hans Kollhoff, so von Klaus Theo Brenner, der vor allem die Entwicklung des Berliner Außenrings in den Blick nehmen will. Stimmen Sie hier mit ein?

Ja, die Architektenkammer Berlin war für eine IBA in Berlin, und wir haben die Absage sehr bedauert. Inzwischen gibt es in vielen Städten IBAs und der Name ist nicht wichtig, wir haben deshalb für Berlin eine LOBA vorgeschlagen – Lokale Bauausstellung. Es ist aber bislang leider nicht zu erkennen, dass diese Vorschläge gehört werden.

Wo hat Berlin denn ohne IBA oder LOBA Platz für Künstlerisches und Verspieltes? Oder brauchen wir das gar nicht?

Das müssen Sie eigentlich nicht die Architekten fragen. Die können dafür allenfalls Freiräume schaffen und erhalten, in denen Künstler und Bewohner sich entsprechend ausdrücken. Ich sehe es nicht so sehr als unsere Aufgabe, uns selbst zu verwirklichen oder gar auszutoben.

Aber ein offener Städtebau mit freien Zonen macht doch ihre Gebäude erst bewohnbar und lebenswert. Nicht umsonst streben doch viele Menschen im Sommer auf alte Industriebrachen an der Spree, um des puren Vergnügens willen. Was ist zum Beispiel mit Flaniermeilen?

Was meinen Sie mit Flaniermeilen?

Zum Beispiel eine Flaniermeile, wie die Straße Unter den Linden zu früheren Zeiten einmal eine war. Es gibt Menschen, die die Planung einer solchen Flaniermeile in der Europacity vermissen.

Ja, das stimmt natürlich. Jedes Gebiet, das in Berlin neu entwickelt wird, sollte eine Architekturmeile mit entsprechenden Freiräumen haben. Bei der Europacity wird das hoffentlich eines Tages die Promenade am Wasser. Die Menschen gehen gerne am Wasser, aber auch an Häusern entlang, deren Architektur individuell und abwechslungsreich ist, selbst wenn einem nicht alles gefallen muss. Schließlich gibt es dort etwas zu gucken und zu diskutieren – und das ist gut so.

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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